Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an Silvester 2001
Gespannt auf die Zukunft
Liebe Schwestern und Brüder,
"bad news are good news", heisst ein "Lehrsatz" bei den Journalisten. Schlechte
Nachrichten sind gute Nachrichten, denn sie allein verheißen interessante Schlagzeilen,
sorgen dafür, dass eine Zeitung gekauft bzw. mit Interesse gelesen wird. Wenn
man in diesen Tagen die Zeitungen aufschlägt oder im Fernsehen die Jahresrückblicke
verfolgt, dann wird diese alte Regel wieder einmal bestätigt: wir sehen lauter
schlechte Nachrichten, schlechte Bilder. So viele, dass ich ihrer schon überdrüssig
geworden bin. Gewiss, der 11.September wird das Datum dieses Jahres bleiben;
aber wahrscheinlich nicht wegen der Zahl der Opfer - die waren bei anderen Katastrophen
viel höher - sondern wegen des gelungenen Angriffs auf unsere Sicherheit, die
sich auf den Wohlstand gründete.
"Ein Jahr des Terrors" nannte eine Zeitung dieses Jahr 2001. Es ist wahrscheinlich
wichtig, sich zum Jahreswechsel diese Bilder in Erinnerung zu rufen, damit wir
nicht vergessen, wie instabil letztlich die menschliche Existenz ist. Aber wir
müssen aufpassen, dass diese schlechten Bilder sich nicht in unsere Seelen einbrennen,
weil sie gleichzeitig unsere Hoffnung ersticken würden.
Deshalb möchte ich Sie einladen, an diesem Silvesterabend einmal die guten Nachrichten,
die guten Bilder dieses Jahres 2001 anzuschauen. In den offiziellen Jahresrückblicken
sind es nur die Meldungen von Stars und gekrönten Häuptern, die als good news
Schlagzeilen machen; aber ob Steffi Graf ein Kind bekommen hat oder der norwegische
Thronfolger endlich seine Frau gefunden hat, berührt mich kaum. Sie wahrscheinlich
auch nicht. Auf jeden Fall nicht so, dass wir daraus Hoffnung schöpfen könnten.
Da heisst es schon eher auf die good news in unserem ganz persönlichen Leben
zu schauen. Auch da fallen uns eher die Ereignisse ein, die nicht gut waren,
die uns traurig machten, wo wir Fehler machten oder versagt haben. Deshalb gilt
es, noch tiefer zu blicken, noch genauer hin zu schauen, um jene Ereignisse
aufzuspüren, die wir mit Begriffen verbinden können, wie sie uns der Apostel
Paulus im Galaterbrief als Früchte des Geistes beschreibt: Liebe, Freude, Friede,
Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue . Solche guten Bilder in 2001 zu entdecken,
heisst auch Hoffnung zu schöpfen.
Das hebr. Wort für Hoffnung "tiqwa" bedeutet auch Schnur. In dieser Nacht
wird uns keine neue Schnur in die Hand gegeben, sondern wir gehen an der alten
Schnur ein neues Stück weiter. Die guten Bilder des Jahres lassen uns hoffnungsvoller
den Schritt ins Neue Jahr tun.
Ich bin zu gespannt auf die Zukunft, um mich nur in der Vergangenheit aufzuhalten
- so las ich gestern in einer Anzeige zur Euro-Umstellung in dieser Nacht. Ich
konnte auf die Schnell nicht mehr recherchieren, ob es sich um das Zitat eines
bekannten Menschen handelt oder um den Einfall einer Werbeagentur - auf jeden
Fall beschreibt es gut unsere Situation in dieser Nacht.
Ja, ich bin gespannt auf die Zukunft!
"In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist. Was aber an
einem Menschen kostbar ist, kann er nur entdecken, wenn er sein stärkstes Gefühl,
seinen zentralen Wunsch, das in ihm, was ein Innerstes bewegt, wahrhaft erfaßt",
schrieb Martin Buber.
Die meisten von uns leben in einer Gemeinschaft von Menschen, Familie, Freundeskreis,
Hausgemeinschaft, Kollegenschaft oder noch größer gefaßt: die Gesellschaft.
Schnell sind wir versucht, in einer Gruppe aufzugehen, mitzulaufen, unterzutauchen,
dass zu tun, was "man" gerade tut. Aber es gibt Situationen, in denen wir uns
nicht von anderen vertreten können, in denen wir "ich" sagen müssen: ich liebe
dich, ich glaube usw. Auch in dieser Nacht können wir in noch so großer Gesellschaft
die Schwelle des Neuen Jahres überschreiten, letztlich muss jeder/jede diesen
Schritt tun.
Ich möchte Ihnen dazu wünschen, dass Sie dabei auch das Kostbare im Blick haben,
das Sie allein auszeichnet, das in keinem anderen ist. Was macht mich denn kostbar?
Aus meiner seelsorglichen Arbeit weiß ich, dass dies für nicht wenige eine der
schwierigsten Fragen ist, um deren Beantwortung sich viele herumdrücken. Martin
Buber sagt mit Recht, dass die Antwort nicht auf der Zunge liegt, sondern nur
gefunden werden kann, wenn der Mensch zu seinem Innersten vorstösst.
Ich meine, dies sei uns aufgetragen für diesen Abend, für diese Nacht, für die
ersten Tage des Neuen Jahres. So wie es uns möglich ist, auf Entdeckungsreise
in unseres Inneres zu gehen, um das Kostbare in uns zu entdecken, das mich einmalig,
unaustauschbar macht. Im alten Testament sagt Gott durch den Propheten Jesaja
seinem Volk als Begründung für sein Handeln: "Weil du in meinen Augen teuer
und wertvoll bist und weil ich dich liebe". Im Neuen Testament hören wir die
Stimme aus dem Himmel bei der Taufe Jesu: Du bist mein geliebter Sohn, an dir
habe ich Gefallen gefunden. Es sind Worte, die ich durch Jahrhunderte auch als
Worte für mich lesen darf. Ich bin kostbar in den Augen Gottes!
Meistens wird uns eingeredet, wir müssten erst beweisen, dass wir etwas wert
sind. Wir meinen, wir müssten etwas Bedeutendes vollbringen, etwas Aufsehenerregendes
oder Imponierendes - aber die meisten von uns werden keine Schlagzeilen machen
und im übrigen entscheiden nicht die Schlagzeilen über den Wert eines Menschen.
Das, was wir wirklich sind, kommt am ehesten zum Ausdruck in dem, was wir geben:
in unserem Lächeln, in einer Umarmung, einem Kuss, einem lieben Wort, einem
Geschenk. In ihm ist das Kostbare, das wir in uns tragen, immer enthalten.
Liebe Schwestern und Brüder, Hoffnung kommt nicht von außen - keine Regierung,
keine neue Währung, kein Versprechungen können uns letztlich Hoffnung geben,
die uns trägt. Hoffnung ist die Kraft, die von innen kommt, die aus Liebe und
Beziehung erwächst, zu Menschen und zu Gott. Ich bin gewiss, wer die guten Bilder
in seinem Jahr aufspürt und seine eigene Kostbarkeit entdeckt, der kann optimistisch
ins Neue Jahr gehen - ihm werden auch die schlechten Nachrichten 2002 nichts
anhaben können