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Ein Martinsabend vor 100 Jahren

Von Dr. Dr. WALTHER OTTENDORF-SIMROCK

 

Ein Nachfahre des Bonner Dichters und Gelehrten Karl Simrock erzählt von den „Martins-liedern", die Simrock vor 100 Jahren sammelte und zusammen mit einer wissenschaftlichen Abhandlung über das Martinsbrauchtum herausgab. Der Titel des 1846 erschienenen, heute verschollenen Büchleins lautet:

„Martinslieder, hin und wieder in Deutschland gesungen
Von Alten und von Jungen
zu Ehren des bescheidenen Manns (Bei einer wohlgebratnen Gans)
Mit zweien Vorberichten,
Die manches Dunkle lichten
in Druck gegeben 'säuberlich
durch Anserinum Gänserich.
Bonn, gedruckt in diesem Jahr,
Da der Wein gerathen war."

Im Honoratiorenstübchen der Endenicher Wirtschaft „Am Heideweg" prasselte das Feuer im Kamin. Es ist Martinsabend, und wir schreiben das Jahr des Heiles 1846. Der Tisch trägt festlich-weißes Linnen und der Flackerschein der Kerzen in den hohen Leuchtern überschimmert das gute Porzellan, er funkelt im Silber der Bestecke und bricht sich im geschliffenen Kristall der langstieligen Römer. Ein würzig-verlockender Duft weht aus der Küche den breiten, im Dämmer liegenden Hausflur entlang.

 

Indessen lässt Herr Harzheim, der Wirt, einen letzten, liebevoll-prüfenden Blick über die ansehnliche Batterie der Flaschen im Winkel des Küchenvorraumes gleiten. „Sin' de Bonner Häre dann noch nit do?" Zum dritten Male klingt die Frage der Wirtin aus der Küche zum Gastraum hinüber. Gleichmütig kommt die Antwort zurück: „Bis' nur still, Mutter, die Häre kumme glich. Der Mätezog es' doch noch nit durch, und so jet löht sich der Simrock und uch der Kinkel für de Welt nit durchjon... Dofür kenns' Du se doch!"

 

Da seufzt die im Dunst des Herdes stehende Wirtin leise auf und wendet ihr Gesicht, das beinahe mit dem Feuer um die Wette glüht, erneut ihrer Beschäftigung zu. 0, wie es im Bräter bruzzelt! Und wie zur Bekräftigung der Worte des Wirtes ertönen jetzt draußen auf der Gasse strahlend-schmetternde Kinderstimmen:

Här Zinter Mäte',
Dat wor ne gode Man,
Der deelt singe Mantel
Mit enem ärme Mann.

Durch die Fenster der Gaststube bricht tanzendes Licht herein: pausbäckige Buben und Mädel tragen auf Stecken ausgehöhlte Knollen und Kürbisse, in denen Lichtlein brennen. Es ist ein langer, lärmender Zug, der durch die Gasse drängt. An den Fenstern und in den Türen er­scheinen Väter und Mütter mit lachenden Gesichtern. Großvater nimmt die „Pief" schmunzelnd aus dem Mund und Großmutter und Tant' lassen für einen Augenblick das Strickzeug ruhen, während die Lippen die wohlbekannten Verse des alten Martins-Liedes mitsummen:

Mertensovend machen de Wiewer de Wörsch,
Und wann se Wing im Keller hann,
Dann drinke se, wann se dörsch.
Wingche enn de Fläsche,
Geldche enn de Täsche,
Wingche mohs gedrunken sinn,
Geldche mohs verzehret sinn.

Und jetzt werden die Stimmen der Alten fromm und gläubig wie die der Kinder; denn, vom Rauch der Fackeln umwölkt, gleitet schemenhaft der Reiter durch das Dunkel des nebligen Novemberabends hin. Kaum ahnt man die in den roten Mantel gehüllte Gestalt des Heiligen hoch zu Roß, zu dessen Ehre in einer Stunde allerorts von den rheinischen Höhen herab die Holzstöße flammen werden.

 

Aus dem Versinken in Traumwelten reißen umso unerbittlicher die heischenden Buben- und Mädelstimmen:

Muus, Muus, komm eruus,
Breng ä gruhs Stöck Holz eruus.
Oh! gitt dem ärme Mätesmännchen
doch e klen Stöckelche Holz!

Lied und Licht wandert dahin und schwindet; die Gasse liegt wieder stumm Da eilt eine große, dunkle Gestalt die Straße herab. Mit einigen Sprüngen nimmt sie die ausgetretenen Stufen des Gasthauses und schon steht sie mitten in der Stube, in der der Wirt eben das Fenster schließt. „Ah, der Herr Doktor Simrock! Juten Abend, Herr Professor, Sie sin' hück de eschte!"

 

Harzheim dienert tief. Der Gast gibt freundlich Antwort, lässt den langen Umhang fallen und steht nun im braunen Flausrock da, die hellgeblümte Weste lugt ein wenig hervor. Über den hohen Vatermördern steht der kluge Gelehrtenkopf mit dem kurzgehaltenen Kinn- und Backenbart, den dichten schwarzen Augenbrauen und dem noch dichteren Haupthaar, schwarz wie Ebenholz. Der Ernst dieses Gesichtes wird aber durch einen Mund aufgehoben, der sich auch schon gern einmal in die Breite zieht, um zu schmunzeln, listig zu schalken und echt rheinisch-herzhaft zu lachen.

 

Vater Harzheim dienert zum zweiten Mal und jetzt noch tiefer als zuvor. Der ihm gegenüber steht, ist nicht ein Musjöh Irgendwer, der Simrock ist ein angesehener, ein wohlhabender Bürger, einer, der Doktor ist und von dem es heißt, er sei ein Poet. In der Acherstraße zu Bonn besitzt er ein stattliches Haus, dazu im Menzenberger Tal über Honnef ein Weingut, wo er einen süffigen Roten keltert.
Das muß man ihm lassen: er versteht etwas vom Wein, der Herr Simrock, und dazu muss er wohl ein hochgelehrtes Haus sein, denn die jüngeren Dozenten der Universität, die sich zusammen mit einigen Gymnasiallehrern und Ärzten von wissenschaftlicher Bildung wöchentlich sonnabends in Endenich zuerst einmal zum reihum gehaltenen Vortrag und dann aber auch zum kräftigen Umtrunk treffen, betrachten ihn ganz als einen der Ihrigen; und dabei hat er es noch gar nicht zu einer Professur gebracht. Aber das weiß jeder hierzuland: der Doktor Simrock wird einmal eine Zierde der Bonner Alma Mater sein!

 

Der Wirt hat auch etwas davon läuten hören, dass der jetzt Vierundvierzigjährige sich anno 1830 - drei Jahre nach dem Erscheinen seiner meisterlichen, von Goethe gelobten und vom breiten Publikum freudig aufgenommenen Übertragung des Nibelungenliedes — die Ungnade allerhöchst des Königs von Preußen zugezogen hat: Simrock, damals Kammergerichtsreferen-dar in Berlin, hatte allzu rheinisch-freimütig die Pariser Julirevolution in einem Gedicht verherrlicht.
Die Männer des „Schwanenorden", wie der von Harzheim schwärmerisch verehrte Gottfried Kinkel die Samstagsrunde getauft hat, sehen deshalb auch auf der hohen Stirn und um das Haupt Karl Simrocks etwas von der Gloriole politischen Märtyrertums. Schon das würde genügt haben, ihm im Herzen des wie so viele Rheinländer für Freiheit und Gleichheit entflammten Wirts einen Ehrenplatz zu sichern.

 

Herr Doktor Karl Simrock steht versonnen, als lauschte er in sich hinein. Dann aber schlüpfen aus ihrem Versteck die kleinen Schlängelchen um den Mund und die dunklen Augen blitzen schalkhaft: „Mein lieber Herr Wirt: heut' wollen wir einmal nicht wie sonst der strengen Wis­senschaft dienen; heut' ist rheinischer Feiertag. Ach, wir hörten an den letzten Abenden nacheinander so viele treffliche Vorträge über die Alpengletscher und den Herzschlag des Menschen, über Paracelsus und die Regenbildung, über die europäische Volksstimme und die antike Architektur, über Anton van Dyck und die neu vorgelegte Gemeindeordnung. Und sie saßen dabei, hörten zu und vergaßen auch nicht, gelegentlich einzunicken.


Allerdings freute es mich, dass sie bei meinem letzten Vortrag über die mittelalterliche rheinische Legende nicht eingeschnarcht sind. Dafür lade ich Sie auch nachher zu einem Schoppen ein." Simrock lachte und klopfte Vater Harzheim auf die Schulter. „Heute soll auch der so oft besprochene Universitätsschlendrian oder der Kummer, den dieser und jener ver­knöcherte Ordinarius den armen Privatdozenten und unbesoldeten Extraordinarien zu bereiten pflegt, gänzlich unter den Tisch fallen. Es ist ja Martinsabend, und wenn Kinder zu Ehren des Heiligen ihre Lieder singen und Scheitholz für das Martinsfeuer erbitten, dann soll auch unser Herz glühen wie ein Martinslicht!


Die Alten sitzen heute im häuslichen Kreis oder mit guten Freunden bei neuem Wein und einer gebratenen Gans behaglich zusammen." Eine Unmutswolke schattet jetzt über sein Gesicht:,, Ach, die schöne rheinische Sitte, den Martinsabend zu feiern, schwindet mehr und mehr und wird vielleicht, wenn eine löbliche Polizei so fortfährt, in einigen Jahren völlig ver­löscht sein." —

 

„Do han se räch, Herr Doktor," pflichtet Harzheim eifrig bei, „et es en Sünd und en Schand, wie et die Preußen mit ons ärme Rhingländer maache! " — „Noch leuchten die Martinsfeuer von unseren Bergen", fährt Karl Simrock fort, „aber wo soll künftig das Holz herkommen, wenn die Martinsmännchen es nicht mehr einsammeln dürfen, das Martinsliedchen es nicht mehr begehren darf, nur weil der verdammte Amtsschimmel aus Berlin keine andere Kost erhält als verstaubte Paragraphen! — Aber ich wehre mich dagegen, und deshalb habe ich zur Förderung unserer altehrwürdigen Bräuche die Lieder gesammelt, die von altersher gesungen werden, die Lieder von der duftigen Martinsgans und die beglückenden Martinslieder."

 

Simrock war so recht in Eifer geraten. Er griff in die tiefe Tasche und zog ein Päckchen hervor: „Hier, Vater Harzheim, hier sind sie, die Martinslieder, soeben aus der Druckerpresse ans Licht des Tages gebracht!" Und vor den Augen des verständnisvoll nickenden Wirtes packt der Gelehrte ein Dutzend und mehr der kleinen braunen Bändchen, die „Martinslieder", aus und schiebt geschickt unter jede Serviette eines der Büchlein.

 

„Nun dürfen die Freunde kommen!" Er steht am Fenster und träumt in den Abend hinaus. Da geht die Tür auf und herein stürmt im weiten Flattermantel, mit wehenden Locken Gottfried Kinkel, der unrastige Rheinländer. Ihm folgen auf den Fersen die „Schwanenritter". — „An mein Herz, alter Freund und Sangesbrüder!"—sprudelt es von Kinkels-Lippen.-„Simrock, Siebenrock, alter Träumer! Schaut, wie er da steht, unser hochgeehrter Wiedererwecker der Heldensage und der Volksbücher, der treffliche Sammler der Rheinsagen, der Volkslieder und Bräuche, der Schöpfer des Amelungenliedes! Schaut, wie er rot wird, der rheinische Poet und Warner vor dem Rhein!"

 

Kinkel presst dem Freund begeistert die Hände. Der will sich gegen das hohe Loblied wehren. Aber seine Abwehr geht in dem wilden Vivatgeschrei der Gefährten unter, in das sich die Klänge des Simrockschen Liedes „An den Rhein, an den Rhein, zieh' nicht an den Rhein, mein Sohn ich rate dir gut!" mischen. Sie singen das berühmte Lied, die „Warnung vor dem Rhein", und die Tasten des arg verstimmten Klaviers ächzen unter dem stürmischen Spiel eines der Männer.

 

„Zuviel der Ehre, liebe Freunde!", bringt Karl Simrock mühsam hervor. Er lacht und doch stehen ihm die Tränen in den Augen. Aber schon umdrängen ihn die Brüder des Schwanen­ordens, die Gläser in der Hand. (Wirt Harzheim, seine Chance erspähend, hat sie flugs mit rubinrotem Neuen — ist es Drachen-, ist es Eckenblut? Ist's Wein von der Ahr? — gefüllt.)

 

Wie die Kelche aneinanderläuten! Schönster Ton jedem rheinischen Ohr...es klingt wie Glockenbeiern von den Kirchtürmen des gesegneten, rebenbestandenen Tals. Und jetzt kommt s i e herein, die Wirtin, das weiß gestärkte Schürzchen um; ein Duft umwölkt sie und alle Nasen blähen sich auf; gleich hinter ihr, bei Gott, ein wirklicher Gänsemarsch, gehen ihre fünf Töchter-her und auf großen Platten liegen die leckeren Martinsvögel.

 

Was beschwichtigende Worte nicht vermocht haben, der Anblick lässt die lautesten Stimmen verstummen. Nur ein voll Inbrunst gehauchtes „Ah" entringt sich noch den Lippen der Männer. Nun sitzen sie zu Tische; und wie sie die schneeig-weißen Mundtücher heben, lächelt Simrock in sich hinein. Rufe klingen auf. Verwundert blättern die Hände das Büchlein auf. S i e sind es, die „Martinslieder", das Ergebnis liebevollen Gelehrtenfleißes, den Gefähr­ten des fröhlichen Bundes, der Jugend und dem Volk am Rhein mit humorig gereimten Titelversen dargebracht, von den also Beschenkten in Freude und Dank entgegengenommen.

 

Sie heben, still geworden, noch einmal die Römer, darin der Wein im Licht der Kerzen purpurfarben funkelt, und trinken zur höheren Ehre des Heiligen einander zu, indes die hellen Kinderstimmen von fernher durch das Dunkel des Martinsabends herübertönen.

 

Quelle: Eifeljahrbuch hrsg. vom Eifelverein 1962 S.95 – 98