Den Himmel offen sehen

Gottesdienst aus dem Bonner Münster im ZDF am 26.12.1999

Zelebrant: Stadtdechant Wilfried Schumacher

Begrüßung:

Liebe Gemeinde hier im Bonner Münster und überall im Land an den Bildschirmen. Ich freue mich, mit Ihnen heute morgen diesen Gottes-dienst feiern zu können.50 Jahre lang war der Name unserer Stadt mit der großen Politik verbunden. Heute hören Sie ihn in einem anderen Zusammenhang. Diese Basilika birgt eine der ältesten christlichen Gedächtnisstätten unseres Landes, das Grab der Märtyrer Cassius und Florentius aus dem Ende des 3. Jahrhunderts. Hier feiern wir heute mit Genehmigung unseres Erzbischofs am Sonntag der hl. Familie das Fest des hl. Stephanus, das für uns alle mit diesem 2. Weihnachtsfeiertag verbunden ist.

Predigt
Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Wintermonaten ist der Himmel oft verhangen, ein dicke Wolkenschicht drückt nicht selten auch auf die Stimmung der Menschen.

Der graue Himmel ein trostloses, ein hoffnungsloses Bild.

Stephanus dagegen sieht den Himmel offen: keine Momentaufnahme der Gegenwart, eher ein Bild der Zukunft!

Für viele Menschen gibt es diesen Blick nicht mehr: der Himmel ist für sie keine Adresse der Zukunft, den Himmel wollen sie hier und jetzt. Die Zeit zwischen Geburt und Tod ist für sie die letzte Gelegenheit, einen überirdischen Zustand zu erreichen. So suchen sie das paradiesische Vergnügen, einen himmlischen Job, einen Engel als Partner oder Partnerin. Das eigene Glück rangiert an erster Stelle und die Angst, in diesem Leben zu kurz zu kommen, ist weit verbreitet. Aber diese Zeitgenossen müssen schmerzlich erfahren: den Himmel auf Erden gibt es nicht. Deshalb bleibt ihnen oft nur die Flucht in die Droge, in den Rausch, in die Krankheit, manchmal in den Selbstmord. Alles Bemühen nützt ihnen nichts, der Himmel bleibt ihnen verschlossen.

Gestern haben wir Weihnachten gefeiert. Die Frohe Botschaft dieses Tages haben wir alle noch im Ohr. Aus dem geöffneten Himmel kommen die Engel und singen den Lobgesang Gottes und des Menschen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen. Seit Weihnachten ist der Himmel wieder offen.

In unserer Basilika gibt es ein Altarbild aus dem 17. Jahrhundert: es zeigt unsere Stadt Bonn und darüber den geöffneten Himmel. Wir sehen unsere Stadtpatrone, Cassius und Florentius, die Märtyrer in ihrer römischen Soldatenuniform. Sie haben sich dem Weihrauchopfer, das der Kaiser von ihnen verlangte widersetzt und ihre Weigerung mit dem Leben bezahlt.

Wir sehen die Hl. Helena, die die erste Kirche über ihren Gräbern gebaut haben soll. Wir sehen Christus, Gott Vater und den Heiligen Geist.

Der offene Himmel über unserer Stadt - es ist der Blick des Stephanus, wie ihn uns die Apostelgeschichte überliefert. Gekonnt hat ihn der Maler in seine Zeit übertragen. Was Stephanus gesehen hat, so will uns der unbekannte Meister wohl sagen, das gilt auch dieser Stadt, und heute da dieses Bild über das Fernsehen zu Ihnen kommt: es gilt auch Ihnen. Wir haben eine Zukunft , die größer ist als unsere begrenzte Welt.

Vor 70 Jahren glaubte ein Machthaber im fernen Berlin, sein sei die Zukunft. Prachtvolle Bauten sollten nach dem Endsieg dieses sichtbar dokumentieren. Viele Menschen sind ihm damals gefolgt auf der Suche nach dem Himmel auf Erden. Aber es gab auch in unserer Stadt mutige Männer und Frauen, die eine andere Vision von der Zukunft hatten, ein anderes Bild vom Menschen. Wie Stephanus in der Urkirche, wie Cassius und Florentius im 3. Jahr-hundert, so mußten auch sie ihr Leben für ihre Überzeugung lassen.

Sie alle wußten, der Himmel auf Erden ist ein Trugbild - es gibt keinen Gott in Kaisergestalt und keinen in Führeruniform. Wer verspricht, die Sterne vom Himmel zu holen, fällt tief.

Stephanus, Cassius und Florentius, die Märtyrer des 20. Jahrhunderts und viele andere in 2000 Jahren Christentum waren Menschen, die ihre Augen zum Himmel erhoben, die nicht zufrieden waren mit der Banalität, in der sich der Alltag oft vollzieht, die sich nicht abfinden konnten mit Leid, Krankheit und Tod, mit allem Chaos in der Großen und unserer kleinen Welt.

Sie erlebten: die Sehnsucht des Menschen kristallisiert sich nicht selten in einzelnen Personen, die zudem auch noch das Wohlbefinden und das Heil versprechen.

Stephanus und alle Märtyrer nach ihm aber wußten, Rettung und Heil kommt allein von Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Sie bezeugten mit ihrem Leben, dass Gott uns in Jesu Kreuzigung und Auferstehung das ewige Leben zugesagt hat. Wer es ihnen gleichtut, dem steht der Himmel offen, jeden Tag. Amen

Fürbitten

Herr, in uns lebt die Sehnsucht nach dem offenen Himmel, die Du allein stillen kannst. Dir allein gebührt unser Lob, unsere Anbetung und Verehrung. Mit Stephanus, Cassius und Florentius und den Märtyrern unseres Jahrhunderts preisen wir dich und bitten wir dich:

* Für alle Christen, dass sie in ihrem Leben ihren Glauben bezeugen, und für alle, die um des Glaubens willen verfolgt werden, dass sie die Kraft haben, allein von dir ihr Heil zu erwarten.

Gemeinde: Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Herr, du mein Gott.

* Vor 50 Jahren entstand in unserer Stadt das Grundgesetz.

Als Oberbürgermeisterin dieser Stadt bitte ich für alle Politiker unseres Landes, dass sie getreu der Präambel unserer Verfassung handeln, in der Verantwortung vor Gott und den Menschen.

Gemeinde: Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Herr, du mein Gott.

* Vor 181 Jahren wurde in dieser Stadt die Universität gegründet.

Als Rektor dieser Hochschule bitte ich für alle Wissenschaftler, dass sie in ihrem Tun die Würde des Menschen achten und nicht dem Wahn verfallen, den Himmel auf Erden schaffen zu können.

Gemeinde: Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Herr, du mein Gott.

* Menschen ohne Ausbildung haben wenig Chancen für die Zukunft.

Ich bitte Dich für alle, die Verantwortung tragen in der Ausbildung und für den Arbeitsmarkt, dass sie mit Kreativität, Engagement und Investitionen alles dafür tun,um jungen Menschen mit Ausbildungs- und Arbeitsplätzen eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen.

Gemeinde: Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Herr, du mein Gott.

* Für unsere Toten - Menschen, die vor uns und mit uns gelebt haben, dass sie nun den offenen Himmel und die ewige Gemeinschaft mit Dir erfahren.

Gemeinde: Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Herr, du mein Gott.

Würdig bist du, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob. Amen

Text zum Friedensgruss ( Johannes Maria Verweyen)

Möge, Herr,

auf meinem Angesicht

ein wenig widerscheinen

von dem Glanze Deines Reiches

Möge, Herr, aus meiner Seele

etwas von dem Lichte leuchten,

das Du einst auf Erden

angezündet.

Möge, Herr, aus meinem Wesen

etwas von der Ruhe strahlen,

die der Odem Deines Lebens

birgt!

Möge, Herr, in meinem Dasein

etwas von dem Frieden walten, den nur Du und keine Welt kann schenken.

Kommunion-Meditation (von Johannes Maria Verweyen)

Mag auch des Lebens Wirrsal
Deine Menschenkinder noch so fest verstricken,

Du, gütiger Vater, hältst die Himmelswege der Befreiung allen offen,

die des Bösen Fallstrick ernsthaft zu entgehen trachten und sich suchend zu Dir wenden.

Mag auch des Lebens Dunkel

Deine Menschenkinder noch so dicht umdüstern,

Du, gütiger Vater, leihst des Himmels Fackel der Erhellung allen denen, die mit Deiner Gnade Finsternis zu bannen trachten und nach Licht sich wahrhaft sehnen.

Mag auch des Lebens Leiden Deine Menschenkinder

noch so schwer bedrücken,

Du, gütiger Vater,

willst den Himmelsbalsam der Erquickung allen schenken,

die auf Dornenwegen ihre Kreuze tapfer tragen,

statt zu murren,

Dir vertrauten.

Mag auch des Lebens Sturmwind Deine Menschenkinder noch so wild umtoben,

Du, gütiger Vater,

hältst den Himmelshafen

ew'gen Friedens

allen offen,

die ihr Schiff verankert auf dem Grunde Deiner Ordnung und an ihr sich ausgerichtet.