Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Weihnachtspredigt 2007 Bonner Münster
Heut' schließt er wieder auf die Tür Sie können die Predigt als Podcast hören und downloaden


Verschlossene Türen sind etwas Ärgerliches. Schon in der einfachsten Version stören sie sehr: da will man etwas besichtigen, irgendwo etwas essen oder trinken - und dann steht man vor dem Schild "heute geschlossen". Ärgerlich.
Viel schlimmer ist die Erfahrung, wenn sich hinter einem eine Tür geschlossen hat. Für immer und ewig ins Schloss gefallen. Wenn etwa zwei Menschen nichts mehr von einander wissen wollen. Aus und vorbei.
Genauso schmerzvoll, wenn einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, weil man nicht mehr dazu gehört: vor zwei Wochen wurde die Untersuchung "Deutsche Zustände" veröffentlicht. Danach sagen rund ein Drittel der Deutschen, die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen und menschliche Fehler nicht mehr leisten. Etwa 40 Prozent der Befragten sind der Ansicht, in unserer Gesellschaft würde zu viel Rücksicht auf Versager genommen. Zu den weniger nützlichen Menschen zählen die Langzeitsarbeitslosen, die Haartz IV-Empfänger. Zahlen, die mich schon erschüttert haben, denn seit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze wachsen etwa 2,6 Millionen Kinder in Familien auf, die auf Hartz IV angewiesen sind. Ihnen bleiben wie den Erwachsenen viele Türen versperrt.

Hier vorne vor dem Altar sahen wir in den Adventswochen immer eine verschlossene Tür. Die Tür des Paradieses. Sie wurde verschlossen, weil der Mensch sein wollte wie Gott und aus dem Paradies vertrieben wurde. Kein einmaliges Ereignis am Anfang der Menschheitsgeschichte, sondern wir Menschen erleben es immer wieder, wir sind zerrissen zwischen Gut und Böse, zwischen Wollen und Sollen, zwischen Können und Tun, zwischen Träumen und Realität, zwischen Glauben und Zweifel. Statt im Garten Eden lebt der Mensch jetzt auf dieser Erde umgeben von verschlossenen Türen, von Hass, Zank und Streit, von Neid und Verbitterung. Deshalb haben wir in diesem Advent immer wieder gesungen: O Heiland, reiß die Himmel auf.

In dieser Nacht wurde uns eine alte Botschaft wieder neu verkündet: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und bei dem Engel war plötzlich ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.

Mathis Grünewald hat dies auf seinem Isenheimer Altar trefflich illustriert. Er malt den geöffneten Himmel, aus dem die Engel nur so herauspurzeln. Der Himmel ist nicht mehr verschlossen, das Tor zum Paradies ist wieder geöffnet, weil Gott Mensch wird. Heut schließt er wieder auf die Tür / zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. / Gott sei Lob, Ehr und Preis, heißt es in einem Weihnachtslied.
Aber es geht nicht zurück ins Schlaraffenland, in den Garten Eden. Wenn Gott Mensch wird und unser Leben teilt bis in den Tod, dann bekommt menschliches Leben ein neues Ziel. Es gibt nicht mehr das "ewige Weiterfließen" der Zeit, sondern menschliches Leben ist jetzt von seinem Ende her eindeutig markiert: dort steht das Tor nun offen. Das Neue Testament weiß, das es das Stadttor zum himmlischen Jerusalem ist, dort wo Gott auf ewig unter den Menschen wohnt.
Deshalb ist Weihnachten bei aller Rührseligkeit, bei allem Lichterglanz und Engelshaar, letztlich todernst. Nicht mehr "rückwärts nach Eden" heißt die Parole, sondern Vorwärts in die Ewigkeit. Der Lebensweg des Menschen hat jetzt eine Richtung.

Damit er diese nicht verliert, gibt es mitten im Alltag Ahnungen des Paradieses, Vor-entwürfe jener Stadt im Himmel: Immer dann,
* wenn Menschen sich zärtlich begegnen,
* wenn Vergebung und Versöhnung geschieht,
wenn Verständnis füreinander herrscht, Freundlichkeit und Nachsicht,
* wenn Konflikte fair ausgetragen werden,
* wenn die Spirale der Gewalt durchbrochen wird,
* wenn Menschen die Schöpfung genießen und bewahren,
* wenn eine Welt mitgestaltet wird, wo auch die Kleinen, Behinderten, Ausgegrenzten, Kranken und Sterbenden, die Flüchtenden ihren Platz haben,
immer dann wird die Tür zum himmlischen Jerusalem einen Spalt weit aufgetan.

Aber nicht, weil wir damit irgendeinem schwärmerischen Humanismus das Wort reden wollen, sondern weil wir überzeugt sind, dass wir in dieser Hinwendung zum Menschen gleichsam die Menschwerdung unseres Gottes aufgreifen.

Die Ökonomie der Liebe der Liebe Gottes ist es: mehr zu geben als man besitzt. Wie er - sich selber geben! Das ist das größte Wagnis des Lebens! Alle, die lieben und geliebt werden, wissen, was das heißt.

Deshalb ist Weihnachten eine höchst politische Sache - das war es schon am Anfang auf den Feldern Bethlehems. Die Hirten waren Outlaws, Außenstehende, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte. Heute wären es die Haartz-IV-Empfänger, über die ein Drittel unserer Gesellschaft den Stab gebrochen hat. Bei ihnen sind die Engel in dieser Nacht.

Das soll uns nicht davon abhalten in dieser Nacht und in diesen Tagen zu feiern, und Geschenke zu machen. Nur müssen wir wissen, dass Weihnachten kein abgeschiedener Rückzugsraum ist, kein Raumschiff ohne Kontakt zur Erde, sondern mitten in dieser Welt geschieht. Der Himmel ist offen seit jener Nacht auf dem Hirtenfeld. Und er bleibt auch offen. Verschließen können wir ihn nur selbst, indem wir Gott und den Mitmenschen aussperren.

Hier vorne vor dem Altar steht das Tor weit offen und das Jesuskind hat den Schlüssel in seinen Händen. Lassen wir ihn dort. Nur dann bleibt das Tor offen.Amen