„Unsere Wege ziehen wir als Gepäck hinter uns her“

Predigt an Silvester 1999 Münsterbasilika Bonn

Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe ein Problem - je mehr es auf diesen Silvesterabend zuging, je weniger war ich erfaßt von diesem Milleniums-Rummel allerorten und ich gebe zu, mit ein wenig Schadenfreude habe ich registriert, dass so mancher Platz im Überschallflugzeug leer geblieben ist, so manches Bett zu Milleniums-Preisen nicht belegt ist und viele Menüs zu mehreren Hundert Mark keine Abnehmer finden.

Und doch: niemand, auch ich nicht, kann sich des Geheimnisses dieser Nacht entziehen: ein Jahrhundert ist endgültig vorbei; die "19" werden wir in unseren Daten nicht mehr schreiben.

Versuchen wir uns in einem Bild diesem Augenblick zu nähern, da wir Abschied nehmen von einem Jahr und ein neues, vielleicht auch Jahrtausend, beginnen.

Bei Nelly Sachs fand ich ein Gedicht, das sehr treffend unsere Situation zwischen "Herkunft und Zukunft" beschreibt

Wir Wandernde

Unsere Weg ziehen wir als Gepäck hinter uns her -

Mit einem Fetzen des Landes darin wir Rast hielten

Sind wir bekleidet

Aus dem Kochtopf der Sprache, die wir unter Tränen erlernten,

ernähren wir uns.

Wir Wandernde,

an jeder Wegkreuzung erwartet uns eine Tür

dahinter das Reh, der waisenäugige Israel der Tiere

in seine rauschende Wälder verschwindet

Und die Lerche über den goldenen Äckern jauchzt

Ein Meer von Einsamkeit steht mit uns still

Wo wir anklopfen,

o ihr Hüter mit flammenden Schwertern ausgerüstet,

Die Staubkörner unter unseren Wanderfüßen,

Beginnen schon das Blut in unseren Enkeln zu treiben -

O Wir wandernde vor den Türen der Erde,

vom Grüßen in die Ferne

Haben unsere Hüte schon Sterne angesteckt.

Wie Zollstöcke liegen unsere Leiber auf der Erde

Und messen den Horizont aus -

O wir Wandernde,

kriechende Würmer für kommende Schuhe,

unser Tod wird wie eine Schwelle liegen

vor euren verschlossenen Türen!

Es ist ein Gedicht dieses Jahrhunderts -

Nelly Sachs eine jüdische Dichterin, die den Holocaust überlebt hat und in ihren Texten dieses Ereignis immer und immer wieder reflektiert -

Wir dürfen uns an diesem Abend von unserer jüdischen Schwester dieses Gedicht schenken lassen als ein treffliches Bild für diesen Jahreswechsel:

Betrachten wir dieses Bild aus unserem ganzen persönlichen Blickwinkel, aus der Perspektive unserer Kirche und unserer Gesellschaft.

Unsere Wege ziehen wir als Gepäck hinter uns her -
Mit einem Fetzen des Landes darin wir Rast hielten

Sind wir bekleidet

Aus dem Kochtopf der Sprache, die wir unter Tränen erlernten,

ernähren wir uns.

Nur ein Fetzen bekleidet uns - das Land, in dem wir Rast hielten -

nur einen kargen Proviant nehmen wir mit - eine Sprache, die wir unter Tränen erlernten -

Land, das ist die Metapher für Ursprung, Heimat, Herkunft.

Was ist meine Heimat? Was ist der Ort, von dem aus ich mein Leben angehe?

Der Apostel Paulus sagt. "Unsere Heimat ist der Himmel“ (Phil 3,20) deshalb haben wir hier keine bleibende Stätte".

Haben wir uns nicht eingerichtet in dieser Welt, ganz nett arrangiert mit vielen Dingen - ist unsere Heimat wirklich der Himmel und ist dieser Jahreswechsel wirklich nur eine Station auf dem Weg dorthin?

Die Heimat der Kirche war lange Zeit "Europa" - europäisch wurde in ihr gedacht, Theologie betrieben, Liturgie gefeiert und Recht gesprochen - von hier aus wurde die Welt missioniert mit Methoden, die wir heute ganz und gar verwerfen müssen - inzwischen ist Europa nicht mehr das Land der Kirche. Lateinamerika und Afrika haben die Kraft des Christentums entdeckt und leben sie. Von dort könnten wir manche Praxis neu lernen, wenn wir es doch endlich aufgeben würden, so arrogant europäisch zu denken und zu handeln.

Als dieses Jahrhundert begann, bestand Europa aus vielen Nationen, die sich anschickten gegeneinander Krieg zu führen. Das nationalistische Denken hat die Völker dieses Kontinents in die größte Katastrophe ihrer Geschichte geführt. Es war nicht zuletzt die Kirche, allen voran unser Erzbischof Josef Kardinal Frings, und die christlichen Politiker der Nachkriegszeit, die ein neues Europa bauten, in dem die Grenzen immer weniger Bedeutung hatten. Heute ist es schon fast anachronistisch, von "Europa" zu sprechen. "Globalisierung" lautet das neue Schlagwort und auch die neue "Falle", wie ein Buchtitel vor ein paar Jahren lautete.

Der Fetzen Land, den wir heute mitschleppen, ist die ganze Welt!

Aus dem Kochtopf der Sprache, die wir unter Tränen erlernten,

ernähren wir uns.

Sprache, das ist Begegnung und Kommunikation. Sie ist lebensnotwendig, denn sie stiftet Gemeinschaft und hilft so überleben.

Die Schwelle zum neuen Jahrhundert lädt ein, jene Menschen in den Blick zu nehmen, mit denen mich in meinem Leben bisher eine Sprache verband, die niemand anders sprach, die Sprache der Liebe. Sie wahrhaft der Proviant meines Lebens, ohne sie würden wir verhungern und verdursten.

Im II. Vatikanischen Konzil hat unsere Kirche begonnen, mit einer neuen Sprache zu den Menschen zu reden, weil sie nur so "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1) mit ihnen teilen konnte. Es ist letztlich keine neue, sondern eine alte, immer gültige Sprache, es ist das Wort, das Fleisch geworden ist, das immer neu in die jeweilige Zeit ausgeprochen werden soll.

Ich bekenne gerne an dieser Stelle, das ich ohne diese neue Sprache der Kirche des Konzils gewiß nie Priester geworden wäre, und dass ich alles tue und tun werde, damit wir in unserer Kirche nicht wieder eine Sprache sprechen, die von niemandem verstanden wird. Die restaurativen Tendenzen widern mich an – es gibt keinen Weg zurück vor das Konzil. Der tägliche Beichstuhl in unseren Basilika zeigt uns drastisch die seelische Not vieler Menschen. Sie brauchen eine Kirche, die ihre Sprache spricht.

Lange Jahre mussten wir Deutsche uns im Ausland unser Sprache schämen. Denn die Baupläne der Konzentrationslager, die Vernichtungsbefehle des Holocaust und die Einsatzbefehle der Wehrmacht sind in deutscher Sprache verfaßt. Wenn wir jetzt dieses Jahrhundert verlassen, das für alle Zeiten diesen Makel an sich trägt, dann können wir dieses Gepäckstück nicht an der Schwelle liegen lassen. Wir tragen es weiter mit uns als ständige Mahnung: "Menschen, die sich für Gott halten, töten am Ende Menschen", so schreibt es Elie Wiesel, der Nobelpreisträger, der das Konzentrationslager überlebt hat.

"In Verantwortung vor Gott und den Menschen" so steht es am Beginn des Grundgesetzes, das für immer mit dem Namen unserer Stadt verbunden bleibt. Ein Hoffnungszeichen - diesen Proviant nehme ich gerne mit in das nächste Jahrtausend.

Das Gedicht von Nelly Sachs erscheint sehr hoffnungslos -

Es spricht von verschlossenen Türen und vom Meer der Einsamkeit -

Bilder, die vielleicht auch etwas in uns anrühren -

Die uns ganz persönlich an verschlossene Türen erinnern, die wir trotz aller Bemühungen nicht öffnen konnten, hinter denen alle Träume, die wir uns gemacht hatten, verschwanden -

Bilder, die uns erinnern an Stunden der Einsamkeit, in denen wir von allen, auch von Gott verlassen schienen, Tage voller Tränen und Klagen -

Alles dies gehört mit in unser Gepäck, es läßt sich nicht aussortieren, weil es seine Spuren in uns hinterlassen hat.

Aber die Resignation ist nicht das Prinzip der jüdischen Dichterin:

O Wir Wandernde vor den Türen der Erde,

vom Grüßen in die Ferne

Haben unsere Hüte schon Sterne angesteckt.

Der Stern ist für Nelly Sachs die Metapher der Hoffnung -
Jedoch die Zukunft gibt es nicht zu Milleniumspreisen, als Sondergratifikation am Ende eines Jahres, eines Jahrhunderts oder Jahrtausends:

Wie Zollstöcke liegen unsere Leiber auf der Erde
Und messen den Horizont aus -

Ein drastisches, aber realistisches Bild:

Wer aufbricht, wie wir jetzt ins nächste Jahr, läßt Vergangenes hinter sich, trägt es aber dennoch leibhaft mit auf dem Weg in die Zukunft. Nur wenn Erinnerungsarbeit leiste, wenn ich den Mut habe, Vergangenes anzunehmen, dazu zu stehen und es zu bewältigen, kann ich den Stern der Zukunft wahrnehmen.

Leibhaft messe ich den Horizont aus:

Ich bin es - ganz persönlich, mit all seinen Fähigkeiten und Talenten, aber auch mit all seinen Macken und Grenzen, ich bin es, der in dieses neue Jahr schreitet!

Wir sind es als Kirche - die die Pforte durchschreitet, die der Papst symbolisch am Heiligen Abend geöffnet hat -

Wir sind es als menschliche Gesellschaft - die mit dem immer größeren Wissen, das ihr zur Verfügung steht, auch immer mehr Verantwortung hat.

Für uns Christen wird der Stern der Nelly Sachs nicht dargestellt in den Sternen des Silvesterfeuerwerks, die aufleuchten und verblassend zur Erde fallen.

Für uns Christen steht der Stern über dem Stall von Bethlehem und bezeichnet den, der allein uns "Zukunft und Hoffnung" (Jer 29,11) geben kann.

Im Vertrauen auf ihn, laßt uns den Schritt ins nächste Jahr, Jahrhundert oder auch Jahrtausend wagen - wie Wandernde, die ihre Wege als Gepäck hinter sich herziehen.