Wilfried Schumacher
Pfingsten 1998
Predigt auf dem Münsterplatz
"Bei geschlossenen Türen" - so ist ein Drama von Jean Paul Sartre betitelt. In einem schäbigen Hotelzimmer läßt der Autor drei Menschen (zwei Frauen und eine Mann) zusammenleben - auf immer, ob sie wollen oder nicht.
In ihrem Streben nach Selbstverwirklichung müssen sie erkennen, daß der andere jeweils eine tödliche Bedrohung für sie darstellt. Sie sind einander ausgeliefert.
Es ist ein Teufelskreis, in dem jeder zum Peiniger und Gepeinigten wird. Kalte Verzweiflung spricht aus den Worten des Mannes, wenn er schließlich erklärt: "Also, dies ist die Hölle. Niemals hätte ich geglaubt.... Ihr entsinnt Euch; Schwefel, Scheiterhaufen, Bratrost.. Ach, ein Witz! Kein Rost ist erforderlich, die Hölle, das sind die anderen."
Die Hölle - das sind die anderen!
Wir erfahren es im Umgang miteinander,
in Partnerschaft - Freundschaft - Familie,
in Studium, Beruf,
in Kirche, Gemeinde
in der Welt.
"Geschlossene Türen" - der Titel wird zum Symbol für Situationen, in denen keiner mehr den anderen verstehen will. Das ist das Ende der Kommunikation und der Anfang der Hölle.
In der Bibel gibt es eine Geschichte (Gen 11,1 ff): die Menschen wollten hoch hinaus, einen Turm wollten sie bauen bis an den Himmel, um sich einen Namen zu machen. "Das ist erst der Anfang von allem", sagt Gott als er ihnen zuschaut. Er verwirrt ihre Sprache, so daß sie sich nicht mehr verstehen und nicht mehr fähig sind, weiterzubauen.
Warum handelt Gott so? Hat er Angst, daß ihm der Mensch zu nahe kommt? Ist er eifersüchtig auf den Fortschritt der Menschen? Nein - er weiß, der Traum, alles machen zu können, führt immer zu einem schrecklichen Ende.
Die Wissenschaftler wissen heute, daß die Atomtest in Indien und Pakistan, kaum einen Erkenntnisfortschritt bringen. Aber die Tests signalisieren, welche böse Energie im Menschen steckt! Es geht um Macht und um Vorherrschaft. Ist ein solches Streben mit Diplomatie zu bändigen, in Staaten, die weder eine stabile Demokratie noch eine Gewaltenteilung haben.
In der Welt der Elektronik versuchen Bill Gates und sein Microsoft- Imperium das Monopol über die weltweite Kommunikation zu bekommen. In der Automobilbranche fusionieren die Großen, um unbesiegbar zu werden. Es geht um Macht und Vorherrschaft.
Wo führt das hin? Gilt da nicht das alte Wort Gottes: Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. (Gen 11,6)
Über den Turmbau zu Babel erzählt ein rabbinischer Kommentar: "Wenn ein Mensch herunterfiel, beachteten sie ihn nicht! Wenn ein Ziegelstein zerbrach, setzten sie sich nieder und weinten."!
Ein Wort, das auch heute in vielen Bereichen, in denen sich der Mensch einen Namen machen möchte, noch gilt. Wahrlich: Die Hölle, das sind die anderen.
Manchmal möchte ich rufen: "Herr, handle wie damals in Babel! Zieh die 'Notbremse'!"
Seit den Tagen des Jesus von Nazareth wissen wir, daß Gott etwas ganz anderes tut: In der Apostelgeschichte lesen wir vom Pfingstfest, von der Herabkunft des Heiligen Geistes. Sie verstanden einander, heißt es da. Und sie waren ein Herz und eine Seele. Pfingsten ist das Fest der geöffneten Türen, das Fest der Kommunikation.
Alte Pfingstdarstellungen zeigen gerne ein Haus mit offenen Türen und Menschen mit offenen Herzen.
Dies alles bewirkt der Hl. Geist, der Geist Jesus Christi. Durch ihn ist der Herr ist anwesend in dieser Welt, nicht als Idee, als Gegenstand der Erinnerung, er ist anwesend als "Herr und Lebensspender", wie es im Glaubensbekenntnis heißt.
Gott sendet seinen Geist, damit er in den Herzen der Menschen die Entscheidungen treffe.
Was ist zu tun angesichts der Geistlosigkeit dieser Welt, was ist zu tun, angesichts der Hölle, die wir Menschen füreinander sind. -
Die typische Frage des Menschen, der regeln will, machen will, schaffen will!
Die Antwort dieses Festes: NICHTS - oder besser gesagt: nicht das, was wir vielleicht meinen.
Was ist zu tun? Es gilt aufzuhören, Türme zu bauen.
Türme, mit denen wir zeigen wollen, wer wir sind, mit denen wir uns einen Namen machen wollen - egal wo, in Partnerschaft, in Freundschaft und Familie; in Studium und Beruf, in Kirche und Gemeinde, in Politik und Wirtschaft.
Von den Jüngern Jesu wird gesagt, daß sie vor Pfingsten einmütig im Gebet verharrten. Sie hatten nichts - leere Hände und ein offenes Herz geprägt von den Erfahrungen, die sie mit Jesus gemacht hatten.
Die Szene erinnert mich an Michael Endes "Unendliche Geschichte". Da gibt es drei magische Tore - das dritte Tor ist das "Ohne-Schlüssel-Tor" Es reagiert auf den Willen des Menschen, allerdings anders als man es gewohnt ist. Je mehr einer will, um so fester schließt sich die Tür. Wer sich aber losläßt und überläßt, dem öffnet sich das dritte Tor ganz von selbst.
Wer mit leeren Händen und offenen Herzen wartet, dem wir der Geist geschenkt.
Vielleicht geht es deshalb oft so geistlos zu in unserem Leben, in unserer Kirche, in unserer Welt - weil wir den Kopf zu voll haben mit Ideen und alle Hände voll zu tun haben und unser Herz derweil verkümmert.
Ein altes Lied beschreibt das Wirken des Geistes:
In Ermüdung schenke Ruh,
in der Glut hauch Kühlung zu,
tröste den der trostlos weint
Wasche was beflecktet ist,
heile was verwundet ist,
tränke was da dürre steht,
beuge was verhärtet ist,
Wärme, was erkaltet ist,
lenke, was da irre geht.
Lauter gute Bilder, die Sehnsucht in mir wecken, Sehnsucht nach diesem Gottes Geist! Er allein kann verhindern, daß wir das Leben einander zur Hölle machen.
© Wilfried Schumacher