Msgr. Wilfried Schumacher
Stadtdechant & Münsterpfarrer

Predigt zur Eröffnung der Festdekade zu Ehren der Stadtpatrone
Bonner Münster 5.10.2008


Helden mit langer Haltbarkeit

Ein schönes Lied, das der alttestamentliche Bänkelsänger da in der ersten Lesung gesungen hat: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Das passt so richtig in diese Tage, wo überall die Weinlese beginnt, und man kann sich schon vorstellen, mit welchen Erwartungen der Weinbergbesitzer auf die Ernte gewartet hat. Allerdings: alle Mühe war umsonst. Der Weinberg brachte nicht die erwartete süße Frucht. Die Strafe dafür folgt auf dem Fuß: Der fruchtbare, bepflanzte, kultivierte Boden wird über kurz oder lang wieder zur Wüste werden.

Die Geschichte vom enttäuschten Weinbergbesitzer ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk: Der Weinberg des Herrn ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Der Anklagepunkt, der zum Urteil führt, ist kurz und prägnant (im Hebräischen ein Wortspiel): "Er hoffte auf Recht und siehe Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit und siehe der Rechtlose schreit."

Wir beginnen heute die Festdekade zu Ehren unserer Stadtpatrone Cassius und Florentius. Die Endenicher, die heute hier zu Gast sind, verehren als dritten thebäischen Märtyrer, den hl.Malusius. Hin und wieder werde ich gefragt, weshalb wir den hier im Münster nicht auf der Liste haben. Der hl.Malusius gehört ursprünglich in den Kreis der Xantener Märtyrer und wird erst ab 1166 mehr aus archäologischen Zwängen gelegentlich in den Quellen erwähnt. Die ursprüngliche, seit 691 nachgewiesene Verehrung in Bonn galt nur Cassius und Florentius, die dann vor 400 Jahren zu Stadtpatronen ernannt wurden. Seit 1300 Jahren werden sie hier verehrt: es sind wahrlich Helden mit langer Haltbarkeit.

Der Heldenbegriff ist in allen Kulturen und Zeiten im Wandel. Die meisten denken bei diesem Wort an bedrohliche Situationen, gefährliche Abenteuer oder irgendwelche Höchstleistungen. Von Cassius und Florentius wissen wir, dass sie bereit waren, für ihre Überzeugungen einzutreten, für ihren Glauben sogar ihr Leben hinzugeben. Heute werden andere Helden gesucht.

Lange Zeit galten die Menschen in den Banken als die Helden des Geldes, die anscheinend mit Summen umgehen konnten, die sich der Normalverdiener gar nicht vorstellen konnte. Sie jonglierten mit dem Vermögen fremder Leute, handelten mit Produkten, die sie oft selbst nicht verstanden, angestachelt von der Gier der Anleger, immer noch mehr zu besitzen, immer noch mehr zu haben. Solange das System funktionierte, waren sie hoch geachtet. Jetzt stehen nicht nur sie vor dem Zusammenbruch. Riskante Geschäfte reißen wie in einem Strudel immer mehr mit in die Tiefe.

Vor diesem Hintergrund klingt das Wort des Propheten fast schon wie ein aktueller Kommentar: Recht und Gerechtigkeit werden nicht beachtet, zwei wichtige Elemente eines Gemeinschaftslebens, zwei Faktoren, die für ein gedeihliches Miteinander unbedingt notwendig sind. Und das konkretisiert der Prophet im Anschluss an dieses Lied vom Weinberg.
Da ist die Rede von der wirtschaftlichen Expansion der Großgrundbesitzer, die die wirtschaftlich schwächeren Kleinbauern rücksichtslos in die Verschuldung und in die Schuldsklaverei treiben,
die Rechtssprechung wird umfunktioniert, der eigentlich Schuldige wird freigesprochen, der eigentlich Unschuldige verurteilt,
von Bestechungsgeldern spricht der Prophet, von den Stärkeren und Mächtigen, die sich das Recht nehmen und die das Elend der Armen und Schwachen so festschreiben.

Man reibt sich die Augen, hört noch einmal hin: das sind Worte, die über 2500 Jahre alt sind. Es scheint, dass sich die Menschheit nie ändert. Für Jesaja ist dies alles Zeichen des Abfalls von Gott, Beweis dafür, dass das Volk die Liebe, die Gott ihm geschenkt hat, nicht erwidert. Die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit wäre die Entsprechung dieser liebenden Zuwendung Gottes.
Es genügt nicht, Gottes auserwähltes Volk zu sein: Gottes Rechtswillen ist es, dass Solidarität und Brüderlichkeit unter den Menschen herrscht, Unterdrückung und Ausbeutung der Schwachen und Hilflosen verabscheut er.

Unter denen, die dies umsetzen, die das leben, finden wir die wahren Helden unserer Zeit: Menschen, die ihr Leben auf ganz unterschiedliche Weise meistern, die - oft bescheiden - allein aufgrund ihres persönlichen Einsatzes und ihrer Überzeugung wirken, die die eigene Kraft zum Wohle aller entfalten, die die eigene Begeisterung und Überzeugung nutzen, um als Vorbild für Andere zu dienen.

Am kommenden Samstag feiern wir wie jedes Jahr in der Festdekade das Fest des seligen Papstes Johannes XXIII. Er schrieb 1961 in seiner Enzyklika: Soziale Gerechtigkeit erschöpft sich (aber) nicht, in der persönlichen Fürsorge für Benachteiligte, sondern zielt auf den Abbau der strukturellen Ursachen für den Mangel an Teilhabe und Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Soziale Gerechtigkeit fordert aber auch jeden auf, ungerechte Strukturen zu bekämpfen und sich für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft einzusetzen. ("Mater et magistra" 1961 Nr. 73) Katholische Soziallehre wie sie seit Leo XIII. von der Kirche gelehrt wird.

Die Krise der Weltwirtschaft zeigt mir, dass wir nicht mehr nur zuschauen dürfen. Cassius und Florentius sind für ihre Überzeugungen eingetreten. Die Liebe Gottes will erwidert werden, der Weinberg muß Frucht bringen, dies wird er nur dann tun, wenn wir diese Liebe durch unsere Liebe weitergeben, wenn Gottes Solidarität mit den Menschen in unserer Solidarität eine Entsprechung findet.

Nun dann verhindern wir, dass über uns das gleiche Urteil wie in der Geschichte des Jesaja gefällt wird.