Stadtdechant predigt zu „Kindeswohl und Kindesmissbrauch“

Missbrauch ist kein rein innerkatholisches Thema
14. Juni 2020; Melanie Eimermacher

Bonn. Bonns Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken predigte am heutigen Sonntag, den 13. Juni 2020 im Abendgebet mit Themenpredigt über das Thema „Kindeswohl und Kindesmissbrauch“. Der Gottesdienst wurde bundesweit von #DABEI übertragen.

Dabei hob Dr. Picken zunächst hervor, dass ihn der Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche mit großer Scham erfülle. „Was haben Kinder und Jugendliche im Raum der Kirche erleiden müssen? Was wurde unwiederbringlich in ihnen zerstört. Da versagen Worte.“ Kindesmissbrauch habe sich in der Kirche besonders entwickeln können, weil man „aus Ignoranz und einem falschen Verständnis von Heiligkeit“ so etwas für unmöglich gehalten habe. Auch habe man Offensichtliches ignoriert und vertuscht, was ein zweiter Missbrauch an den Opfern und eine Ermutigung für die Täter gewesen wäre.
Stadtdechant Dr. Picken formulierte die Erwartung an seine Kirche, alles zu tun, was „den Opfer helfe und weiterem Missbrauch vorbeuge.“ Der Bonner Seelsorger hob dabei unter Hinweis auf seine Alltagserfahrung hervor, dass die gegenwärtigen Bemühungen der Kirche um Prävention sehr ernsthaft seien. Jeder Haupt- und Ehrenamtlicher, der mit Minderjährigen in Berührung komme, müsse eine Präventionsschulung absolvieren. Das habe den Schutz der Kinder vor Missbrauch deutlich verbessert. „Es gibt meines Wissens keine Institution, die das gegenwärtig so umfassend praktiziert und auch nachverfolgt.“

Mit großer Nachdenklichkeit verwies der Bonner Stadtdechant darauf, dass allerdings die weitläufige Annahme, dass Kindesmissbrauch ein innerkatholisches Problem sei, dafür Sorge trage, dass Kindesmissbrauch an vielen anderen Orten der Gesellschaft ungehindert geschehen könne. „Denn überall, wo man nicht mit Missbrauch rechnet, wo man nicht genau hinsieht und für angemessene Haltungen sorgt, da erhöht man das Risiko, dass Missbrauch geschehen kann.“ Man müsse mit einer anthropologischen Konstante rechnen. Das bedeute, die Täter würden nie weniger. Möglich sei nur, dass ihnen durch die Wachsamkeit der Gesellschaft die Gelegenheiten genommen werde, sich an Kindern und Jugendlichen zu vergreifen.
Dr. Picken wies auf den vielfachen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Familien, in Vereinen und Bildungseinrichtungen hin und nahm dabei Bezug zu aktuellen Missbrauchsfällen. „Ich identifiziere viele Orte, an denen dieses Thema ausgeblendet wird und mache mir deshalb Sorgen um die Schutzlosigkeit vieler Kinder.“ Der Bonner Seelsorger forderte deshalb gesetzliche Regelungen, die alle Gruppierungen und auch alle Eltern dazu verpflichte, sich an der Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu beteiligen.

Stadtdechant Dr. Picken machte zusätzlich darauf aufmerksam, dass es auch seelischen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gäbe, gegen die man vorgehen müsse. „Viele Kinder und Jugendliche sind subtiler Aggression ausgesetzt. In der Familie, im Freundeskreis und der Partnerschaft, in der Schule oder der Ausbildung, im Internet.“ Zudem verwies er auf gesellschaftliche und soziale Strukturen, die Kinder und Jugendliche krank machten. Viele Kinder seien zunehmend mehr auf Psychotherapie und Psychopharmaka angewiesen. Aus den Kindergärten würde gemeldet, dass Kinder immer mehr zusätzlichen Förderbedarf entwickelten. Dr. Picken forderte deshalb einen gesellschaftlichen Diskurs darüber „was wir tun müssen, damit Kinder gesünder leben können, am Ende auch welche Priorisierungen und welche Ressourcen es braucht, wenn wir das Kindeswohl ernsthaft im Blick haben.“ Kinder und Jugendliche verdienten mehr Aufmerksamkeit, um sich glücklich entwickeln zu können. Abschließend erinnerte Bonns Stadtdechant an die Worte Jesu, die er als Aufforderung an Kirche und Gesellschaft verstünde: „Was ihr einem der Kleinsten getan habt, das habe ihr mir getan!

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