Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt an Silvester 2004 / Neujahr 2005
Bonner Münster

Demütig - die Lebenswaage ins Gleichgewicht bringen

Am Ende eines Jahres ziehen wir Bilanz. Bilanz – das italienische Wort bilancio heißt Gleichgewicht (der Waage). Das Verb bilanciare bedeutet abwägen; im Gleichgewicht halten. Genau dies versuchen wir in den letzten Stunden des Jahres: wir schauen auf das Gute und Schlechte des Jahres, versuchen beides zu sehen und sind zufrieden, wenn sich die Waage nicht zu sehr zur schlechten Seite neigt. Am Ende dieses Jahres will ein Gleichgewicht aber nicht so recht gelingen. Das Seebeben in Südostasien, das Elend, das Entsetzen – all’ das ist so riesengroß, so unvorstellbar, dass es die Waagschale mit Gewalt niederdrückt und die Jahreswaage aus dem Gleichgewicht bringt.
Fassungslos starren wir auf die Fernsehbilder, fassunglos lesen wir die Schlagzeilen. Wir versuchen uns vorzustellen, was es bedeutet, dass Millionen Menschen betroffen sind. Noch bedrückender wird die Situation, wenn die vielen Bilder plötzlich Namen erhalten, unbekannte in den Vermißtenlisten im Internet und noch schmerzvoller, wenn es Bekannte sind. Die Waagschale am Ende des Jahres kommt nichts ins Gleichgewicht.

Als 1755 ein Erdbeben Lissabon zerstörte, kamen 50.000 Menschen in einer Nacht um. Ein Zeitgenosse, Johann Wolfgang von Goethe, schreibt dazu später: „Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erden,...hatte sich, in dem er die Gerechten und Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen“. So denken wir wohl auch am Ende dieses Jahres – und es zerreißt uns, stellt unseren Glauben auf eine große Probe. Mir ist nicht danach, diese Zerrissenheit zu zerreden, sondern eher danach, sie auszuhalten.

Geologen sagen uns, dass die Erde in ständiger Bewegung bleiben muss. Im Allgemeinen geht das reibungslos vonstatten, mitunter kommt es jedoch zu massiven Erschütterungen, wenn sich die tektonischen Platten ineinander verhaken. „Das Seebeben in Südasien war erdgeologischer Alltag“.(DIE ZEIT) Dies lenkt unseren Blick auf ein anderes Problem: der Macher Mensch, der mit großer Energie im Erbmaterial herumforscht und hofft, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, wird massiv zurückgeholt in die Realität: die Herrschaft über die Natur ist nicht unbeschränkt! Der Macher ist ohnmächtig.
Für die Menschen in biblischer Zeit waren Erdbeben immer auch Mahnung. Es galt zurückzukehren in die „rechte Ordnung“, anzuerkennen, selbst nur Geschöpf zu sein in einer Schöpfung, in der Gesetze herrschen, die uns nicht untertan sind. Die entsprechende Haltung ist die „Demut“.
Demütig sein, heißt die eigenen Grenzen und die eigenen Möglichkeiten anerkennen, nicht von der Überheblichkeit besessen zu sein, selbst Gott sein zu wollen.
Demut - dies ist auch die Kraft, die - auf die andere Waagschale gelegt – unsere Jahreswaage ins Gleichgewicht bringen kann.

Auf unserer Waage liegen ja nicht nur die furchtbaren Ereignisse in Südostasien. Es gibt gewiss auch andere Zumutungen des Lebens, die unser Jahr 2004 bestimmt haben: der Tod eines lieben Menschen, eines Partner, eines Freundes, eines Bekannten, der Verlust einer Beziehung, ein Unfall, eine schwere Krankheit, ein wirtschaftliches Desaster, der gescheiterte Lebensentwurf, der zerplatzte Traum vom Leben. Das alles wiegt schwer und weil näher und direkter erfahren vielleicht sogar schwerer als das Leid im fernen Asien. Und die Frage nach dem „Warum?“ liegt uns auch hier schwer auf dem Herzen.
Ich gestehe, ich habe keine Antwort! Als ich junger Priester war, wurde ich zu einer Familie gerufen, deren kleines Kind vor dem Haus vom Auto überfahren worden war. Eltern und Großeltern standen mir tränenüberströmt, fragend gegenüber: “Warum?“ Und ihre Frage wurde auch meine Frage in einer durchwachten Nacht. Damals fand ich Hilfe bei dem Theologen Romano Guardini, der einmal sinngemäß geschrieben hat: „Jeden Tag wird die Liste der Fragen länger, die ich Gott einmal stellen werde.“ Auch meine Liste wird länger – demütig bewahre ich sie auf für den Tag, an dem Gott mir die Antworten geben wird. Bis dahin werde ich nicht aufhören, sie zu stellen.

Von Gott sagt die Schrift, dass er ein Freund des Lebens ist. Nichts anderes haben wir an Weihnachten gefeiert und obwohl es angesichts von 130.000 Toten paradox klingt, ich glaube fest daran.
Deshalb möchte ich Sie einladen, am Ende des Jahres auf der guten Waagschale alle Stunden und Augenblicke des Lebens zu sammeln: Zeichen von Liebe und Zuwendung, von Trost und Hilfestellungen.
Hilde Domin schriebt in einem ihrer Gedichte:
Nimm eine Kerze in die Hand,
wie in den Katakomben,
das Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht
und weil wir ohne Gnade nicht leben können.


Ich lade Sie ein, leuchten Sie mit dieser "Kerze des Lebens" in jeden Winkel des Jahres. Das mag etwas mühevoll sein, aber sie werden erleben, wie sich die Waage des Lebens bewegt und ich möchte Ihnen von Herzen wünschen, dass sie ins Gleichgewicht kommt.

Hat Sie diese Predigt angesprochen, getroffen oder hat er Ihnen gar nicht gefallen?
Ich freue mich darauf, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Wenn Sie mir schreiben möchten: mail@citypastoral-bonn.de

Wilfried Schumacher
Münsterpfarrer
Cityseelsorger