Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an Weihnachten 2004
Bethlehem bringt die Welt in Ordnung
Liebe Schwestern und Brüder,
hat Sie auch das Durcheinander der Tücher hier vorne gestört? Vier Tücher zu einem Knäuel zusammengebunden – und darauf wurde das Jesuskind gelegt. Was soll das?
Das grüne Tuch erzählt von den ersten Menschen, von
Adam und Eva und ihrer Sünde. Was habt ihr getan, fragt Gott sie. Die Frau
wars, sagt Adam, die Schlange hat mich verführt, sagt Eva. (wenn Sie
mehr wissen wollen, lesen Sie hier)
Die Tat ist eindeutig, aber keiner will es gewesen sein. Das kennen wir doch!
Auch von uns selbst – die anderen sind es, die die Schuld tragen –
die Gesellschaft, die Umstände, die Zwänge. Wie schwer fällt
es uns, zu sagen: ich selbst trage die Schuld. Wieviel Unheil wird dadurch neu
geboren, dass Menschen nicht zu ihren Taten stehen?
Das braune Tuch berichtet von Hagar, der Magd Abrahams und
ihrem Elend. Zuerst war sie gut genug, um Abraham vom Makel der Kinderlosigkeit
zu befreien, dann wollte er plötzlich nichts mehr ihr wissen. (wenn
Sie mehr wissen wollen, lesen Sie hier)
Verstossen sein – das Schicksal der Hagar teilen viele Menschen. Das Herausgestossen-werden
aus der Liebe ist gewiss eine der schlimmsten Erfahrungen, die der Mensch macht.
Unser Blick wird gelenkt auf die Not vieler alleinerziehenden Mütter, die
unten den Armen in diesem Land einen großen Teil ausmachen.
Es stört uns, wenn in so einer festlichen Stunde die Rede ist vom Elend
in der Welt. Das Elend hat viele Namen: wir könnten schauen auf die 33
Kriegsgebiete der Erde. Der Krieg ist der Vater der Armut. Wir müssen reden
von den Menschen in Lateinamerika, denen die Kollekte Adveniat in diesem Gottesdienst
hilft, oder von Afrika, in dem über zwei Drittel der Menschen von jedem
Wohlstand ausgeschlossen sind.
Das blaue Tuch erzählt von Mirjam, der Schwester des
Moses. Sie hatte die Unfreiheit in Ägypten erlebt, die Unterdrückung
und Knechtschaft. (wenn Sie mehr wissen wollen, lesen Sie
hier)
Wir leben in einem freien Land – und doch erzählen viele Menschen
davon, dass sie gefangen sind – in Vorurteilen, in Systemen, in Familien,
in Strukturen, in Traditionen. Die Unfreiheit ist das Leid, in dem viele Menschen
leben. Viele Befreiungsversuche, etwa mit Hilfe von Alkohol, Tabletten, Drogen
führen in immer neue Abhängkeiten. 7 Prozent unserer Bevölkerung
gehen diesen Weg der Unfreiheit.
Das rote Tuch steht für eine Beobachtung, die wir alle
machen und die schon der Apostel Paulus im Römerbrief dokumentiert hat.
„Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich
nicht will.“ (Röm 7,19). Wenn wir ehrlich sind zu uns selbst, erkennen
wir schon, wie wir sein möchten oder sein könnten, und wir sehen die
Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. (wenn Sie mehr wissen wollen,
lesen Sie hier)
Die Unordnung der Tücher wird zum Symbol einer Welt, die auf weiten Strecken
nicht in Ordnung ist. Gewiss ist auch ein Stück meiner Welt da wiedergegeben.
Die Welt ist nicht in Ordnung - so wie damals in Palästina, wo ein ganzes
Land durcheinander gewirbelt wurde, nur weil der Kaiser eine Volkszählung
wollte. So wie damals in Bethlehem als eine schwangere Frau keinen anderen Platz
findet für die Geburt als einen Stall. Wenn es sich auch immer wieder anrührend
liest, in Ordnung war das nicht.
So unordentlich das auch war – ein einziger Satz verändert alles:
„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und
sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelten ihn in Windeln und legte
ihn in eine Krippe.“(Lk 2,6)
In diesem Augenblick ist alle Unordnung vergessen, alles Elend, alle Unfreiheit.
Eine Geburt ist die Stunde größten Friedens. Und diese Geburt erst
recht! Kein Wunder, dass die Engel vom Frieden auf Erden singen.
Wenn wir ehrlich sind, dann starren wir gerne auf die Unordnung unserer Welt, und wir haben kaum einen Zugang, zu diesem Ereignis, das die Welt wieder in Ordnung bringen soll.
Den Schlüssel lieferte mir in diesen Tagen vor Weihnachten jemand, der mir sagte: „Für mich ist dieses Jahr zum ersten Mal richtig Weihnachten, denn in mir ist etwas neu geboren!“ Wie recht er hat.
Theoretisch werden wir uns diesem Ereignis in Bethlehem nicht nähern können. Wir müssen uns wohl auf den Weg machen und solche Situationen in unserem Leben aufspüren, wo in uns etwas neu geboren worden ist, das auf besondere Art unser Leben neu geordnet hat.
Die Geburt des Gottessohnes spiegelt sich in diesen vielen Geburten in unserem
Leben wieder. Deshalb ist es gut, in dieser Stunde Lichter zu entzünden,
Lieder zu singen und festliche Musik zu machen. Weil es um uns geht, um unsere
Erlösung.
Vom Stall in Bethlehem her kann die Welt in Ordnung gebracht werden:
• Sei es dadurch, dass wir im Vertrauen auf Gottes Erbarmen zu unseren
Taten stehen können und nicht die Schuld bei den anderen suchen müssen.
Vor Gott dürfen wir sein wie wir sind!
• sei es dadurch, dass wir erkennen, wie der von Militärmächten
gesicherte Frieden immer wieder zerbricht. Krieg ist immer eine Niederlage der
Menschheit
• sei es, dass wir ernst machen mit dem Teilen und uns das Elend in dieser
Welt nicht unberührt lässt. Eine Geburt ist das Ja zum Leben; es darf
nicht in uns echo-los verhallen.
Vom Stall in Bethlehem her kann die Welt in Ordnung gebracht werden:
Allerdings keine Ordnung, die sich im Sinne eines Systems vereinnahmen lässt.
Denn das Kind, lässt sich nicht vereinnahmen. Es fällt nach wie vor
aus dem Rahmen.
Hat
Sie diese Predigt angesprochen, getroffen oder hat er Ihnen gar nicht gefallen?
Ich freue mich darauf, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.
Wenn Sie
mir schreiben möchten: mail@citypastoral-bonn.de
Wilfried
Schumacher
Münsterpfarrer
Cityseelsorger