Wilfried Schumacher

Pfarrer & Stadtdechant

Weihnachtspredigt 2000

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim

Was soll denn das jetzt schon wieder? Eine seltsame Krippe hier vorne - ein Weg, eine Riesen-Windel, vielleicht auch ein Leichentuch? Mitten darauf das Jesus-Kind - allein. Eine Provokation - vielleicht. Die Krippe für den Hausgebrauch finden Sie jetzt unten in der Kirche unter dem Fenster mit der Weihnachtsdarstellung, vor dem Altar, an dem Engel ein Stück Himmel in den Händen halten. Die Botschaft ist die gleiche - da unten wie hier vorne: Euch ist der Heiland geboren, Christus, der Herr.

Als ich eben das Jesus-Kind in festlicher Prozession vom Hochaltar geholt und in die Gemeinde hineingetragen habe, war mir bewußt: Ja, so ist es! Nicht der Mensch kommt zu Gott. Gott kommt auf die Menschen zu! Es ist wie in der Geschichte vom barmherzigen Vater, die Jesus den Menschen erzählt hat, noch ehe der Sohn zuhause ankommt, geht der Vater auf ihn zu und hilft ihm heimzukommen.

Uns alle verbindet in dieser Stunde eines: unser Jahr 2000 geht zuende, müde und abgespannt. Es hat sich verausgabt und welkt dahin. Wenn wir jetzt Zeit hätten, mehr Zeit als ein Gottesdienst dauert, würde ich Sie gerne alle fragen, was Sie mitbringen aus diesem Jahr in diese Stunde?

·        Eine neue Freundschaft oder Partnerschaft

·        Eine Hochzeit

·        Die Geburt eines Kindes

·        Ein Examen, eine bestandene Prüfung

·        Einen Arbeitsplatz

·        Die Heilung von schwerer Krankheit

·        Trost und Zuversicht in einer schweren Krise

Oder aber:

·        Der Verlust eines Menschen

·        Eine zerbrochene Partnerschaft, eine Freundschaft, die zuende ging

·        Eine große Enttäuschung

·        Eine tiefe Verwundung

·        Der Verlust des Lebensentwurfs

·        Eine unheilbare Krankheit

Wahrscheinlich bringen Sie beides mit - Geglücktes und Gescheitertes, Gutes und Böses, Erfolg und Versagen, Verletzung und Heilung.

Weihnachten - so sagt man - kehren die Stunden des Jahres heim, mehr noch: in diesem Kind kommt Gott auf uns zu und hilft uns heimzukommen, bei uns selbst, bei Gott.

Ereignisse und Dinge, Menschen und Gesinnungen, Worte und Gedanken dieses Jahres kehren an Weihnachten nach Hause zurück. Das Licht dieser Nacht wird zum wegweisenden Stern: alle Stunden und Tage eines Jahres können in die Geborgenheit dieses Festes wandern, das wie eine Insel in der Zeit sich den Schiffbrüchigen des Alltags anbietet.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim - heim zu diesem Kind.

Das, was wir hier vorne sehen und was auf den ersten Blick wie ein Provokation erscheint, weil es auf alles verzichtet, was uns so lieb geworden ist: auf Stall, Ochs und Esel, auf Maria und Josef, auf die Hirten, und die Engel - und womit wir sonst noch unsere Krippen schmücken - das ist gleichsam die Reduktion der weihnachtlichen Botschaft auf das Wesentliche: ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.

Ein Kind - paßt nicht hinein in diese Gesellschaft, die nur fertige, perfekte Menschen gebrauchen kann, jung und unverbraucht, aber mit großer Erfahrung, möglichst ohne die Notwendigkeit kostspieliger Zuwendung oder Pflege, immer erwachsen, sachlich, planend, entscheidend. Seit Bethlehem provoziert Gott die Menschheit mit diesem Kind.

Das zwanghafte Großsein-Wollen wird in frage gestellt. Die Sehnsucht, die jeder in sich trägt, in dieser oder jener Situation einfach noch einmal anfangen zu können wie ein Kind, das das ganze Leben noch vor sich hat, diese Sehnsucht lacht uns aus der Krippe entgegen. "Kannst du nicht mal denken, du selber, deine Person, wäre liebenswürdiger und wertvoller als deine vorweisbaren Taten? Kannst du dir nicht einfach mal gestatten, an etwas anderes zu denken als daran, was du tun mußt und was du zu machen hast? Kannst du nicht einfach mal dich dem Empfinden überlassen, daß du berechtigt bist zu sein?" fragt uns das Kind in der Krippe.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim -

Ich fürchte: nicht nur bei mir waren viele Stunden dabei, in denen ich krampfhaft versucht habe, ganz erwachsen, ganz fertig, ganz vollkommen, ganz ausgereift zu sein.

Eh wir uns versehen sind wir ganz schön angefragt - können wir uns nicht ablenken durch eine noch so schöne Krippendarstellung.

Noch etwas kommt hinzu: ein Kind wird geliebt, weil es da ist - nicht weil es Besonderes besäße oder etwas geleistet hat. Das ist das Geheimnis eines Kindes, es lebt davon, um seiner selbst geliebt zu werden.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim -

Was haben wir nicht alles getan diesem Jahr 2000 um geliebt zu werden - und wie gut haben uns jene Stunden getan, in denen ein Mensch zu uns gesagt: du, ich mag dich, ich hab dich gern, ich liebe dich - so wie du bist und nicht weil du irgendetwas getan oder geleistet hast.

Liebe Schwestern und Brüder,

Gott spricht in diesem Kind eine überaus zärtliche Sprache zu uns. Es sind Worte der Einladung nicht der Verurteilung. In diesem Kind feiert er ein Fest der Freude über jede heimkehrende Stunde des Jahres. Die verlorenen und die gesegneten Stunden werden in seine Liebe heimgeholt.

Wir müssen dieses Jahr nicht schultern mit seiner Last und es weitertragen, wir können es in dieser Stunde an dieser Krippe niederlegen.

So erleichtert, so befreit,  kann ich dem Kind in mir Raum geben. "Wäre Jesus 1000 mal in Bethlehem geboren und nicht in dir, so wärest du verloren," schreibt Angelus Silesius.

Das könnte zur Lebensaufgabe werden,

aufzuhören mit dem Großsein-Wollen,

aufzuhören damit, die Gefühle, die Wünsche, die Träume unter dem Mantel einer nüchternen Sachlichkeit zu verbergen,

aufzuhören alles zwecklos, unvernünftig, unnütz ist als unverantwortbar und kindisch zu verdammen.

"Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen", wird Jesus einmal sagen.

Das Kind ist uns an diesem Weihnachten 2000 auf den Weg gelegt, besser noch: in den Weg gelegt. Vielleicht ist das weiße Tuch aber auch ein Leichentuch. Matthias Grünewald hat auf seinem Isenheimer Altar dem neugeborenen Kind eine Windel gegeben, die dem zerrissenen Lendenschurz am Kreuz sehr ähnlich sieht. Dieses unansehnliche Tuch wird auf dem Auferstehungsbild verwandelt wird in eine Stoff-Fülle von unermeßlicher Farbenschönheit.

Die Assoziation ist erlaubt: es bleibt nicht beim Knaben im lockigen Haar, die Geschichte findet ihre Fortsetzung im Leben Jesu, in Kreuz und Auferstehung. Es bleibt nicht bei der Weihnachtsidylle. Das Kind nimmt uns an der Hand – mit ihm bleibt das Leben staunenswert, vielfältig, bunt, mit einer Zukunft, die größer ist als unsere begrenzte Welt.

Weihnachten

kehren die Stunden des Jahres heim,

heim zu Gott,

heim zu diesem Kind,

das zu uns spricht:

"Ich bin der Anfang und das Ende“.

Weihnachten

so sagt man, kehren die Stunden des Jahres heim.

Stunden

angefüllt mit Leid und Schmerz,

mit Enttäuschung, Untreue und Versagen.

Stunden

voller Freude und Glück, Sympathie, Geborgenheit, Liebe.

Stunden mit Menschen.

Stunden in Einsamkeit.

Verlorene Stunden.

Gesegnete Stunden.

Weihnachten

kehren die Stunden des Jahres heim.

Und über’s Jahr gesehen, spüren wir unsere Unzulänglichkeit,

unsere Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Heil und Erlösung.

Weihnachten

kehren die Stunden des Jahres heim,

heim zu Gott,

heim zu diesem Kind,

das zu uns spricht:

"Ich bin der Anfang und das Ende" (Off 22,13).

Weihnachten

kehren die Stunden des Jahres heim,

heim zu diesem Kind, das alle Stunden annimmt,

und sie wandelt auf seine Weise,

sie erfüllt mit seiner Liebe.

Die Last eines ganzen Jahres

kann ich an der Krippe niederlegen

bei diesem Kind;

denn: SEIN sind die Zeiten.

© Wilfried Schumacher