WILFRIED SCHUMACHER
Pfarrer & Stadtdechant

Wir feiern den Himmel auf Erden

Ein alter Text - neu gelesen

Stellen Sie sich einmal vor, an diesem Weihnachtsfest gäbe es in unserer Kirche keine Krippe und auch Zuhause mußten Sie auf die liebgewordene Darstellung der Geburt Jesu verzichten: kein Stall, keine heilige Familie, kein Ochs, keine Esel und keine Hirten.

Da würde wirklich etwas fehlen an diesem Festtag. Etwas, an das wir uns schon so sehr gewöhnt haben, daß wir nur noch selten darüber nachdenken und allein schon deshalb könnte ich an der Vorstellung Gefallen finden, einmal ohne Krippe auszukommen.

Dann wären wir gezwungen, uns diese alte Geschichte, die wir von Kindesbeinen an kennen, neu ins Gedächtnis zu rufen, nicht als frommes Rührstück aus vergangenen Zeiten in leblosen Figuren dargestellt, sondern als Botschaft, die an uns gerichtet ist, an jeden von uns, ganz persönlich. sozusagen als unsere je eigene Geschichte.

Leibhaftiger Glaube

Versuchen, wir es einmal, erinnern wir uns: "In jener Zeit erging vom Kaiser Augustus ein Befehl, das ganze Reich aufzuschreiben". So fängt es an, das Ereignis von Bethlehem wird eingeordnet in die große Weltgeschichte. Der Kaiser in Rom mag wohl kaum davon Notiz genommen haben, daß ihm da in diesem kleinen Nest Bethlehem wieder ein Untertan geboren worden ist, aber er muß herhalten als Zeitzeuge. So wie dieser Augustus eine geschichtliche Gestalt ist, genauso steht dieser Jesus in der Geschichte. Für die Christen markiert dieses Datum gar den Wendepunkt der Geschichte, der so gravierend ist, das bald die Menschen ihre Jahre zählen vor und nach diesem Ereignis.

Ebenso konkret ist auch der Glaube. Er ist keine Theorie, kein leeres Lehrgebäude, nicht eine Sammlung von mehr oder weniger verständlichen Sätzen, keine fromme Dekoration eines eigentlich ganz unfrommen Lebens, den Sonn- und Feiertagen vorbehalten wie Großmutters Geschirr, das nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch kam.

Glaube ist keine Idee, irgendwo im luftleeren Raum angesiedelt, er ist leibhaftig: meine Familie, mein Beruf, meine Freizeit, Alltag und Festtag, das sind Orte und Zeiten meines Glaubens, hier muß das, was ich da in frommen Gesängen auch an diesem Weihnachtsfest bekenne konkrete Gestalt annehmen in meiner Person in meiner Geschichte, so wie Gottes Wort Gestalt annahm in diesem Jesus von Nazareth zur Zeit des Kaisers Augustus.

Die Welt von unten

betrachten aus dem Blickwinkel der Krippe

"Dies soll Euch zum Zeichen sein: Ihr werdet ein Kind finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend", wird den Hirten geweissagt auf den Feldern Bethlehems.

Einfacher geht's nicht, möchte man meinen, aber wer schon einmal auf einer Säuglingsstation in ein Dutzend Kinderbetten geblickt hat, weiß, eigentlich gibt es nichts Schwierigeres als kleine Kinder voneinander zu unterscheiden und in diesem Dorf Bethlehem, in dessen Höhlen die Bauern nicht selten mit dem Vieh die Unterkunft teilten, mag ein Kind in einer Krippe auch nichts Seltenes gewesen sein.

So einfach ist die Sache also wohl nicht; damals wie heute. Das Heil Gottes ereignet sich und läuft Gefahr, übersehen zu werden. Es kommt nicht mit Macht, nicht mit großem Aufsehen, unverwechselbar und eindeutig zu identifizieren. Unscheinbar wie ein kleines Kind tritt Gott in diese Welt ein.

Dieses Kind weckt in uns alte Sehnsüchte:

Wie ein Kind möchten wir sein:

Ohne Lebensangst

Ohne Zwang erwachsen, fertig sein zu müssen

Spontan, spielerisch, nicht berechnend sein

Vor allen aber geliebt zu werden - ohne Leistung

Anerkannt zu sein, nicht weil ich dieses oder jenes tue oder sage - sondern weil ich da bin!

Alle Chance haben, das Gute zu tun.

Gott wird zum Kind,

Gott macht kleiner als wir sind -

Gott macht sich klein, damit der Mensch erkennt, wie groß er ist.

Du brauchst nicht der Leistung und dem Erfolg nachzulaufen!

Du brauchst nicht um die Anerkennung besorgt zu sein

Du brauchst nicht immer weiter nach oben Ausschau zu halten - hier unten, wenn Du dich bückst, herniederbückst, findest Du das Kind, in dem Gottes Zärtlichkeit Dich anlächelt.

Ja, in der Krippe finden wir Gottes Zrätlichkeit.

Der angstmachende, furchterregende Gott hat seit Weihnachten ausgedient -

Ein Gott, der Mensch wird, der uns als Kind begegnet, kann nur ein zärtliuches Gott sein.

Dieser Gott läßt sich finden von Menschen, die wie die Hirten nicht zufrieden sind mit sich selbst, sondern aufbrechen, verlassen, was sie zu besitzen meinen, und Gottes Heilszeichen suchen.

Die vielen in Bethlehem, die Satten und die Selbstgerechten, haben das Heil, das in ihrer Mitte geschehen ist, nicht wahrgenommen, vielleicht gar nicht wahrnehmen können. Das war den Hirten vorbehalten, den Armen, denen, die verstehen, daß man sich dem Kind in der Krippe nicht aus der Distanz des behaglichen Wohnzimmersessel nähern kann, auch nicht im kritischen, über alles erhabenen Betrachten, sondern nur auf den Knien, wo man ihm und den Armen am Nächsten ist, denn seit Weihnachten betrachtet Gott die Welt von unten aus dem Blickwinkel der Krippe.

Erahnen, was der Himmel ist

Und schließlich erinnere ich mich: "da war plötzlich bei dem Engel eine große Menge himmlischer Herrscharen, die Gott lobten und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe". Ein phantastisches Bild, das der Evangelist Lukas hier zeichnet und an dem sich schon viele Künstler versucht haben. Mit Farben und Tönen haben sie wiedergegeben, was die Bibel in schlichten Worten berichtet.

Ja, es ist ein Bild, und mit ein wenig Phantasie kann ich es mir selbst ausmalen. Eine Menge himmlischer Heerscharen ich wurde den Himmel offen darstellen und aus gleitendem Licht purzelten die Engel scharenweise herab, um hier ihr himmlisches Konzert anzustimmen. Es wäre der Himmel auf Erden. Die Stunde, da Gott Menschennatur annimmt, da das Heil auf dieser Erde Wirklichkeit wird, läßt die Erde zu einem Stück Himmel werden. Jetzt kann der Mensch auch hier mitten unter den Menschen erahnen, was der Himmel ist.

An dieser Stelle vermögen wir auch zu spuren, weshalb die Weihnachtsgeschichte auch unsere Geschichte ist, die uns trifft ganz konkret in unserem Leben wie die Hirten damals. Und dies nicht nur an Weihnachten, denn es gibt viele Stunden im Jahr, wo wir erleben, daß der Himmel für uns offensteht, von denen wir sagen: "Das ist der Himmel auf Er den". An sie erinnern wir uns. Sie gilt es zu feiern an diesem Festtag, auf den Knien vor dem Kind in der Krippe. Wenn mich der Stall, die Heilige Familie, Ochs und Esel und auch die Hirten daran erinnern, dann werden die leblosen Figuren lebendig und wir sollten ihnen schleunigst einen Ehrenplatz an diesem Weihnachtsfest einräumen.

Seltsam - an Weihnachten sind alle Kirchen voll!

Wer kommt da zur Christmette ?

Gewiß, viele Menschen mit frohem Herzen

· Eltern, Kinder, Partner, denen nicht nur heute Schönes widerfahren ist;

· Menschen, die von Herzen froh sind, weil ihnen alles zu gelingen scheint, oder weil sie in Geschenken und Grüßen zu diesem Fest viel Zuneigung erfahren haben

· Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven dankbar sind.

Aber auch Menschen mit schwerem Herzen

· Menschen mit Trauer über den Verlust eines Menschen

· Menschen, die sich auseinandergelebt haben

· Menschen, die enttäuscht sind:
Kinder von den Eltern; Eltern von den Kindern, Partner vom Partner

· Menschen, die trotz alle Vorbereitungen angst haben, daß das Fest nicht gelingt

· Verbitterte oder Verwzeifelte, die am Ende des Jahres nur resümieren können, mit mir ist es bergab gegangen in diesem Jahr

· Kranke und Menschen, die leiden an sich und an der Welt

· Menschen, die zerbrochen sind, deren Lebensentwurf dahin ist

Und noch vielen andere, die ich jetzt nicht aufgezählt habe.

Warum sind Sie eigentlich hier?

"weil es dazugehört" - mit Verlaub gesagt, das ist mir zu einfach.

Könnte es nicht sein, daß wir ähnlich wie die Hirten Einfach mal nachschauen wollen, oft nicht doch etwas dran ist an der Botschaft der Engel "Euch ist der Heiland geboren"

Ich lade Sie, daß wir uns gemeinsam auf den Weg machen.