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Blick vom
Osten auf die Apsiden des Bonner Münsters (oben) und der
Servatius-Basilika (unten) im niederländischen Maastricht
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Blick vom
Westen in den Hochchor des Bonner Münsters
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Mitte des elften Jahrhunderts werden im Bereich des
Bonner Münsters alle bisherigen Bauten niedergelegt und gesamte Anlage
um fünfundvierzig Grad gedreht. Es kommt zu einer kompletten
Neuausrichtung, die einigermaßen der Ost-West-Richtung entspricht. Die
verborgene Mitte, das Märtyrergrab, wird dabei, mit gewissen
Verschiebungen, gewahrt.
Neuausrichtung tut stets Not, im Sinne einer
Vergewisserung, wo ich eigentlich hin möchte. Seit dieser Zeit werden in
unserem Rhein-Maasländischen Raum Kirchen als Richtungsbauten
dynamisiert durch die Errichtung der ersten sogenannten Langchöre. Der
Chorraum mit seiner Apsis ist nun nicht mehr ein architektonisches
Anhängsel an Schiff und Querhaus, sondern eine eigenständige Dominante
des Gesamtbaus. Neben Bonn sei auf St. Severin und St. Gereon in Köln
verwiesen.
Durch die Zäsur des in die Apsis eingestellten
Altarraumes waren die christlichen Gotteshäuser schon von der Frühzeit
an keine Einheitsräume, sondern Begegnungsräume: Liturgie wurde als
Begegnung mit dem unsichtbaren Geheimnisses Gottes begriffen. Der Altar
ist Ort der Vergegenwärtigung des Kommenden: Liturgie geschieht an einer
Schwelle, und diese Schwelle muss als Zäsur sichtbar sein. Mit der
Ausweitung des Chorraums im 11. Jh. wird dem darstellenden Geschehen
mehr Raum gegeben, so als wenn der Blick hinter den Vorhang des
Geheimnisses sich geweitet hätte. Dass dieser größere Chorraum vom
Kirchenschiff her gesehen dann optisch die Distanz vergrößert, ist eine
Konsequenz dieser Ausweitung. Umgekehrt schaffte dies Raum für eine
Krypta, die wirklich eine Unterkirche sein konnte, wodurch der Zugang
zum Ursprung erleichtert wurde. Nähe und Distanz stehen in einer
Wechselwirkung. Liturgie, wenn sie echt sein will, muss genau diese
Spannung aushalten, sonst verflacht sie entweder oder sie wird ihrem
Auftrag, einen existenziell mitvollziehbaren Zugang zum Geheimnis zu
ermöglichen, nicht gerecht.
Hundert Jahre später, um 1140, geschieht mit dem Bau der
Apsis eine weitere entscheidende Akzentsetzung. Es ist nicht häufig der
Fall, dass wir in dieser Zeit ein solches Projekt mit einer konkreten
Person verbinden können: Hier ist es Gerhard von Are, Propst dieses
Stiftes und damit die Nummer zwei hinter dem Erzbischof. Er stellte mit
der Erhebung der Märtyrergebeine auf den Hochaltar 1166 der Kirche noch
einmal die Ausrichtung auf ihren Ursprung vor Augen, band jedoch diesen
regionalen Ursprung durch den unmittelbar vorausgehenden Bau der Apsis
an den einen Ursprung und das Ziel aller christlichen Existenz zurück,
Jesus Christus, als Person historisch zu greifen, aber darüber hinaus
als einziger bleibender Mittler zwischen Gott und Mensch von
kosmologischer Dimension und unmittelbar gegenwärtiger Tragweite.
Die Apsis stellt sich von außen als der Torbau dar, durch
den der Herr selbst in seine Heilige Stadt Jerusalem einzieht, die sich
ihm wiederum mit ebendiesem Tor entgegenstreckt. Eine derart
durchgliederte Apsis hat es bis dahin nicht gegeben. Sie wurde ein
Initialbau: Wir sprechen vom ersten rheinisch-maasländische Etagenchor.
Die monumentale Stockwerkgliederung, durch eingestellt Säulen
akzentuiert, ist von römischen Großbauten abgeschaut, wohl in erster
Linie von der Porta Nigra in Trier, vielleicht auch von Kölner Toren.
Anders als die Stadttore wendet sich dieses Tor nach innen, dorthin, wo
der einziehende König einkehren will, bei uns selbst.
Auch wenn der Bau des Münsters durch seinen achteckigen
Vierungsturm eine in sich ruhende Mitte hat – die Zahl acht steht für
die in sich ruhende Vollendung –, weist er doch mit seiner Chorfassade
über sich hinaus. Die Vollendung bleibt in die fortlaufende Geschichte
eingebettet, muss mich darin erreichen, und die tägliche Herausforderung
besteht darin, sich dem entgegenzustrecken. Tragweite und
Wirklichkeitsbezug des Glaubens zeigen sich darin, dass er derartige
Paradoxien nicht nur aushält, sondern in eine fruchtbare Spannung zu
setzen vermag. Jede Logik bedarf, wenn sie auf das göttliche Geheimnis
ausgerichtet sein soll, der Selbstüberschreitung.
Insofern ist das Münster gebauter Glaubensvollzug, nicht
nur Darstellung des Inhalts. Es steht für unsere eigentliche Heimat,
versinnbildlicht durch die Gottesstadt, die Gott uns selbst bereitet
hat, in die Christus also nicht nur durch das Tor des Ostchors einziehen
will, sondern mit der er uns von Gott her zugleich entgegenkommt, die
Gott letztlich selber ist. Wir dürfen das Tor als unser Tor betrachten,
durch das zu schreiten wir selber eingeladen sind.
Es ist eine tief gründende Folgerichtigkeit, dass in der
Romanik unseres Gegend die Chorfassaden meist aufwändiger und dominanter
sind als die Eingangsfassaden. Letztere sind nur vordergründig
funktional, und können deshalb, wie am Münster, an der Seite liegen.
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