Predigt an Silvester 2005
Gott verabschiedet sich nicht aus dem Leben seines Volkes
In meiner Jugendzeit bin ich oft
über den Jahreswechsel nach Maria – Laach gefahren. Es hat mich immer
fasziniert, wie dort um Mitternacht keine Glocken läuten und kein Feuerwerk
in den Himmel geschossen wird. Der Jahreswechsel unterscheidet sich nicht von
einer anderen Mitternacht.
Die Mönche haben wohl begriffen, dass diese Zäsur am 31.Dezember eigentlich
nur ein Buchhaltertermin ist, zu dem Fristen verstreichen, Rabatte auslaufen,
Gesetze sich verändern. Was bis heute nicht bezahlt ist, muss aufs neue
Jahr angerechnet werden.
Aber: die Zeit läuft weiter; sie hält nicht einmal an in dieser Nacht. Nur: in dieser Nacht werden wir uns der Zeit bewusster und nutzen diese Stunden, um Rückblick zu halten. Harte Tage erscheinen dabei eher verklärt. Mit dem alten Jahr ist nicht nur viel Schweres, sondern auch manches Schöne vergangen.
Immer haben die Menschen an diesem Termin auch versucht, sich ein Bild von der Zukunft zu machen: bei den Griechen wurden die Orakel befragt, bei den Römern die Sibyllen. Die Renaissancefürsten suchten Rat bei den Astrologen und heute meint mancher, ein Blick in die Zukunft tun zu können, wenn er die Kartenlegerin befragt oder er sich mit Bleigeißen versucht.
Wir blicken in dieser Stunde auch zurück – jenseits aller persönlichen Bilanz gibt es gewiss zwei Dinge, die wir alle unterm Strich im Buch unseres Jahres stehen haben: Der Wechsel im Amt des Papstes und der Weltjugendtag.
Wir alle erinnern uns noch der Bilder
vom April: Millionen Trauernder Menschen in aller Welt und die scheinbar unendlichen
Schlangen vor dem Petersdom, in dem der tote Papst Johannes Paul II. aufgebahrt
war. Dieser Papst war ein Fels, auf den man sich stützen, aber auch an
dem sich stoßen konnte. Jeder hatte seine Geschichte mit diesem Papst:
Katholiken und Nicht-Katholiken, Christen und Nicht-Christen, Glaubende und
Nicht-Glaubende – dieser Mann hat es geschafft, in irgendeiner Weise in
Beziehung zu den Menschen zu treten. Er hat die Jugend erreicht, wie kein anderer
auf dieser Welt.
In einer „väterlosen Gesellschaft“, in der die Väter mit
vielen Dingen aber eben oft nicht mit ihren Kindern beschäftigt sind, wurde
Johannes Paul II. zum Vater für viele junge Menschen, bei dem sie sich
geborgen fühlten.
Mit großer Freude begrüßten wir mit Josef Ratzinger einen neuen Papst, den viele in dieser Stadt noch als ehemaligen Mitbürger kennen. Hier begann seine akademische Laufbahn, von hier aus gab er dem II.Vatikanischen Konzil wertvolle Impulse, hier im Bonner Münster hat er als Priester die Messe gefeiert. Benedikt XVI. – wir sind Papst! Die Schlagzeile der BILD-Zeitung beschrieb das Gefühl vieler in diesen Tagen des Aprils.
„Ich wäre gerne ins Bonner Münster gekommen“, sagte mir der Papst als ich ihm während seines Deutschland-Besuchs begegnen durfte. Und es stimmt, wir waren nahe dran gewesen. Noch am Freitag vor Pfingsten erhielt ich einen Anruf aus dem Vatikan, dass der Papst gerne nach Bonn und ins Münster kommen wolle. Die erbetenen Einladungsschreiben der Oberbürgermeisterin, des Universitäts-Rektors und von mir sind dann über Pfingsten entstanden und hoffnungsvoll nach Rom geschickt wurden. Leider waren dann andere Verpflichtungen wichtiger und Benedikt XVI. konnte nicht mehr in die Stadt kommen, nach der er Heimweh hat, wie er selbst in seiner Biografie schreibt.
Auf den Weltjugendtag zurückzuschauen
und das Erlebte in wenigen Worten zusammenzufassen, erscheint mir nahezu unmöglich.
Dieses Ereignis hat unsere Stadt geprägt und verändert. Wir –
die Gastgeber waren die Beschenkten und alle Mühe und Anstrengung war schnell
vergessen, wenn man in die lachenden, fröhlichen, aber auch ernsten und
gesammelten Gesichter schaute.
Es ist mir ein Herzensanliegen, in diesen letzten Stunden des Jahres allen Dank
zu sagen, die in irgendeiner Weise am Weltjugendtag beteiligt waren.
Es fallen mir immer wieder Menschen ein, die den Dank verdient haben, und ich
hoffe, sie alle hat der Dank der Oberbürgermeisterin und von mir erreicht.
Gerne wiederhole ich ihn. „Danke Bonn!“
So geht dieses Jahr mit großer Dankbarkeit zu Ende – und ich hoffe, Sie alle haben etwas in diesem Jahr erlebt, für das Sie danksagen können. Auch dann, wenn es schwere Stunden für Sie hatte. Was bleibt uns in dieser Nacht? Gibt es etwas Beständiges, das sich nicht auflöst in den perlenden Sektkelchen, nicht zerplatz wie Feuerwerkskörper am nächtlichen Himmel?
Papst Benedikt XVI. hat in seiner
ersten Generalaudienz ein Psalmwort meditiert und gesagt: "Ob bei Tag oder
in der Nacht: Der Herr ist immer zugegen und verabschiedet sich niemals aus
dem Leben seines Volkes. Festes Vertrauen in Gottes Gegenwart und Hilfe gibt
unserem Tun zu jeder Zeit Richtung und Sicherheit."
Gott verabschiedet sich niemals aus unserem Leben ! – wenn ein Mensch
unser Leben verlässt, sei es durch Tod oder weil er sich von uns abwendet,
es schmerzt immer und es kann ein ganzes Leben aus der Bahn werfen. Da ist es
tröstlich zu hören: Gott verabschiedet sich niemals aus unserem Leben.
Diese Botschaft ist das Beständige
über den Jahreswechsel hinweg. Sie gibt Gelassenheit und Kraft; aber sie
entlässt nicht aus der Verantwortung. Denn Gottes Gegenwart ersetzt nicht
das Tun des Menschen, sie gibt ihm vielmehr Richtung und Sicherheit.
Gottes Gegenwart ist uns zugesagt – unüberbietbar in dem Kind in
der Krippe. Diese Zusage erwartet unsere Antwort, nimmt uns in die Ver-ANTWORT-ung.
Der sterbende Papst hat
unseren Blick gelenkt auf die leidenden und sterbenden Menschen, der neue Papst
überraschte uns mit Herzlichkeit, väterlichem Wohlwollen und Dialogbereitschaft.
Die jungen Menschen zeigten uns ein neues Bewusstsein für Glauben, Werte
und vieles, was man in unserer Konsumgesellschaft nicht kaufen kann. Sie beteten,
feierten und steckten eine ganze Stadt an mit ihrer Freude.
Dies am Ende des Jahres 2005 dankbar festzustellen, heißt auch, zu wissen,
dass wir genug zu tun haben werden damit, dies im Jahr 2006 auch ins eigene
Leben umzusetzen.
Aber das Jahr 2005 hat uns noch andere Verantwortungen gezeigt: keine Weltregion
wurde von elementaren Schrecken, von Katastrophen verschont. Hurrikan Katrina
traf die Erste Welt, er versenkte New Orleans. Der Tsunami fegte über die
Schwellenländer der Zweiten Welt hinweg. Das Erdbeben in Pakistan schließlich
traf die Dritte Welt, die Ärmsten der Erde.
Diese schrecklichen Bilder haben uns auch erreicht und eine Welle der Hilfsbereitschaft
ausgelöst. Globalisierung heißt auch, füreinander da sein auf
diesem Planeten.
Und noch ein anderes Thema, das auch von Verantwortung spricht: die 30 größten
deutschen Konzerne haben dieses Jahr prächtig verdient. Sie trennten sich
von Beteiligungen und schluckten die kleinere Konkurrenz. Trotzdem wurden Tausende
von Jobs gestrichen.
Ich frage mich: wieso muss eine hohe Rendite immer mit massenhaftem Arbeitsplatzabbau
einhergehen?
Ich frage mich: wieso muss sich die die Spanne zwischen dem Verdienst eines
Topmanagers zu dem eines Arbeiters innerhalb von zwei Jahrzehnten vom 80fachen
auf das 531fache vergrößern? Eine absolut unangemessene Diskrepanz.
Wenn wir dann auch noch wissen, dass jeder zwölfte Einwohner hierzulande
bereits unterhalb der Armutsgrenze lebt, darunter allein jedes neunte Kind,
dann spüren wir den sozialen Sprengstoff der da angerührt wird und
dessen Explosion wir im Herbst in Frankreich sehen konnten.
Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch für die
Wirtschaft - das ist das Leitmotiv der katholischen Soziallehre und wir tun
gut daran als Kirche daran zu erinnern. Hier geht es um Verantwortung, die weit
über den persönlichen Bereich hinausreicht und die viele Menschen
betrifft – vielleicht auch welche unter ihnen, die arbeitslos sind oder
davor Angst haben müssen.
Gott verabschiedet sich niemals aus unserem Leben – aber er nimmt uns
gleichzeitig auch in die Pflicht – alle, besonders die, die besondere
Verantwortung tragen für die Existenz anderer Menschen. Amen