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Ehemalige Martinskirche am Bonner Münster

Was hat das Bonner Münster mit dem Heiligen Martin zu tun?

Die Martinskirche an der Ostseite des Münsters

Von Professor Dr. Gisbert Knopp

 

Die alte romanische Martinskirche, eine der drei mittelalterlichen Pfarrkirchen im eigentlichen Stadtgebiet von Bonn, ist heute nur noch im Grundriss des Straßenpflasters unmittelbar vor dem Ostchor des Münsters und in alten Abbildungen erlebbar: ein Rundbau mit einem Durchmesser von 18 Metern.

 

Die bildlichen Darstellungen zeigen  einen kreisrunden Zentralbau mit doppelgeschossigem Umgang, Westvorhalle und kleiner Ostapsis für den Altar. Im inneren Stützenkranz wechseln einfache und Zwillingssäulen, die durch übergreifende Blendbögen verbunden waren. Sie war die Pfarrkirche für die Stiftsfamilie, die Dörfer Kessenich und Poppelsdorf.

 

Maßgebender Bauherr war, wie am Münster, der Stiftskirche Cassius und Florentius, Gerhard von Are. In seiner Frühzeit als Stiftspropst errichtete er um das Jahr 1150 an der Stelle zweier Vorgängerbauten, einer kleineren  Saalkirche aus dem 5. Jahrhundert und einer dreischiffigen Kirche aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts, den für eine untergeordnete Tauf- und  Pfarrkirche ungewöhnlich monumentalen Zentralbau.

 

Das Innere der Martinskirche

Eine Pfarrkirche als Rundbau, das ist für das Mittelalter eine ungewöhnliche Bauform. Sie ist einzigartig und vielleicht mit geistigen Rang des Gerhard von Are zu erklären, der hier bestrebt war, eine monumentale Bautengruppe in der Art zentraler Mausoleen oder Baptisterien - nach dem Vorbild Italiens: Lateran, Ravenna, Pisa Florenz - in direkter Nähe zur Hauptkirche zu schaffen. Der Hauptaltar in der kleinen Apsis barg die Reliquie des hl. Martin, eingeschlossen in einer silbernen Kapsel. Der Taufstein, der auf der Innenansicht rechts im Umgang zu sehen ist, stand ursprünglich in der Mitte der Kirche.

 

Dorthin zog in der Osternacht die Prozession der Kleriker aus der Stiftskirche, hier wurde das Taufwasser geweiht und die Taufe gespendet. Seit der gründlichen Renovierung der erheblich ruinösen Kirche in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist das Äußere von gewaltigen Stützpfeilern umgeben, die das Bild der eleganten, schön verzierten Rotunde stark beeinträchtigen.

 

Die Grundrisse der Martinskirche sind heute noch zu sehen

Als im Jahre 1794 napoleonische Truppen in Bonn einzogen, war nur noch selten Gottesdienst in der Martinskirche, sie geriet immer mehr in Verfall. Der Antrag lokaler Behörden, die Kirche abreißen zu dürfen, um einen freien Blick auf den Ostchor des Münsters zu bekommen, lehnte der kunstsinnige französische Präfekt rundweg ab, da sie "als Wiege der Religion und ältestes Bauwerk der Stadt" große Bedeutung hätte. Stattdessen überwies er der Stadt 300 Francs für die dringendsten Arbeiten.

 

Nach seiner Versetzung führte ein von unbekannter Hand provozierter Teileinsturz der Kuppel am Karfreitag des Jahres1812 zur endgültigen  Niederlegung nach der Versteigerung seines Steinmaterials an die  Gemeinde Poppesdorf, die damit eine neue Sebastian-Kapelle an der Ecke Clemens-August Straße errichtete. Nach deren Abbruch 1900 gelangten einige der Säulen ins Rheinische Landesmuseum, zwei befinden sich am Münster an der Mauer unterhalb der Sakristei.

 

Der Heilige Martin mit der Bonner Martinskirche. Rundfenster im nördlichen Querhaus

Schon 1804 war der Gottesdienst aus der Martinskirche in die Kirche des aufgelösten Cassiusstiftes verlegt worden, die damit das Martinspatrozinium und später auch die Pfarrrechte überwiesen bekam. So wurde aus der Stiftskirche St.Cassius und Florentius die Pfarrkirche St. Martin. Der erwähnte romanische Taufstein kam auf Umwegen ins Münster, wo er seit kurzem in der Krypta am Schrein der Stadtpatrone Cassius und Florentius einen neuen würdigen Aufstellungsort gefunden hat.

 

Einige der Grabdenkmäler, die sich in der Martinskirche befanden, wurden im Münsterkreuzgang aufgestellt, so der auf der Innenansicht erkennbare Obelisk, das Epitaph der Familien Cramer von Clauspruch und Gammans. Höchstwahrscheinlich stammt ja auch die schöne Holzskulptur des hl. Martin zu Pferd, der seinen Mantel teilt aus der ehemaligen Martinskirche.