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Martin von Tours

Vom römischen Soldaten zum Nationalheiligen des Frankenreichs

Das Leben des Heiligen Martin. Fenster in der Kathedrale von Tours

 

Der heilige Martin lebte im 4. Jahrhundert n. Chr., einer Zeit, in der sich der Niedergang des einst so mächtigen Römischen Reiches bereits deutlich ankündigte. Außenpolitisch zeigte es unübersehbar Schwächen gegenüber dem Ansturm der germanischen Völkerwanderung, im Innern waren es die Machtkämpfe um die Führung des Imperiums, die die politische Hand­lungsfähigkeit erheblich einschränkten. Die christliche Welt war durch die Auseinandersetzungen um den Arianismus gespalten, der unter anderem die wahre Gottheit Christi leugnete. Dieser religiöse Konflikt blieb ebenfalls nicht ohne Auswirkungen auf die Politik.

 

Leben und Wirken des heiligen Martin sind quellenmäßig sehr anschaulich bezeugt. Sein Schüler Sulpicius Severus verfaßte nicht nur eine Lebensbeschreibung seines Lehrers, sondern eine Reihe weiterer Dokumente, die Aufschluß über Martin von Tours geben. Zwar lernte der Chronist Martin erst in dessen letzten Lebensjahren kennen und stützt sich für die Zeit davor auf Berichte Dritter. Zudem kamen am Ende des 4. Jahrhunderts Lebensbeschreibungen als Literaturgattung in Mode, in denen der dokumentarische Charakter gern zugunsten unterhaltender Momente vernachlässigt wurde. Dennoch ergibt sich in in den wichtigen Punkten ein recht klares Bild.

 

Die Kathedrale von Tours

Geboren wurde Martin wahrscheinlich 316 (einige neuere Forschungen gehen von einem Ge­burtsdatum um 336 aus) in Sabaria/Pannonien, dem heutigen Ungarn. Er entstammte einem heidnischen Elternhaus. Sein Vater war im römischen Heer vom einfachen Soldaten zum Mili­tärtribun aufgestiegen, weshalb in seinen Augen auch für den Sohn nur eine militärische Lauf­bahn in Frage kam. Martin beugte sich dem Druck des Vaters, schied aber vor Ablauf der re­gulären Dienstzeit (um 356 bei Worms) aus der Armee aus. Schon seit seiner Kindheit be­schäftigte er sich mit dem Christentum, allerdings gegen den Willen des Vaters, so daß er erst mit 18 Jahren getauft wurde.

 

Nachdem Martin unter großen Schwierigkeiten den Heeresdienst quittiert hatte, wurde er Schüler des Bischofs von Poitiers, Hilarius. Hilarius seinerseits befand sich in Auseinandersetzung mit dem römischen Kaiser Constantius II., einem Anhänger des Arianismus. Dieser Machtkampf zwang nicht nur Hilarius für vier Jahre ins Exil, sondern beeinflußte auch Martins weiteren Weg.

 

Martinskapelle in der Abtei in Vendôme

In den Jahren zwischen 356 und 360 reiste er zunächst zu seinen Eltern und kam schließlich über Illyrcium, den slowenisch-kroatischen Raum, nach Italien, wo er auf der Insel Gallinaria bei Genua als Einsiedler lebte. Nachdem Hilarius 360 aus dem Exil nach Poitiers zurückgekehrt war, begab sich auch Martin erneut zu seinem Lehrer. Unweit von Poitiers gründete er 360/61 das erste Kloster in Gallien, Liguge. Als 371 der Bischofssitz von Tours vakant war, fiel die Wahl des Volkes auf Martin, gegen seinen Willen und den Widerstand anderer Bischöfe. 372/375 gründete er in der Gegend von Tours das Kloster Marmoutiers. Dort lebte er auch als Bischof und hielt an seiner asketischen Lebensweise fest. In den folgenden Jahren unternahm er zahlreiche Missionsreisen. Neben den Klostergründungen gehen die ersten sechs Pfarreien seiner Diözese auf sein Wirken zurück: Amboise, Langeais, Candes, Saunay, Ciran und Tournon­ St. Pierre.

 

Für 386 ist ein Zusammentreffen Martins mit dem Gegenkaiser Maximus in Trier bezeugt. Maximus nutzte eine innerkirchliche Auseinandersetzung um die radikale spanische Asketen­sekte der Priscillianer, um seine eigene, als Usurpator gewonnene Stellung abzusichern. Er verurteilte Priscillian und seine Anhänger zum Tode, um sich als rechtgläubiger Kaiser zu er­weisen und sich der Unterstützung der anklagenden Bischöfe zu versichern. Martin von Tours jedoch, der die Einmischung staatlicher Stellen in innerkirchliche Angelegenheiten ablehnte, wurde am Trierer Hof vorstellig. Seine Initiative brachte ihm zwar ein gewisses Ansehen am kaiserlichen Hof, war jedoch in der Sache nicht von Erfolg gekrönt.

 

In Candes starb Martin am 8. November 397

Am 8. November 397 starb Martin auf einer Seelsorgereise bei Candes. Zwei Tage später, am 11. November, wurde er auf dem Friedhof von Tours beigesetzt. Das bescheidene Grab ent­wickelte sich zunächst nicht zu einer Kultstätte, erst in den 30er Jahren des 5. Jahrhunderts wurde über seinem Grab eine kleine Kapelle errichtet. Später entstand dort eine Basilika mit einer großen Abtei. Seit dem späten 5. Jahrhundert beginnt man, Kirchen auf seinen Namen zu weihen.

 

Martin ist einer der ersten Nichtmärtyrer (Confessores), der als Heiliger verehrt wurde. Vieles deutet darauf hin, daß diese Entwicklung maßgeblich von der Bevölkerung und seinen Schü­lern befördert wurde. Schon zu Martins Lebzeiten gab es Berichte über Wunder, die er bewirkt haben sollte. In den Kreisen des hohen Klerus war er, nicht zuletzt aufgrund seiner asketischen Lebensführung, die sich deutlich von der vieler seiner Amtsbrüder unterschied, eher umstritten. Der Martinskult nahm aber bald auch Einfluß auf den Gang politischer Ereignisse und war vor allem in der Merowinger- und Karolingerzeit von besonderer Bedeutung, was stets mit einer außergewöhnlichen materiellen und personellen Ausstattung der Kirche von Tours verbunden war.

 

Als König Chlodwig Anfang des 6. Jahrhunderts mit den verbündeten Burgundern einen Krieg gegen die Westgoten führte, den er im übrigen als Kampf gegen den Arianismus deklarierte, rief er Martin von Tours und Hilarius von Poitiers als Schutzheilige an. Nach dem Sieg reiste er nach Tours und stattete dort durch umfangreiche Schenkungen an die Kirche St. Martin seinen Dank ab. Martin und Hilarius wurden damit zu Patronen des merowingischen Königshauses und der Franken.

 

Ruine der alten Martinskirche in Tours

Der Mantel des heiligen Martin wurde im fränkischen Reich in die Schlacht mitgeführt als siegspendendes Reichskleinod. Der Kreis der Geistlichen, die die Mantelreliquie (lat. cappa) bewahrten, die Kapläne, bildeten die Hofkapelle. Zu ihren Aufgaben zählten nicht nur seelsor­gerische Tätigkeiten, sondern mehr und mehr Verwaltungstätigkeiten, wie das gesamte herr­scherliche Urkundenwesen. Die Hofkapelle entwickelte sich so zum wichtigsten Verwaltungs­instrument der fränkischen Könige.

 

Der berühmte Sieg Karl Martells gegen die Araber bei Tours und Poitiers (732), der von der älteren Forschung wenn auch etwas übersteigert als erfolgreiche Abwehr eines planmäßigen moslemischen Erorberungszugs und damit als Rettung des Abendlandes gedeutet wurde, ist ebenfalls unter dem Aspekt der besonderen Stellung beider Städte zu betrachten. Die Begehr­lichkeit des Sarazenen Abd-er-Rahman und seiner Truppen richtete sich zweifellos zunächst auf das fränkische Nationalheiligtum, die reiche Grabeskirche des heiligen Martin von Tours und das ebenfalls bedeutsame Hilariuskloster in Poitiers. Beutezüge dieser Art leiteten aller­dings, wenn sie erfolgreich waren, oftmals systematische Eroberungen ein. Insofern verbindet sich der Name des heiligen Martin auch mit dieser Wegmarke abendländischer Geschichte.

 

Die Martinsstadt Tours behielt noch bis weit in die Zeit Karls des Großen ihre besondere poli­tische und kulturelle Bedeutung: Alkuin, einer der führenden Gelehrten und einflußreichsten Berater am Hof Karls des Großen wurde 796 Abt im Martinskloster in Tours und machte es zu einem herausragenden theologischen Zentrum. Hrabanus Maurus, der spätere Abt von Fulda, war dort Alkuins Schüler.

 

Der Heilige Martin. Fenster in seiner Grabeskirche in Candes

Neben der Abtei Corbie in der Picardie war wiederum die Abtei St. Martin in Tours maßgeb­lich an der Entwicklung der karolingischen Minuskel beteiligt, einer Schriftform, die mit gewis­sen Abwandlungen bis in die Gegenwart das lateinische Schriftbild prägt. In kirchengeschichtlichen Darstellungen gilt die Vita des heiligen Martin vor allem als frühe Quelle für die Art Amtsführung der Bischöfe, die Entwicklung des abendländischen Mönchtums und die Missionstätigkeit in Gallien.

 

Nicht nur durch seine militärische Vergangenheit, sondern vor allem in seiner persönlichen Haltung zu der mit dem Bischofsamt verbundenen Machtstellung sowie seiner asketischen Lebensweise unterschied er sich offensichtlich so sehr von der Herkunft und dem üblichen Amtsgebaren des gallischen Klerus, daß er in diesen Kreisen als für Bischofswürde nicht geeignet befunden wurde. Die von Martin - auch in seinen Klöstern - eingeführte Verbindung von vita contemplativa und Apostolat, Mönchtum und Seelsorgetätigkeit entsprach kaum der Erwartung der Zeitgenossen.

 

Mit den Klöstern Liguge und Marmoutiers war der Grundstein für das westliche Mönchtum gelegt, allerdings waren diese Gründungen noch sehr instabil und bedurften weiter einer dauerhaften Formung. Wenige Jahre nach Martins Tod scheint die Klostergemeinschaft von Marmoutiers verschwunden gewesen zu sein. Dennoch wird der Heilige sicher mit gewissem Recht „Vater des abendländischen Mönchtums" genannt.

 

Ein weiterer Beiname des heiligen Martin ist der des „Apostels Galliens". Diese Bezeichnung bezieht sich im wesentlichen auf seine Missionserfolge. An vielen Orten gelang es ihm, die Be­völkerung davon zu überzeugen, die heidnischen Tempel niederzureißen und mit seiner Hilfe an deren Stelle christliche Kirchen oder Einsiedeleien zu errichten. Wenn dieses Missionswerk auch bei seinem Tod 397 nicht abgeschlossen war, insofern die Apostrophierung als Apostel Galliens etwas zu weit greift, so hat Martin sicherlich einen wesentlichen Beitrag zur Christianisierung der Region um Tours geleistet.

 

Sulpicius Severus betont in seiner Biographie, daß Martin niemals das Lob der Menschen ge­sucht habe, vielmehr im Verborgenen wirken wollte. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb erkennt ihn auch der heutige Betrachter als wichtige historische Persönlichkeit, deren Bedeu­tung bis in unsere Zeit hineinragt.

 

 

Literaturhinweise:

Ewig, Eugen: Der Martinskult im Frühmittelalter. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, 14, 1962, S. 11-30

Fleckenstein, Josef: Die Hofkapelle der deutschen Könige. 1 Grundlegung. Die karolingische Hofkapelle. 1959

Die Geschichte des Christentums. Religion-Politik-Kultur. Bd. 2. Das Entstehen der neuen Christenheit (250-430). Dt. Ausgabe hrsgg. von Norbert Brox u.a.. Freiburg 1996

Lelong, Charles: Vie et culte de St. Martin. Chambray 1990

Lorenz, Rudolf: Die Anfänge des abendländischen Mönchtums im IV. Jahrhundert. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte, 77, 1966, S. 1-61

Vogt, Hermann-Josef: Lebensbild. Martin von Tours. In: Christus erkennen. Wortgottesdienste zum Martinsjahr 1997. Hrsgg. vom Bischöflichen Ordinariat Rottenburg 1997, S. 5-13

 

(Quelle: St.Martin - Bischof von Tours - Geschichte, Glaube und Brauchtum - HA Bildung Erzbistum Köln 1997)