Vor den Toren der Stadt

Die österliche Perspektive der Bonner Kreuzbergkirche

von Meik Peter Schirpenbach

 

Im Jahr 1746 stiftete Kurfürst Clemens August (1700-1761) die Heilige Stiege auf dem Bonner Kreuzberg, ausgeführt von Balthasar Neumann. Es war sein ganz persönliches Vermächtnis. Und nicht in den Brühler Schlössern Augustusburg und Falkenlust, sondern hier kommen wir einem Menschen am nächsten, der hinter all dem Schein, in dem er gezwungen war zu leben, wirklich glaubte und hoffte.

Leben ist Aufstieg, so denken wir oft. Clemens August war der „monseigneur des cinq eglises", aber er wusste, dass ein solcher Aufstieg, wie es ihm sein Vater zugedacht hatte, allein nicht glücklich macht. Der eigentliche Aufstieg des Lebens bedeutet, dass wir Gott entgegengehen. Dafür steht das Bild der Himmelsleiter aus dem frühen Mönchtum. Sie enthebt uns aber nicht der menschlichen Realität, im Gegenteil.

Die Heilige Stiege mit ihren achtundzwanzig Stufen steht genau für diesen Aufstieg, der Zuwendung bedeutet. Der Weg zu Gott führt mitten durch die leidgeprägte menschliche Wirklichkeit und nie an ihr vorbei. Das ist der von Gott in Jesus selbst gebahnte Weg. Die Heilige Stiege gründet in der Treppe des Pilatushauses, die Jesus auf- und niedersteigen musste. Das große Vorbild in Rom, die Scala Sancta, wurde insbesondere in süddeutschen und ehemals habsburgischen Landen bis nach Krakau kopiert. Die Bonner Stiege ist die nördlichste und wohl auch die schönste. Ein direktes Vorbild steht auf dem Prager Karlshof.

Und doch ist die Stiege mehr als nur eine Kopie der historischen Gegebenheit. Sie stellt das Ereignis von Jerusalem in seinen bleibenden Rahmen, innerhalb dessen wir uns selbst bewegen dürfen. Die Tatsache, dass zumindest die mittlere Treppe nur auf den Knien erstiegen werden kann, verweist auf den beschriebenen Zusammenhang von Aufstieg und hinabsteigender Zuwendung. Der kniende Christ begibt sich in die Bewegung Gottes hinein. Das gilt für den gesamten Kreuzberg: Wir fügen uns in das Geschehen, um unser eigenes Leben darin zu verstehen und zu weiten.

Im Kirchenraum selbst sieht man hinter dem Hochaltar durch das Fenster des Fürstenoratoriums den Zielpunkt der Heiligen Stiege, die Darstellung des Kreuzgeschehens. Dies ist allerdings nur von hinten möglich - so wie wir als Christen nur vom österlichen Durchgang auf dieses Ereignis schauen können.

Der Blick von hinten, von Ostern her, das ist die Perspektive, die sich für unseren Blick durch die Fenster auftut. Gott sei Dank ahnen wir diesen Blick hinter das Kreuz schon beim Ersteigen der Stiege.

Man hat über die Zeit des Barock immer wieder viel zu klein gedacht und tut es in einer gewissen Ignoranz immer noch. So liest man, das Fenster im Hochaltar habe vornehmlich der fürstlichen Repräsentation gedient, indem der Herrscher sich dort an Christi Stelle seinen Untertanen präsentiert hätte. Dafür war Clemens August zu scheu. Seit dem Tod seines Freundes und Vertrauten Johann Baptist von Roll, der 1733 bei einem Duell in Brühl ums Leben kam, war der Kurfürst ein gebrochener Mann. Unklar ist auch, wie oft er sich in dem Oratorium aufgehalten hat. Wenn, dann wohl eher still und privat. So erscheint ein Bild der Stiege auf seinem Totenzettel. Clemens August hat diesen Ort wegen seiner Aussage geliebt. Diese wollte er sich als Mäzen selbst vor Augen führen, weil er die Hoffnungsperspektive brauchte.

Im freien Durchblick durch das Oratorium liegt die eigentliche Bedeutung dieses architektonischen Verbindungsstücks. Kreuzbergkirche und Heilige Stiege - in dieser Zuordnung einmalig - drücken die unaufhebbare Spannung des Erlösungsgeschehens aus: Ostern und Karfreitag. So kann im Hochaltar und im Deckenbild der Kirche die Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena als eine Auffindung des Sieges­zeichens der göttlichen Liebe verstanden werden, ohne dass die in unserer menschlichen Existenz anhaltende Vorgeschichte verschwiegen wird.

Von seinen Formen her ahmt der Hochaltar den Altar von Balthasar Neumann in der Brühler Klosterkirche nach. Beide gehören hinsichtlich ihres Bildprogramms und ihrer Aussageabsicht zum Großartigsten, das die Kunst des Barock geschaffen hat. Wir sehen hier, was diese Zeit unter einem Gesamtkunstwerk verstand: Das Geheimnis unserer Erlösung.

Damit ist das Altarbild der Kreuzbergkirche eines der größten, das es überhaupt gibt und ein lebendiges zudem. Immer noch nimmt es den jetzt lebenden Menschen in sich auf. Das zeigt: Wir sind bleibender Teil des Heilsgeschehens, nicht bloß Zuschauer. Das Bild will uns ergreifen.

 

Erschienen in Journal, Thomas Morus Akademie Bensberg, Ausgabe 21 (2/2011). Meik Schirpenbach, Dr. theol., geb. 1971 in Leverkusen; Studium der Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Leuven (Belgien); Promotion 2002 zur Strukturontologie bei Meister Eckhart; Priesterweihe 2003; seit Sommer 2009 Stadtjugendseelsorger in Bonn und im Kreis Euskirchen; Mitglied der Kunstkommission im Erzbistum Köln