Predigt zum Stadtpatrone-Fest 16.Oktober 2005
Zeigen, wie man das macht, ein Mensch zu sein
Sie sind weg – 100.000 junge Menschen, die im August eine Woche lang unsere
Stadt und die Region zum Weltjugendtag besuchten und diese Stadt verändert
haben.
Es vergeht keine Gelegenheit, wo ich nicht auf den Weltjugendtag angesprochen
werde.
Menschen berichten
• von einer großen Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die überall
herrschte,
• von Handwerkern, die auf die Bezahlung ihrer Rechnung verzichteten,
wenn es den jungen Pilgern zugute kam,
• von lächelnden Kollegen auf den Büroetagen,
• von Fahrgästen, die Busse und Bahnen so verliessen, wie sie vorgefunden
hatten,
• von tanzenden, singenden, fröhlichen Leuten überall.
Im Münster und rund um das Münster wurde gebetet. Wir schätzen,
dass 40.000 junge Menschen an den Taize-Gebeten teilgenommen haben und noch
mal soviel zwischen den Gebetszeiten in der Basilika waren und auch hinab stiegen
in die Gruft zu den Gräbern der Stadtpatrone.
Es gab in dieser Woche eine Kooperation zwischen den unterschiedlichen Ämtern
der Stadtverwaltung, Polizei, Feuerwehr, Rettungskräften und dem Veranstalter
wie man sie sich immer wünscht. Da wieherte nirgendwo der Amtsschimmel
und der oftmals vielbeschworene Dienstweg existierte auf keiner Landkarte und
erst recht in keinem Kopf.
Die Menschen aus aller Welt waren ein grosses Geschenk. Ihre Anwesenheit hat
Maßstäbe gesetzt in vielerlei Hinsicht. Sie sind weg!
Sie sind noch da – unsere Stadtpatrone Cassius und Florentius. Ihre Gebeine
ruhen wieder in ihrem frisch restaurierten Schrein und im Himmel müssen
sie sich in dieser Woche gefallen lassen, dass sie inbrünstig von hier
aus gebeten werden: „Schützet Bonn, die Stadt am Rhein“.
Die Verehrung dieses Angehörigen der thebäischen Legion, die ihr
Leben für ihren Glauben gelassen haben, ist hier für das 6.Jahrhunderte
urkundlich bezeugt. Die Tradition aber reicht viel weiter bis zum Scheitelpunkt
des 3. und 4.Jahrhunderts. Es ist spannend nachzulesen, wie sich die Thebäer-Verehrung
überall in Europa am Beginn des Mittelalters entwickelt hat: ausgehend
von Saint Maurice im Wallis in Tours und Angers an der unteren Loire, im Burgund,
in der Auvergne, in Lothringen, in Oberitalien, und eben auch in Bonn, Köln
und Xanten. Die Thebäer-Verehrung erreichte fast gesamteuropäische
Ausmaße.
Wenn wir also auf Cassius und Florentius schauen, dann betreiben wir keine Nabelschau,
sondern unser Blick wird in viele Regionen Europas gelenkt, wo die Thebäer
auch verehrt werden. Das Münster ist nicht nur architektonisch, sondern
auch angesichts seiner Heiligen ein „europäisches Monument“.
Die Internationalität unserer Stadt beginnt nicht erst 1949 oder gar erst
mit der Ansiedlung der UN-Institutionen.
Sie sind weg – die Gäste aus aller Welt. Anregt von dieser europäischen Tradition an diesem Ort, könnten wir ihnen nachgehen. Deshalb rege ich an, dass sich die Kirchengemein-den, besonders die Jugendlichen, mühen um einen Austausch mit den schon bestehenden Partnerstädten. Hier können wir auf vorhandene Strukturen zurückgreifen und einen Austausch auch über unsere gemeinsame christliche Überzeugung in Gang setzen.
Sie sind noch da – unsere Stadtpatrone. Die Gräber der Heiligen
Cassius und Florentius sind die Keimzelle des mittelalterlichen Bonn. Von hier
aus ist die Stadt gewachsen. Das macht uns schon fast einmalig:
• Frankfurt, ist gegründet an einer Furt über den Main,
• München begann mit dem Bau einer Brücke über die Isar,
Hamburg verdient seine Gründung einer karolingischen Fluchtburg,
• Düsseldorf ging aus einem blutigen Machtkampf zwischen dem Herzog
von Berg und dem Kölner Erzbischof hervor,
• Stuttgart war ursprünglich ein „stuotgarten“, das Gestüt
eines Herzogs.
Bonn aber ist erbaut über den Gräbern zweier Heiligen.
Papst Benedikt XVI. hat bei der Vigil auf dem Marienfeld im August gesagt: „Die Heiligen sind die Lichtspur Gottes, die er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht. Sie zeigen uns den Weg, wie man glücklich wird, wie man das macht, ein Mensch zu sein."
Im heutigen Evangelium hörten wir das Wort Jesu:
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört?“
Werden da nicht zwei gänzlich ungleiche Wirklichkeiten nebeneinander gestellt:
eine irdische Machtposition und die Herrschaft Gottes.
Im Himmel wird es bloß diese eine Macht mehr geben: Gottes Macht.
• Sollten wir nicht auch auf dieser Erde bereits alle Brücken abbrechen,
welche zu einer anderen Macht führen?
• Sollten wir nicht auswandern aus den Unrechtszusammen-hängen, die
die Welt beherrschen,
• aus dem ewigen Streit um Für und Wider,
• aus unserer säkularen Welt, in der alles andere im Mittelpunkt
steht als Gott.
Diese Versuchung hat es in der Geschichte des Christentums immer wieder gegeben.
Wenn wir ehrlich sind, dann kennt gewiss der eine oder die andere auch diesen
Gedanken: einfach weg und hinein in eine christliches Existenz ohne Für
und Wider, ohne Hin und Her, ohne faule Kompromisse.
Nicht immer dieses Anpassen an eine böse, gottferne Welt.
Wo diese Versuchung politische Dimensionen annahm, wurde sie meist selbst auf
kurz oder lang zu einem gottfernen Regime. In der Stadt Münster gab es
beispielsweise während der Reformationszeit die Wiedertäufer, die
versucht haben, eine Bürgerschaft unter rein religiösen Vorzeichen
zu errichten – Menschen, die es wirklich gut meinten, aber ihr Versuch
endete in autoritärer Unmenschlichkeit. Religiöser Fanatismus, gleich
in welcher Religion, ist immer unmenschlich.
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“
Jesus hält gut auseinander, was nicht zusammen gehört: Kaiser und
Gott, die Welt und den Himmel. Er vermischt beides nicht miteinander. Für
ihn gibt es weder eine Vergötterung des Kaisers noch der Welt.
Dies taten auch nicht die Christen im römischen Kaiserreich, als sie gezwungen
wurden, dem „Divus Augustus“, dem „göttlichen“
Kaiser Weihrauch zu streuen. Sie wanderten aber auch nicht aus Rom aus. Sie
versuchten nicht, ihr Christsein irgendwo auf einer Insel unter vielleicht idealen
Bedingungen zu leben. So wären sie schnell zu einer Sekte geworden, die
schnell bedeutungslos geworden wäre.
Das „Erfolgsgeheimnis“ des Christentums bestand wohl darin, dass man unter den weltlichen Bedingungen lebte, diese Bedingungen dort akzeptierte, wo sie aus christlicher Sicht vertretbar waren, und andernfalls das Martyrium wählte, wo etwas verlangt wurde, was die Ehre Gottes eingeschränkt hätte. So haben es unsere Märtyrer Cassius und Florentius auch getan.
Das II.Vatikanische Konzil geht noch einen Schritt weiter: „Freude
und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und
Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der
Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in
ihren Herzen seinen Widerhall fände.“
Nicht das Auswandern aus der Welt steht an, sondern das Leben als Christ mitten
in dieser Welt immer wissend, was dem Kaiser gehört und was Gott gehört.
Nur so können wir dem Beispiel der Heiligen folgen und den Menschen zeigen,
wie man glücklich wird und wie man das macht ein Mensch zu sein.
Es ist gut, dass unser Münster mitten in der Stadt steht über den Gräbern der Heiligen, weil es uns eine Aufgabe gibt: als Kirche dürfen wir nicht nachlassen darin, Anwalt des Mensch-Seins. Der Mensch löst sich nicht auf in Produktivität und Leistung, er ist und bleibt ein Ebenbild Gottes, von daher leitet sich seine Würde ab.
Wie die Heiligen folgen wir dabei nicht irgendeiner Zeiterscheinung, irgendeinem Modetrend, irgendeiner gesellschaftlichen Strömung. Die Heiligen sind die wahren Reformer, sagt der Papst. Nicht die Ideologien retten die Welt, sondern allein die Hinwendung zum lebendigen Gott, der unser Schöpfer, der Garant unserer Freiheit, der Garant des wirklich Guten und Wahren ist.
Die Jugendlichen sind weg – mit dieser Botschaft des Papstes im Gepäck. Unsere Stadtpatrone sind geblieben: Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution, die grundlegende Änderung der Welt, sagt Benedikt XVI.
Heiliger Cassius, heiliger Florentius – ihr Revolutionäre in unserer
Mitte – ans Werk!