Geschichte der Bonner Münster-Glocken

von Prof. Gisbert Knopp

 

Es muss ein großartiger Festtag für Bonn gewesen sein, als im Jahre 1756 in der zweiten Adventswoche erstmals nach fast sieben Jahrzehnten wieder ein prachtvolles Geläut vom Turm des Münsters, der Stiftskirche St. Cassius und Florentius, erklang. 1689, während des Pfälzischen Krieges, hatte auch das Münster unter der ständigen Beschießung zu leiden, wobei sämtliche Dächer und das Dachwerk des Turmes niederbrannten und die acht Glocken glühend herabstürzten. Dabei hatte ein ähnliches Schicksal das Münster erst 100 Jahre zuvor erlitten: Am Vorabend des Festes des hl. Jacobus 1590 setzte ein Blitzstrahl den Turm des Münsters in Brand, dem nicht nur das mittelalterliche Geläut, sondern auch ein großer Teil der kostbaren Innenausstattung mit der Orgel zum Opfer fiel.

 

Für das neue, der Bedeutung und dem Rang des Münsters angemessene Geläut ist zweifellos Clemens August, Kurfürst und Erzbischof von Köln, der Initiator gewesen, schließlich war seine Residenz nur einen Steinwurf vom Münster entfernt, das er gerne zu festlichen Anlässen aufsuchte. Die größte Glocke trägt denn auch sein Staatswappen und ist seinem Namenspatron zusammen mit Maria geweiht.

 

Bereits im Mai 1756 kam ein Vertrag mit dem Glockengießer Martin Legros zustande, wonach dieser sich zum Guss von zunächst drei Glocken verpflichtete: die größte mit einem Gewicht von 7000, die zweite von 5000, die dritte von 3500 Pfund in den Tönen fa, sol, la. Er wollte dies alles auf seine Kosten machen, nur sollte das Stiftskapitel, nach Ausweis des Protokolls seiner Sitzung, gehalten sein, ihn „für seine Mühe und Gießerei“ einen Lohn von vier Reichstalern pro hundert Pfund zu geben. Das Kapitel übernahm die Beschaffung des Materials, ca. 7000 Pfund Erz der alten Glocken, 8000 Pfund rotes Kupfer und 2000 Pfund englisches Zinn.

 

Auftrag an einen Außenseiter: Martin Legros

Mit der Beauftragung des Martin Legros ging man ein riskantes Wagnis ein, indem man nicht einen der seit dem 12. Jahrhundert in Köln etablierten, in der Zunft streng organisierten Glockengießer aufforderte, sondern einen Aussenstehenden:

 

Martin Legros, am 30. August 1714 in der für Metallguss berühmten Dinanderie im Fürstbistum Lüttich geboren, lernte in der Bischofsstadt bei dem Glockengießer Joseph Chaudoir, bevor er nach 1740 eine Werkstatt auf einem Grundstück der nahegelegenen Reichsabtei Malmedy errichtete. Sein erstes großes Werk dürfte denn auch der Guss von acht Glocken für die Malmedyer Kirche gewesen sein. Ab 1744 ist er als Glockengießer auch außerhalb des Bistums Lüttich im benachbarten Herzogtum Jülich tätig. Ein erster Höhepunkt dieser Schaffensperiode ist das Münstergeläute in Bonn, das einzige, das unbeschädigt bis heute die Zeiten überdauerte. Dieser Auftrag stimulierte acht Jahre später das Neusser Quirinusstift ebenfalls zur Erneuerung ihres, dem Bonner an Zahl der Glocken gleichen Geläutes.

 

 

Bedeutender Meister

Überhaupt scheint das Bonner Münster-Geläut in mehrfacher Beziehung eine regelrechte Signalwirkung ausgeübt zu haben. Als jedoch im selben Jahr die Kölner Abtei St. Pantaleon mit dem Umguss der 8000 Pfund schweren Albinusglocke folgen wollte, war der Streit mit den Kölner Meistern, die sich gegen den Eindringling wehrten, vorprogrammiert. Um die  Streitigkeiten nun ein für allemal zu beenden, verlieh ihm der Rat der Stadt Köln das Bürgerrecht, womit das Schmiedeamt gezwungen werden sollte, ihn als Mitmeister aufzunehmen. Aber trotz der 23 Glocken, die Martin Legros für Kölns innerstädtische Kirchen goss, fühlte er sich nicht als Kölner Meister und ist diesen auch nicht zuzurechnen, was vielleicht auch darin zum Ausdruck kommt, dass er hier keine eigene feste Werkstatt unterhielt und seiner Residenzpflicht nur ungenügend nachkam. Seine qualitätvolle Arbeit und das ungewöhnlich reiche, mehr als 200 Glockengüsse umfassende Werk machten Martin Legros zum „bedeutendsten Glockengießer des XVIII. Jahrhunderts“ (E. Renard)

 

In Bonn begannen im Juni 1756 die Vorbereitungen zum Glockenguss auf dem Münsterplatz, an einer Stelle, die dem Meister auch noch zwei Jahre lang für den Guss anderer Glocken zur Verfügung stehen sollte – die Grube wurde beim Bau der Tiefgarage unter dem Münsterplatz aufgefunden. Der Kontrakt mit dem Meister sah aber auch eine Garantie vor, dass beim Misslingen des Gusses auf seine Kosten ein neuer erstellt und die Hälfte des Lohns erst nach der Bewährungsprobe eines Jahres ausbezahlt werden sollte. Zur Finanzierung der Glocken nahm das Kapitel in Köln ein Darlehen von 2000 Reichstalern auf. Von den Kapitularen zahlte jeder zu den neuen Glocken drei Pistolen (1 P. = 5 Rtl.), jeder Neuankömmling zwei Pistolen und jeder Vicarius eine Pistole; von dem am 5. Juni 1756 eingeführten Propst, Freiherr von Weichs, erwartete man einen entsprechenden Beitrag. Das größte Geschenk, nämlich 800 Rtl., kam von dem Kölner Domkapitular und Bonner Stiftsherrn Johann von Achatius. Das Kapitel widmete ihm deshalb auch die zweitgrößte Glocke der Stadtpatrone. Die Klöppel für die neuen Glocken wurden auf der Siegener Eisenhütte geschmiedet, während den Glockenstuhl Meister Ormus entwarf und auch ausführte. Ende August war der Guss der drei größeren Glocken glücklich vollbracht. Da die dritte für den täglichen Gebrauch als „ordinaire Chor-Glocke“ zu schwer schien und noch 1000 Pfund Glockenspeise übrig war, beschloss das Kapitel, noch eine vierte Glocke im Gewicht von 2000 bis 2800 Pfund, abgestimmt auf die bereits fertiggestellten, gießen zu lassen.

 

Die feierliche Glockenweihe fand, wie hätte es angemessener sein können, am 8. Dezember 1756, einem Dienstag, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, statt. Kurfürst Clemens August nahm persönlich die Weihehandlung, die bei Glocken „Taufe“ heißt, in der Vierung des Münsters vor, nachdem vorher die Paten der Glocken, der Obristhofmeister und Erste Minister Ferdinand Leopold Anton Graf von Hohenzollern-Sigmaringen und Maria Anna Gräfin von Seinsheim für die größte, Domkapitular von Achatius für die zweite Glocke und andere für die übrigen bestimmt worden  waren. Die Ankunft des Kurfürsten um 10 Uhr auf dem Münsterplatz wurde von Salutschüssen begleitet. Der ganze Hof und das Kapitel empfingen ihn am Portal, geleiteten ihn vor den Hauptaltar, wo die Pontifikalgewänder angelegt wurden, um  dann die Zeremonie vorzunehmen.

 

Glocken-Wunder

Ein zweifaches Wunder wurde den kostbaren Münster-Glocken zuteil: Aufgrund der Beschlagnahme im Zweiten Weltkriegen – die Glocken sollten als „Metallreserve“ der Rüstungsindustrie zugeführt werden – mussten die beiden kleinsten Glocken abgegeben werden, die anderen waren als „künstlerisch außerordentlich wertvoll“ von der Beschlagnahme befreit worden. Auf Betreiben des Provinzialkonservators wurden sie dann endlich im Februar 1944 (!) abgenommen und an einen sicheren Ort verbracht. Alle Glocken haben „überlebt“.

 

Beim Aufziehen dann in den Vierungsturm stürzte die zweitgrößte, den Stadtpatronen geweihte, fast 50 Zentner schwere Glocke aus ca. 20 Meter Höhe infolge Seilbruchs ins Kirchenschiff, ohne, von einigen unwesentlichen Ausbrüchen am unteren Rand abgesehen, ernstlich Schaden zu nehmen!

 

Um den so einzigartigen Glockenbestand von 1756 in seiner ursprünglichen Disposition und Klangfülle  wieder zur Wirkung kommen zu lassen, müssten die beiden kleinen Glocken wieder in den Chorturm zurückgehängt werden. Dort böte sich dann auch die Möglichkeit, die große Lücke zum Hauptgeläute mit zwei zusätzlichen Glocken zu füllen und das Gesamtgeläute für den heutigen liturgischen Bedarf zu erschließen, das dann erstmals seit 1689 wieder aus acht Glocken bestünde. Wie vor 1756 bedarf es zur Umsetzung dieses Planes jedoch zunächst hochherziger Stifter.