Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt an Weihnachten 2005 – Bonner Münster
Die Botschaft verändert die Welt

Weihnachten kennt keinen Pardon. Weihnachten muss sein. Man kann sich ihm nicht entziehen, ob man will oder nicht. Wollte man fliehen vor dem Fest – wohin entkommen? Selbst der, der sich am äußersten Meer niederlässt, wird von der Hand des "Silent night, holy night ..." ergriffen oder gerät doch zu-mindest in die Fänge von "I'm dreaming of a white Christmas ".

Nur: "Fröhliche Weihnachten" sind nicht überall! Denjenigen, deren Partnerschaft zerbrochen oder deren Familie zerrissen ist,
die eine schlechte Diagnose bekommen haben
oder Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not erleiden müssen,
die einen Menschen verloren haben oder ihn in diesen Tagen ins Sterben hinein begleiten, kommt das „Frohe Fest“ nur schwer über die Lippen, aber sie sind uns in dieser Stunde umso herzlicher willkommen.

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
(Melodie: Mp3-File)

Die Nacht ist vorgedrungen. Es ist schon (fast) Mitternacht. Was hat uns hierher gelockt um diese Stunde, da man normalerweise ins Bett geht? Die Motive sind vielfältig:
* für die einen ist es eine Selbstverständlichkeit so ihren Glauben zu feiern,
* für andere ist es die Sehnsucht nach dem Weihnachten der Kindheit. Die Sehnsucht nach der Stille und Hei-meligkeit des Heiligen Abends, nach dem mehr als sonst spürbaren Zusammenrücken der Familie, die Er-innerung an die gespannte Erwartung, ob nicht viel-leicht doch ein Wunsch in Erfüllung geht, den man so lange und so oft mit sehnsüchtigen Kinderaugen her-beigesehnt hat.
* Manch einer wird hier sein, in dessen Herzen es dunkel ist, und der sich sehnt nach Lichterglanz, weil er weiß, dass das Licht der Kerzen gut tut.
* Vielleicht spüren andere beim Anblick der Krippe, das dort ein Modell des Zusammenlebens gezeigt wird, das konkurrenzlos ist und doch in unseren Breiten ein Aus-laufmodell.

Auch Jean-Paul Sartre kannte wohl die Sehnsucht von Weihnachten. Dieser atheistische Philosoph und Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, der die totale Freiheit und die totale Verantwortung des freien Menschen in einer Welt, ohne Gott, ohne Gnade und ohne Reue verkündete, schrieb: "Wenn Gott für mich Mensch würde, dann würde ich ihn lieben, ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichen alle Wege meines Lebens nicht.“

Sartre wusste nicht, dass die Weihnachtsbotschaft genau andersherum verläuft. Sie ist zuerst eine Liebeserklärung Gottes an die Welt, an jeden Einzelnen. Unser Papst Benedikt XVI. sagte bei seiner Amtseinführung: Wir sind nicht das zufällige und sinnlo-se Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.


Lieber Schwestern und Brüder,
nichts anderes will uns das Kind in der Krippe sagen, in dem Gott Mensch geworden ist.

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.
Diese Botschaft tut gut. Sie verändert die Welt. Sie befreit von dem allgegenwärtigen Leistungsdenken, nach dem der Mensch nur dann etwas zählt, wenn er etwas leistet, Frucht bringt, Profit erwirtschaftet. Sie holt den Menschen aus dem Gefängnis des Jung-, Schön- und Gesund-sein-Müssens. In der Adventszeit stand hier vorne ein Mensch hinter Gittern – heute ist das Gitter gefallen und wird zur Krippe für das Kind.

Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.
Diese Botschaft tut gut. Sie verändert die Welt. Sie holt den Einzelnen heraus aus der Masse, die einen mitreißt und in der man nicht selten gerne mitschwimmt. Wie schnell wird der Einzelne manipuliert, wie schnell kann er in der Masse untertau-chen. Wer bin ich eigentlich noch? fragen sich viele. In der Adventszeit lag hier vorne ein Spiegel, in den konnte man blicken und sich fragen: Wer bin ich? – heute ist der Spiegel zerbrochen und das Kind schaut den Betrachter an und gibt uns die Antwort.

Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.
Diese Botschaft tut gut. Sie verändert die Welt. Sie öffnet die Türen, die andere vor uns zugeschlagen haben und mit denen wir andere aussperren, weil sie nicht so sind, wie man normalerweise ist, weil sie nicht mithalten können – weder intellektu-ell, noch finanziell. In der Adventszeit stand hier vorne eine verschlossene Tür – heute ist sie geöffnet. Gott selbst hat sie geöffnet und will nicht, dass wir sie zusperren.

 

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.
Das ist die Botschaft, die Menschen nicht zum ersten Mal in der Kirche hören – es ist die Überzeugung, die in einer Familie lebt.
Dort haben die meisten von uns erfahren, was es heißt, geliebt zu sein ohne jede Vorleistung – und alle, die es nicht erfahren haben, müssen ein Leben lang mit diesem Defizit leben.

Bei allen Anstrengungen von Seiten des Staates, Erleichterun-gen bei der Erziehung zu schaffen, diese existentielle Botschaft für das ganze menschliche Leben kann keine Erzieherin im Kin-dergarten und kein Lehrer in der Schule vermitteln. Sie wächst einzig und allein heran in der Familie.

„Man braucht ein ganzes Dorf, um einen Menschen zu erziehen“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Jedes Weihnachtsfest wird das scheinbare Auslaufmodell „Familie“ in den Mittel-punkt gestellt und gefeiert. Ich wünschte mir, man würde die Diskussion um die Familie nicht nur unter rein finanziellen Ge-sichtspunkten führen. Wer in einer Familie herangewachsen ist und wer in einer Familie lebt, ob als Kinder oder Eltern, weiß, dass hier der Ort ist, wo wir Leben erfahren und uns daran freuen können. Deshalb ist die Familie kein Auslaufmodell!

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
Diese Botschaft verändert die Welt. Dahinter steht für mich die Überzeugung: wenigstens einer - Gott - hat Achtung und Ehrfurcht vor dem mühevollen Weg, den wir oft gehen, vor der Art, wie wir das Leben, das uns so oft beutelt, bewältigen.

Wenn wir realistisch das Leben betrachten, dann stimmt es:
Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und –schuld

Die Dunkelheit ist nicht verschwunden und sie wird so manches Mal noch unser Leben befallen. Aber mit dieser Botschaft ist uns das Licht in die Hand gegeben, mit dem wir die Dunkelheit erleuchten können.
Auf dem Weihnachtbild im Hochchor unseres Münsters wird der hl. Josef gezeigt, der eine Kerze in der Hand hält. So zaghaft und klein die Flamme auch sein mag, sie bringt Licht ins Dunkel.
Man muss nicht vor einem hell glitzernden Tannenbaum sitzen – eine kleine Kerze kann mehr Licht geben als hunderte Glühbirnchen.

Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht
Ich wünsche Ihnen, dass die Botschaft dieser Nacht für Sie wie ein Licht sei, das alle Dunkelheit hell macht. Amen

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht."

 

 

Die Nacht ist vorgedrungen - Lied von Jochen Klepper.