Wilfried Schumacher
Pfarerr & Stadtdechant

Predigt an Weihnachten 2006
Der Engel mit zerbrochnem Flügel


Das Malheur war passiert, als die Engel den Himmel verlassen hatten, um das Gloria über Bethlehems Feldern zu singen: der Flügel eines kleinen Engel war gebrochen und ohne Flügel können Engel nun mal nicht fliegen. Er purzelte zur Erde und landete vom Wind etwas abgetrieben auf dem mit Stroh gedeckten Stall, in dem das Jesuskind lag.

So beginnt die Geschichte vom "Engel mit dem gebrochenem Flügel", von der ich Ihnen heute erzählen möchte. Sie ist mir in diesen Wochen des Advents so wichtig geworden, dass ich Sie Ihnen wenigstens in Auszügen nicht vorenthalten möchte.

Schon der Anfang erzählt von uns: wer von uns nicht schon mal aus allen Wolken gefallen, aus dem Himmel gepurzelt. Ich denke an so viele Beziehungsgeschichten, wo aus dem 7.Himmel schnell die Hölle wurde. Ich denke an viele Enttäuschungen und Verwundungen, mit denen wir uns durchs Leben schlagen müssen. Wieviele Träume, die wir uns gemacht haben, sind zerplatzt wie eine Seifenblase. Kaum eine unserer Biografien ist frei davon. Mir fallen die Arbeitslosen ein, besonders jene, die die Zahl ihrer Bewerbungen schon gar nicht mehr zählen können. Ich erinnere mich an eine furchtbare Zahl: fast 5000 Kinder beziehen in unserer Stadt Sozialhilfe, dahinter verbergen sich viele Familie unterhalb der Armutsgrenze, vor allem viele Alleinerziehende. Menschen, die sich gewiss ihre Lebensbedingungen auch anders vorgestellt haben und die nicht selten versuchen, sich den Himmel auf Erden zu schaffen - was ihre Not nur noch vergrößert.
Sie alle gleichen dem kleinen Engel, allerdings fallen sie meist unsanft auf den Boden der Realität, während der kleine Engel in unserer Geschichte auf dem Dach des Stalles in Bethlehem landet. Seine große Sorge war gleichzeitig auch seine große Gewissheit: Gleich, so dachte er bei sich, werden sie nach Dir schauen, irgendeiner wird dich vermissen und mit der Suche beginnen.
Als das Gloria vorbei war und die "Kollegen" zurückgekehrt waren, blieben die die staunenden Hirten zurück. Der kleine Engel zitterte in der Nacht und ihm war klar, er musste in den Stall hinein, wenn er nicht erfrieren wollte. Kurz vor dem Eingang zum Stall erschrak er und drückte sich schnell in den Schatten der Stallwand. Was würde der Gottessohn sagen, wenn er einen Engel mit gebrochenem Flügel entdeckte? Er kroch hinein in die hinterste Ecke des kleinen Stalls, wo ein Haufen Stroh ihn vor den Blicken verbarg.

Ein gebrochener Flügel. Für Engel eine Katastrophe. Ein Handicap, eine Eingrenzung. Wieder sind wir ein Teil der Geschichte geworden: Grenzen, Unfähigkeiten, Behinderungen, das kennt jeder und jede. Aber wer gibt es schon gerne zu?. Wie der kleine Engel seinen gebrochenen Flügel versteckt, tun auch wir alles, um unsere Verletzungen, unsere Einschränkungen, unsere Schwächen, unsere Inkompetenzen nicht öffentlich werden zu lassen. Und das ist manchmal ganz schön anstrengend.

Da saß der kleine Engel also im Stall von Bethlehem und er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Eine Wendung nimmt die Geschichte erst als nach einiger Zeit Bewegung in den Stall kommt. Draußen war irgendetwas los. Ach wenn er doch auf die Fensterbank hätte fliegen können. Er war doch so neugierig. Also musste er seine Ohren spitzen. Das klang nach einer größeren Gesellschaft. "Hier muss es sein!", hörte er eine Stimme in einer fremden Sprache. Engel verstehen alle Sprachen. "Hier kann es aber nicht sein!", sagte eine andere Stimme und fügte hinzu, " wir suchen einen König und stehen vor einem Stall." "Aber der Stern!, flüsterte ein Dritter. Als der kleine Engel das Wort "Stern" hörte, wurde er ganz nervös. Ein Stern soll scheinen, am helllichten Tag! Ja, richtig, da stand ein Stern am Himmel und leuchtete mit der Sonne um die Wette. Ein Strahl fiel mitten hinein in den Stall auf das Kind in der Krippe. "Schön", dachte der kleine Engel, " einfach schön!"

Wieder sind wir mittendrin in der Geschichte. Die Erzählung von den drei Weisen fasziniert immer wieder neu. Menschen, die aufgebrochen sind ins Ungewisse, die einen Weg machen ohne zu wissen, wohin es geht. Ihr Gespräch vor dem Stall fasst unsere Zweifel ins Wort. So schön die Geschichte auch ist, kann das denn wahr sein, was die Evangelien erzählen? Ja, "Gott ist so groß, daß er klein werden kann. Gott ist so mächtig, daß er sich wehrlos machen kann und als wehrloses Kind auf uns zugeht, damit wir ihn lieben können. Gott ist so gut, daß er auf seinen göttlichen Glanz verzichtet und in den Stall herabsteigt, damit wir ihn finden können" (Benedikt XVI)- so wie ihn die drei Männer gefunden haben und nach ihnen viele andere - vielleicht auch wir.

Der kleine Engel beobachtet staunend was alles geschieht. Als die Männer eintreten und er muss kichern als er ihre Namen hört: Caspar, Melchior und Balthasar. Engel mit solchen Namen gab es im Himmel nicht. Da fiel ihm auf, dass er gar keinen Namen hatte. "Kleiner Engel" wurde er immer gerufen - aber das war doch kein Name! Kleine Engel gibt es gewiss viele. Ohne Namen - das bedeutet doch austauschbar zu sein. Vielleicht hatten sie ihn deshalb im Himmel vergessen. Wer keinen Namen hat, der hat auch keinen Platz im Herzen der anderen. Der kleine Engel wurde sehr nachdenklich und traurig.

Wir haben alle einen Namen, der in irgendeinem Standesamt verzeichnet ist, aber das allein genügt nicht, allenfalls für eine polizeiliche Identifizierung. Wir möchten einen anderen Namen haben, einen, mit dem wir angesprochen werden. Wenigstens einen Menschen muss es auf der Erde geben, der mit unserem Namen mehr verbindet. Der ihn ausspricht, nicht nur um uns zu erkennen, sondern der gleichzeitig damit sagt: Ich liebe dich, du bist mir etwas wert, ich schätze dich, ich mag dich.

Als die drei Männer den Stall verlassen haben, passiert das, wonach sich der kleine Engel die ganze Zeit gesehnt hatte: Plötzlich ein Rauschen und ein großes Licht. Da stand er: sein Ober-Engel. Endlich: dem kleinen Engel liefen die Tränen über's Gesicht. Endlich: sie hatten ihn also doch nicht vergessen und gefunden. Er konnte gar nicht schnell genug aus dem Stroh hervor kriechen und seine Flügel vom Stroh säubern, denn der Oberengel war sehr pendantisch. Aber was war das? Er kam nicht zu ihm, sondern rührte Josef an, flüsterte ihm etwas ins Ohr, verließ ihn und den Stall. "Hallo, hier bin ich!" schrie der kleine Engel. "Hallo, hier!" Aber das Licht erlosch und es wurde wieder still. "Das gibt es doch nicht! Du kannst mich doch hier nicht zurücklassen."

"Wer bist du denn?", hörte er ein kleines Stimmchen. Oh je, jetzt hatte sein Schreien das Kind aufgeweckt. Es schaute zu ihm hin, verstecken war nicht mehr möglich. "Komm bitte her", sagte das Jesuskind. Der kleine Engel kroch langsam näher, peinlich darauf bedacht, seinen zerbrochenen Flügel zu verstecken. Er hockte sich neben die Krippe, schaute das Kind an und dann brach es aus ihm hervor, er erzählte seine ganze Geschichte. Wie er aus dem Himmel gefallen war, mitten auf das Dach des Stalles, wie er sich in einer Ecke versteckt und staunend alles miterlebt hatte. Auch von seinem gebrochenen Flügel erzählte er. "Gebrochner Flügel?", fragte das Kind, "lass sehen". Auch das noch! Er hätte sich ohrfeigen können, dass er es überhaupt erzählt hatte. Er zeigte dem Kind das zerbrochene Gefieder. Doch was war das? Plötzlich kam neue Kraft in seine Flügel, er konnte beide wieder bewegen. Wenn das kein Wunder ist! Das Kind in der Krippe lächelte nur.

"Wie heißt du?" fragte es. Auch das noch - schlimmer konnte es nicht mehr werden. Jetzt auch die Sache mit dem Namen. "Kleiner Engel", sagte er und am liebsten hätte er noch hinzugefügt "Engel Namenlos", aber er hätte es nur noch schluchzend sagen können, denn wenn er nur daran dachte, kamen ihm die Tränen. "Das ist kein Name" sagte das Kind und schaute ihn an, wie ihn noch nie jemand angeschaut hatte. "Ab jetzt heißt Du "Mein-kleiner-Engel"." Naja nicht eben ein geläufiger Name wie Raphael oder Gabriel oder Uriel. Aber Gott vergibt ganz seltsame Namen, angefangen bei sich selbst, das wusste der kleine Engel.

Vielleicht verstehen sie jetzt, weshalb ich die Geschichte liebe:
all' das, was wir so sehr beflissen voreinander verstecken, unsere Grenzen, Unfähigkeiten, Behinderungen, alles das darf vor diesem Kind sein. An der Krippe hört jedes Versteckspiel auf. Nur dann wird Jesus zum Heiland auch für uns werden.
Und: vor dem Kind in der Krippe bleiben wir nicht namenlos. Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht, heißt es am Schluß von Johann Sebastian Bach's Weihnachtsoratorium. Seit der Menschwerdung Gottes hat jeder Mensch einen Namen, denn Gott ist einer von uns geworden, nicht aus Langeweile, sondern aus Liebe, damit auch wir den Weg der Liebe gehen können. Deshalb hören wir von der Krippe die Botschaft, die für uns überlebenswichtig ist: Ich liebe dich, du bist mir etwas mehr, ich schätze dich.

"Mein-kleiner-Engel" hatte gar keine Lust in den Himmel zu fliegen. "Ich bleib noch was!", sagte er und hockte sich wieder in seine Ecke, denn inzwischen war Josef wachgeworden. Er weckte Maria auf und sie tuschelten miteinander. "Wir müssen weg", verstand "Mein-kleiner-Engel", "so schnell wie möglich." Und: "wir sollen nach Ägypten hat ER gesagt". Es dauerte nicht lange und alles war "reisefertig". "Mein-kleiner-Engel" begriff alles nicht so richtig. Weshalb wollte man aufbrechen, bevor es Tag wurde, weshalb nach Ägypten? Maria nahm das Kind und Jesus winkte ihm zu und lächelte. "Mein-kleiner-Engel" flog nach draußen, sah die seltsame Reisegesellschaft und setzte sich auf eine der Satteltaschen. "He, du mußt zurück in den Himmel", flüsterte ihm das Jesuskind zu. "Mein-kleiner-Engel" schüttelte den Kopf. "Ich bleibe bei dir", sagte er und lächelte. Auch wenn er nicht wusste, wie weit Ägypten war und was es bedeutete. Kommen Sie auch mit?