Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an Pfingsten 2006
Pfingsten - der Verwundete Christus sendet seinen Geist
Ich kriege nie genug vom Leben
Ich kriege nie genug
Da geht noch mehr
Ich will alles auf einmal und nichts nur so halb
Nicht nur warten bis etwas passiert
So tönt es zurzeit immer wieder aus den Lautsprechern der deutschen Radio-Sender. Christina Stürmer heißt die Interpretin, erst kürzlich ausgezeichnet mit dem begehrten deutschen Musikpreis "Echo" als beste nationale Künstlerin!
Ich kriege nie genug vom Leben! - das gefällt, denn das ist das Lebensgefühl
vieler besonders junger Menschen.
Ich such mir mein Paradies Wo die Sonne ewig scheint, heißt es weiter
in den Strophen.
Mich ausruhen kann ich noch Bei Zeit im nächsten Leben. Immer weiter
muss es gehen: Wie schnell kann sich die Erde drehen, für mich nie schnell
genug, singt die Sängerin und diese Lebenseinstellung passt vielen, sonst
würde der Song
nicht immer wieder gesendet.
Ich kriege genug vom Leben - das gilt nicht nur für junge Menschen. Inzwischen krempeln Millionen Deutsche ihr Leben um, aber nicht aus ethischen oder religiösen Gründen. Das Motto heißt: "Hauptsache gesund!" Die Ausgaben für Fit- und Wellness sind größer als der Bundeshaushalt. Der Kölner Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz meint dazu gewiss sehr provokant:: "Um den Tod heraus zu zögern, nehmen wir uns das Leben." Der moderne Gesundheitskult wird nicht selten zur Ersatzreligion.
Was hat das alles mit Pfingsten zu tun?
Nach dem Johannes-Evangelium geschieht die Geistsendung am Abend des Ostertages
- wir haben es eben im Evangelium gehört. Ein seltsamer Widerspruch: denn in
der Apostelgeschichte ist die Rede vom Pfingstfest in Jerusalem, vom Pentecoste-Fest,
vom 50.Tag. Was stimmt denn da? Werden wir durch das heutige Evangelium um fünfzig
Tage zurückgeworfen? Was hat denn Pfingsten mit Ostern zu tun?
Wir sind es gewohnt, zeitlich hintereinander zu denken: da gibt es den Karfreitag,
dann Ostern, dann Himmelfahrt und schließlich Pfingsten, so als stünden diese
Geheimnisse beziehungslos nebeneinander. Wer aber das, was das Evangelium zu
sagen hat, wirklich beherzigt, merkt sehr bald: Pfingsten ist in erster Linie
ein Fest des Auferstandenen. Es lohnt, diesen Zusammenhang anzuschauen.
Jesus kommt also am Osterabend durch verschlossene Türen zu den von seinem Tod noch tief verstörten Jüngern. Er begrüßt sie mit dem Friedenswunsch und zeigt ihnen die Wundmale an Händen und Seite. Der verwundete Christus steht vor den Jüngern und vor uns. Kein gestählter Leib, fit gemacht, kerngesund. Auferstanden ist kein Apollo, kein schöner Jüngling, auferstanden ist der Gekreuzigte, der Verwundete und Zerschlagene. Zwar heißt es in einem Osterlied "Der Leib ist klar, klar wie Kristall" aber gleich singen wir weiter "rubinengleich die Wunden all".
In den Wunden des Auferstandenen sehen wir die Verwundeten unserer Tage: die Chronisch kranken und Behinderten ebenso wie alle, die seelisch verwundet worden sind. Wir sehen die Menschen in vielen Ländern der Erde, verfolgt, gefangen, hungernd, terrorisiert. Wir sehen die vielen jungen Menschen in Osteuropa, die nicht teilhaben an den wirtschaftlichen Fortschritt ebenso wie die 900 Bonner Jugendlichen, die seelisch verwundet werden, weil sie keine Lehrstelle erhalten.
Der verwundete Christus haucht seine Jünger an. "Empfangt den Heiligen Geist!"
Wenn wir ein wenig in der Bibel blättern, finden wir einen Bezugspunkt: die
biblische Schöpfungsgeschichte, wo es von der Erschaffung des Menschen heißt:
"Da bildete Gott den Menschen aus dem Staub der Ackererde und blies ihm den
Lebensodem in die Nase." Sowohl in den hebräisch wie in den griechisch verfaßten
Büchern der Heiligen Schrift bedeutet "Geist" - so viel wie "Windhauch", "Lebensodem",
"Atem", "göttliche Kraft". Als Mönche im 8. und 9. Jahrhundert in ihren Klosterschreibstuben
das lateinische spiritus sanctus in ihre Muttersprache zu übersetzen
versuchten, nannten sie es im oberdeutschen Sprachraum "heilag atum",
"heiliger Atem".
Sie trafen damit ziemlich genau den biblischen Sinn von "Geist". Atem als Bild
für Gottes Geist geht aus von der Erfahrung, daß wir nicht leben können, ohne
zu atmen. Ich habe gelesen, daß im Altjapanischen "Leben" die "Macht der Atmung"
bedeutet.
Aber dieses Leben hat andere Qualitäten als es uns in Hochglanz-Illustrierten vorgegaukelt wird. "Zum Heiligen Geist" nannten die Christen im Mittelalter ihre Krankenhäuser und Siechenstationen. Das ist das Leben, von dem die Bibel spricht - es mag in den Augen der Welt an Qualität verlieren, wenn es krank und behindert und verwundet ist, aber in den Augen Gottes nicht. Dieses Leben erschöpft sich nicht in der Sorge um den eigenen Leib, sondern vollendet sich in der Sorge um den anderen.
Im Lied der Christina Stürmer heißt es: Ich lebe den Augenblick Ich krieg
nie genug Frag mich nicht wie und wann Schalt den Sommer an Wie schnell kann
sich die Erde drehen Für mich nie schnell genug Nur zuschauen ist undenkbar
Völlig sonnenklar Ich lass mich nicht umdrehen Will weiter zu weit gehen Ich
bleib einfach so wie ich bin.
Ich kann verstehen, dass das gefällt: Ich bleib einfach so wie ich bin.
Es ist schon gefährlich, stattdessen den Pfingsthymnus zu singen, in dessen
ersten Vers es heißt: Komm, Heil'ger Geist, kehr bei uns ein, Besuch das
Herz der Kinder dein. Die deine Macht erschaffen hat, erfülle nun mit deiner
Gnad.
Kehr bei uns ein - das ist die neue Perspektive von Ostern, die uns am heutigen
Pfingsttag eröffnet wird. Durch seine Auferstehung hat sich Jesus einen neuen
Zugang zu uns geschaffen. Er will uns in unserem Herzen besuchen. Er will durch
den Glauben, wie der Epheserbrief an einer Stelle sagt, "in unseren Herzen
wohnen".
Dann können wir nicht trennen: Hier sind wir, die Glaubenden, und dort ist er,
der Geglaubte. Nein, der Geglaubte, der verwundete Christus will in uns sein,
will das Prinzip unseres Glaubens sein, unseres ganzen Denkens, unseres ganzen
Fühlens, unseres ganzen Wollens und Strebens, unseres Handeins und unseres ganzen
Lebens.
Dann heißt es nicht mehr: Ich bleib einfach so wie ich bin.
Der Auferstandene steht auf der Schwelle unseres Lebenshauses.. Aber statt ihm alle Türen zu öffnen, führen wir ihn gleichsam in eine Kammer, die für ihn reserviert ist, wie das Wohnzimmer unserer Vorfahren, reserviert für Sonn- und Feiertage. Der Rest unseres Lebens aber gehört anderen Gesetzen und folgt anderen Prinzipien.
Die Sprache des Pfingstfestes ist eindeutig: "ohne dein belebend Wehn nichts im Menschen kann bestehn, nichts kann schuldlos in ihm sein." Pfingsten ist nicht ein Ereignis irgendwann in der Geschichte. Pfingsten ist heute, hier und jetzt. Dann wenn die Lieder, die wir singen, aus der Tiefe unseres Herzens kommen, dann, wenn auch wir begreifen, dass der verwundete Christus bei uns sein will, wie in der ersten Stunde der Christenheit.
Öffnen wir die Türen und Fenster unseres Lebenshauses für seinen Geist, den göttlichen Wind, den Geist des verwundeten Christus. In einem Oratorium von Penderecki heißt es am Schluß: "Wind kommt auf, versuchen wir zu leben!". Amen