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Martinstafeln

Etwas versteckt an der Ostseite des Münsters ist das Leben des Heiligen Martin dargestellt. In römischem Gemäuer befinden sich bronzene Tafeln, die der Künstler Ernemann Sander geschaffen hat.

 

Der Martinszug

Kinder mit Laternen und Fackeln in den Händen ziehen in diesen Tagen wieder durch unsere Straßen. Mitten unter ihnen auf einem Pferd ein Reiter in der Uniform eines römischen Soldaten mit einem großen roten Mantel: St. Martin. Kaum ein anderer Heiliger genießt hier eine solche Verehrung wie dieser in Ungarn geborene Sohn eines römischen Offiziers und spätere Bischof von Tours. Auch das Bonner Münster trägt seit 1812 den Namen des Heiligen. Dort, wo bis zu diesem Zeitpunkt die alte Martinskirche stand, hat der Künstler Ernemann Sander (1981/82) sechs Reliefs geschaffen, die das Leben des Kirchenpatrons zeigen. Einige Szenen sind nicht so geläufig wie die Mantelteilung oder die der schnatternden Gänse, die Martin verrieten, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof verstecken wollte. Auf dem Relief mit dem Martinszug sieht man die alte Martinskirche im Hintergrund.

 

Die Mantelteilung

Mit 15 Jahren trat Martin in die römische Armee ein und bereitete sich schon während seiner Dienstzeit auf die Taufe vor. Wir wissen von ihm, dass er bei seinen Kameraden beliebt war, nicht wegen rauer Soldatenmanieren, sondern wegen seiner Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. 

 

Sein Biograf Sulpicius Severus schreibt über ihn:

„Seine Güte gegen die Kameraden war groß, seine Liebe erstaunenswert, seine Geduld und Demut überstiegen alles Maß. Um dieser Eigenschaften willen hat er die Herzen aller seiner Kameraden gewonnen, sodass sie ihn mit seltener Hochachtung verehrten. Er half bei schwerer Arbeit mit, unterstützte Arme, speiste Hungernde, kleidete Nackte, von seinem Kriegersold behielt er nur das für sich, was er für den täglichen Unterhalt brauchte.“

 

Um 333 war er im nordfranzösischen Amiens stationiert. Eines Tages, mitten im Winter, begegnete Martin am Stadttor einem unbekleideten Bettler. Er sieht den Armen, hört seinen Ruf um Erbarmen und handelt. Da gibt es kein langes Überlegen, kein Abschätzen des Risikos, kein Ruf nach helfenden Institutionen. Martin teilt seinen Soldatenmantel mit dem Bettler.

 

Es scheint, dass die Menschen bis heute instinktiv spüren, dass genau dies immer noch vorbildlich ist: Menschen, die die Not sehen und selbst lindern.  In der Nacht darauf erschien Martin im Traum Jesus Christus, bekleidet mit Martins halbem Militärmantel.

 

Bischof Klaus Hemmerle deutete es so: „Das Kostbarste an der Martinsgeschichte ist, dass Christus im Grunde zweimal darin vorkommt. Einmal ist Christus in jenem Ärmsten, dem Martin seine Liebe schenkt. Zum anderen ist Christus in Martin, der liebt, wie Christus selber liebt.“

 

Dieser Traum deutet aber nicht nur die Tat im Lichte des Evangeliums. Wenn Gott sich selbst, bekleidet mit der Mantelhälfte, vor den Taufbewerber hinstellt dann wird daraus eine Berufung: Gott will keine halben Sachen, sondern er beruft den ganzen Menschen. Martin hat dies genau verstanden, denn jetzt beeilt er sich, die Taufe zu empfangen.

 

Es geht nicht um ein gewohnheitsmäßiges Christentum, um Teilen, um Gut-Sein, um Nächstenliebe. Gott will den ganzen Menschen. Paulus sagt es so: nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. (Gal 2,20) Aus dem Soldaten Martin wird bald ein Soldat Christi mit einer großen Verehrung für die Märtyrer der thebäischen Legion, zu denen die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius gehören.

 

Der Militärdienst

Nach diesem Erlebnis lässt der Taufschüler sich taufen und strebt die Entlassung aus dem Militärdienst an. In Worms gibt es die Gelegenheit, als der Kaiser seinen Soldaten vor dem Kampf eine Prämie auszahlen lässt. „Bis heute habe ich dir als Soldat gedient; erlaube, dass ich in Zukunft für Gott streite. Deine Prämie möge annehmen, wer kämpfen will. Ich bin ein Soldat Christi. Mir ist es nicht erlaubt, mit der Waffe zu kämpfen", zieht Martin den Schlussstrich. Das gefällt dem Feldherrn ganz und gar nicht. Auf dem Relief duckt sich sogar der Hund zu seinen Füßen.

 

Die Arianer

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst wird Martin Schüler des Bischofs Hilarius in Poitiers, ein entschiedener Gegner des Arianismus. Bald schon muss er die Erfahrung machen, wie fanatisch die Anhänger dieser Irrlehre sind. In Mailand wird er von ihnen mit Ruten geschlagen.

 

 

Die Bischofsweihe

Das Volk liebt den Priester Martin, der sich in ein Kloster zurückzieht.  Hier begegnet uns ein anderer Martin als in Amiens. Hier ist er nicht mehr der Mann der Tat, sondern mehr der Kontemplation.

 

„Geist und Gemüt war immer dem Himmel zugewandt. Das Gebet unterbrach er nie, mochte er äußerlich wie immer beschäftigt sein. Sein Antlitz verklärte ein himmlischer Freudenglanz, sodass er wie ein überirdisches Wesen angesehen wurde. Von leidenschaftlicher Erregtheit, Lust oder Trauer, fand sich in ihm nichts. Wer ihn sah, erkannte sogleich, dass er jetzt schon geistiger Weise im Lande des Friedens und der ewigen Ruhe wandelte“, heißt es bei seinen Biografen.

 

Seine Wahl zum Bischof von Tours wird zu einem Volksentscheid. Die einen erzählen jetzt die Geschichte von den Gänsen, die Martin verraten haben, als ihn die Menschen zum Bischof machen wollten. Die anderen wissen von einem vorgetäuschten Krankenbesuch zu berichten, mit dem man Martin in die Stadt Tours gelockt haben will.

 

Der Künstler Ernemann Sander hat die Bischofsweihe am 4. Juli 372 auf dem Relief auf das Wesentliche reduziert: ein demütiger Martin, der vor dem Konsekrator kniet und dem der Hirtenstab gereicht wird.