Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt an Silvester 2006

"In deiner Hand sind meine Gezeiten"

"Zwischen den Jahren" nennen einige Menschen die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Das alte Jahr ist fast abgelaufen und das neue hat noch nicht begonnen. Es scheint mir so, als würde die Zeit für ein paar Tage lang still stehen. Ein Freiraum tut sich auf für manches, was im Getriebe des Alltags zu kurz kommt. Die Gedanken gehen zurück. Was war? In den Medien begleiten uns seit Tagen in Wort und Bild die Jahresrückblicke. Aber vielmehr als der Blick auf die großen politischen Ereignisse, auf die Fußballweltmeisterschaft oder auf den Papstbesuch im September beschäftigt uns doch die ganz persönliche Frage: War es ein gutes Jahr oder möchte ich einiges am liebsten aus der Erinnerung streichen? Was wird werden? Werde ich dem, was mich erwartet, gewachsen sein?

Zwischen Gestern und Morgen lebe ich im Heute, seltsam schwebend. Dieses seltsame "Dazwischen" löst zuweilen Unbehagen und Unsicherheit aus. Die vielen Bräuche um Silvester herum haben dort eine Wurzel. Wir möchten doch zu gerne wissen, wie es um die Zukunft steht. Der glaubende Mensch vertraut aber nicht auf Bleigießen und Kartenleger. Für ihn gibt es ein Wort, das fast 3000 Jahre alt ist. Mit dem Psalmbeter spricht er zu Gott: "Meine Zeit steht in deinen Händen. " (Ps 31,16) Ein Wort, das uns so geläufig ist, und gerne verleitet zu einer Betrachtung über die Zeit, von der immer mehr meinen zuwenig davon zu haben.

Eine Übersetzung schreibt hier: " In deiner Hand sind meine Gezeiten!" Ein Bild mit mehr Dynamik. "Gezeiten" - darin steckt Bewegung, ein Auf- und Ab, mit Höhen und Tiefen, die aber nie endgültig sind. So ist unser Leben und doch auch wieder anders. Es verläuft nicht im Wechsel von 12 Stunden und 25 Minuten, wie die Gezeiten der Meere.

"In deiner Hand sind meine Gezeiten" - schauen wir nicht nur auf die Bewegungen in unserem ganz persönlichen Leben, blicken wir auch auf unsere Gesellschaft. Zwei Flutwellen nehme ich dort wahr, über deren Dimensionen wir uns klar sein müssen:

1. Familie
Alle Mütter, die nach Mitternacht entbinden, können sich freuen. Sie erhalten das neue "Elterngeld". Seine Höhe richtet sich nach dem Einkommen der Eltern und dient als vorübergehender Lohnersatz. Man kann alles begrüssen, was die Familien wirtschaftlich unterstützt; aber mit wirtschaftlichen Programmen ist es nicht getan. Verräterisch ist schon die Sprache des Gesetzgebers: im sogenannten "HaartzIV"-Gesetz verkommt die Familie zur "Bedarfsgemeinschaft". Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Kinder mitten in Deutschland verhungern, ja sogar getötet werden, solange sie als "finanzielles Risiko" betrachtet werden, gegen das man sich absichern muss oder eben auch nicht kann. Wir müssen endlich reden vom Wert der Familie und entsprechend handeln.

"Man braucht ein ganzes Dorf, um einen Menschen zu erziehen", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Erziehung ist Beschenkung mit Menschlichkeit, hat Papst Johannes Paul II gesagt, nicht Beschenkung mit Filmen, Computerspielen oder staatlichen Betreuungspersonen. Pestalozzi sagt: "Ein Kind, das nie in das liebende Auge einer Mutter geschaut hat, wird später keine Liebe schenken können." Und die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck sieht es genauso konsequent: "Kinder, die man nicht liebt, werden Erwachsene, die nicht lieben."
Nur in der Familie gehen menschliche Beziehungen in die Tiefe, erfahren Kinder Urvertrauen und Geborgenheit, wächst emotionale Stabilität. Wo aber lernen Eltern Erziehung? Nun werden Sie einwenden: Seit Jahrtausenden haben Eltern ihre Kinder erzogen, ohne dazu besonders vorbereitet zu werden. Das ist richtig: Das Erziehen der Kinder geschah auf eine ziemlich natürliche Weise und die jungen Eltern waren eingebettet in einen Familienclan, der Rat gab und Beistand. Heute sind die jungen Eltern meist allein gelassen. Deshalb also brauchen wir zum Beispiel eine "Familienbildung", wo man Erziehen genauso lernt wie Haushaltsführung - und das nicht erst in der Schwangerschaft, sondern weit vorher. In unserem Bistum wird das Jahr 2007 ein Jahr der Familie werden.

2. Ökonomisierung der Gesellschaft
2003 taucht erstmals in der Literatur der Begriff der "totalen Ökonomisierung der Gesellschaft" auf mit der fast verrückt klingenden These, dass sich die Gesellschaft nach und nach in ein Unternehmen verwandelt, in dem der Einzelne sich gleichsam durchökonomisieren muss, um den Erfordernissen des Marktes zu genügen. Leistung ist dann alles, Profit wird zum höchsten Gut, alles muss seinen Wert haben. Schnell beteiligen sich viele an diesem Prozess, dem ein nur an Leistung orientiertes Menschenbild zugrunde liegt. Die Folgen für den Einzelnen sind unübersehbar: wer nichts oder nichts mehr leisten kann, fällt durch.
Unser christliches Menschenbild ist anders: es gründet sich auf einen Gott, der sich dem Menschen vorbehaltlos zuwendet, der uns liebt vor jeder unserer Tat. Er kommt uns immer mit seiner Gnade zuvor. Schon im Tempel von Jerusalem sollte nicht das unerbittliche Gesetz des Marktes herrschen, weshalb Jesus die Tempelhändler vertrieb.

Nun werden Sie vielleicht einwenden, was kann der Einzelne dagegen machen? Das Bewusstsein für das Problem wäre schon ein erstes und das konkrete Handeln gewiss das Folgende. Wir haben es bei der Diskussion um den Beginn des Weihnachtsmarktes erlebt. Der Zuspruch der Käufer auf dem Weihnachtsmarkt schon am Samstag vor dem Totensonntag war ein Gegenargument, das nur schwer zu entkräften war. Wer im September bereits den Christstollen im Supermarkt kauft, weil er so billig ist, darf sich nicht wundern, wenn er um diese Zeit schon im Regal liegt. Würde sich die Mehrzahl der Verbraucher anders verhalten, würde sich der Markt schnell anpassen. Wenn Katholiken mir sehr überzeugt sagen, sie empfänden Shopping am Sonntag als sehr angenehm und es auch tun, dann leisten sie der Ökonomisierung unserer Gesellschaft nur Vorschub, denn sie geben denen Recht, die sich dafür einsetzen.
Die Beispiele mögen marginal erscheinen, aber sie markieren eine zunehmende Tendenz, an der sich viele gedankenlos beteiligen.

"Anno Domini" steht oft über den Haustüren alter Häuser geschrieben. Hinter der Jahreszahl, die das Jahr des Hausbaus angibt, sind die Worte "Anno Domini" angefügt, "im Jahre des Herrn". Für die Menschen, die das Haus errichteten, hatte die Zeit, in der sie lebten, einen Bezug zu Gott. Hier fand das Vertrauen auf Gott seinen ganz konkreten Ausdruck.

" In deiner Hand sind meine Gezeiten!" Diesem Wort geht im Psalm 31 ein großes Bekenntnis voraus: "Ich aber setze mein Vertrauen auf Dich, Jahwe und spreche: Mein Gott bist Du! Mein Gott bist Du! - angesichts der vielen Götter, die diese Welt jeden Tag neu gebiert ein klares Wort. "Mein Gott bist Du". Mögen die Gezeiten noch so stürmisch werden, in unserem ganz persönlichen Leben, in unserer Gesellschaft, Gott bleibt der unverrückbare Bezugspunkt für mich. So wünsche ich uns, dass wir gleichsam unter das alte Jahr wie auch über das neue Jahr schreiben können: "Anno Domini" und voll Vertrauen sprechen: Mein Gott bist Du, in Deiner Hand sind meine Gezeiten!"