Bundespräsident ehrt Gegenmodell zur Radikalisierung und Polarisierung

Bonner Stadtdechant zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes
31. Oktober 2019; Barbara Ritter

Stadtdechant Picken wird das Bundesverdienstkreuz verliehen

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Übergabe der Auszeichnung durch Armin Laschet Die fünf Persönlichkeiten aus NRW: Werner Gehring, Leonid Goldberg, Prof. Dr. Adolf Müller-Hellmann, Staatsministerin a.D. Hildegard Müller und Pfarrer Dr. Wolfgang Picken

BONN. Der Bonner Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken hat am Donnerstag, 31. Oktober in Düsseldorf das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Ministerpräsidenten Armin Laschet überreichte ihm stellvertretend für den Bundespräsidenten diese hohe Auszeichnung.

Mit dem Bundesverdienstkreuz wurde der Einsatz des Stadtdechanten für das Gemeinwohl in Bonn gewürdigt. Pfarrer Dr. Picken hat 2005 mit der Gründung der Bürgerstiftung Rheinviertel und zahlreichen weiteren Initiativen, besonders im Bereich der Flüchtlingshilfe und der Gewaltprävention, nennenswerte Impulse für das kommunale Sozialwesen gesetzt. Im folgenden Interview äußert sich der Stadtdechant dazu, was ihm persönlich im Rahmen der Auszeichnung wichtig ist.

 

Was bedeutet für Sie diese Ehrung durch den Bundespräsidenten?

 

Stadtdechant Dr. Picken: Die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz ehrt mich stellvertretend für die vielen, die sich in Bad Godesberg, aber auch an vielen anderen Orten in Bonn für das Gemeinwohl einsetzen. Am Beispiel der Bürgerstiftung Rheinviertel mit ihren unzähligen Initiativen wird deutlich, was Menschen bewegen können, wenn sie gemeinsam ihre Ziele verfolgen und sich jeder mit seinen Talenten einbringt. So lassen sich vor Ort Probleme lösen, vor denen der Staat zu Teilen machtlos steht. Ob es den Start der Kinder in das Leben, die Unterstützung von Kindern mit Förderbedarf, die Begleitung von Jugendlichen, die Hilfe für Pflegebedürftige und dementiell veränderte Menschen oder die würdevolle Zuwendung für die Sterbenden betrifft, das soziale Klima lässt sich menschenwürdig verändern, wenn wir das wollen und jeder in der Stadtgesellschaft seine Gabe zu geben nutzt.

 

Welche Bedeutung hat bürgerschaftliches Engagement?

 

Stadtdechant Dr. Picken: Bürgerschaftliches Engagement, das auf den Zusammenhalt der Gesellschaft ausgerichtet ist und nicht nur redet, sondern dort anpackt, wo es nötig ist, das ist es, was wir brauchen. Zu diesem Modell gibt es keine Alternative, wenn wir nicht den Zusammenbruch unserer Gesellschaft erleben wollen. Die Ehrung des Bundespräsidenten zeichnet ein Gegenmodell zu dem aus, was wir an vielen Orten Deutschland mit Entsetzen beobachten: Eine auf Spaltung und Zersetzung unserer Demokratie angelegte Strategie politischer Kräfte, die mit populistischen Methoden die Menschen vor sich hertreiben. Sie nutzen die Angst und Verunsicherung der BürgerInnen aus und instrumentalisieren sie für ein völkisches Denken. Wir brauchen das Gegenteil. Wir müssen die Talente der Menschen fördern und sie zu einem gemeinschaftlichen Zusammenwirken motivieren, das allen zugutekommt.

 

Wie lässt sich Gesellschaft verändern und wie kann man radikalen Entwicklungen vorbeugen?

 

Stadtdechant Dr. Picken: Nur das Zusammenwirken aller Kräfte, die am Wohl der Gesellschaft und des einzelnen interessiert sind und die Würde jedes Menschen respektieren, ermöglicht, das soziale Probleme gelöst werden können und verändert das soziale Klima. Wo so miteinander gelebt und zielorieniert gehandelt wird, wo Menschen bei allen Unterschieden das Gemeinsame suchen und Probleme lösen, entzieht es radikalen Kräften den Boden. Eine solche Idee einer großen Koalition der Vernünftigen ist das gesuchte Gegenmittel gegen die Radikalisierung. Die politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen müssen das dringend erkennen. Wir brauchen keine innerparteilichen Kleinkriege, keine künstliche Abgrenzung und keine eitle Inszenierung des Politischen – das nervt alle – wir brauchen Brückenbauer und Akteure, die Probleme erkennen, auf andere zugehen und mit anderen Lösungen verfolgen, die dem Wohl aller dienen. Genau das wünsche ich mir für Bonn und unser Land. Dafür will ich arbeiten.

 

Hat es eine Bedeutung, dass Sie als Priester diese Auszeichnung erhalten?

 

Stadtdechant Dr. Picken: Dass ich als Christ und Priester das Bundesverdienstkreuz erhalte, sagt etwas aus. Wir haben uns gewöhnt, von der Krise der Kirchen zu sprechen. Manche meinen, man könne auf Kirche und christlichen Glauben ganz verzichten, treten aus. Das ist ein Fehler. Wir können in der Gesellschaft auf niemanden und keine Organisation verzichten, die es gut meint und sich für das Gemeinwohl engagiert. Gerade die Kirchen spielen hier eine besondere Rolle. So viele Beispiele in Bonn und bundesweit belegen das. In den Kirchengemeinden werden Werte vermittelt, wird Gemeinschaft gelebt und packen die Menschen soziale Fragen an. Die Kirche ist vielerorts vital und ein wichtiger Faktor dafür, dass das Zusammenleben gelingt. Das gilt es mit Dank anzuerkennen und zu unterstützen, auch wenn man Kritik an den Kirchen hat! Kurzum: Wir brauchen mehr Kirche, weil sie der Gesellschaft guttut. Und wir brauchen Kirche, weil sie demokratische Haltungen prägt: Wo der Geist Jesu lebendig ist, verfehlt rechte Propaganda ihr Ziel.

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