Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt zum Pfingstfest 2000

Daß ER durch Mauern

drang

und verriegelte Tür –,

unglaublich, legendär?

War wohl ein Armenhaus,

lehmig, porös

für Wunschträume.

Durch unseren Beton,

sachlich und kühl,

wär ER schon nicht gekommen.

Kam aber,

unvermutet wie einst

durch mehr als Granit und Stein,

durch mein Verschlossensein.

Kam aber,

mit diesem Friedensgruß

Manfred Haustein

Rufe. Religiöse Lyrik der Gegenwart 1981

Die Botschaft des Neuen Testaments ist eindeutig - alle Ostergeschichten sprechen davon, daß der Auferstandene anders präsent ist als der vorösterliche Jesus. Er kann gleichzeitig an verschiedenen Orten sein, verschlossene Türen sind kein Hindernis für ihn.

Angst und Furcht bestimmten das Bild der Jünger nach dem Karfreitag.

Angst, Furcht, Unglauben angesichts ungeheuerlicher Botschaften, die an diesem dritten Tag an ihr Ohr drangen. Auferstehung und Leben - dort wo man doch mit eigenen Augen Grab und Tod gesehen hatte.

Verschlossene Türen, Angst und Furcht, Leid und Tod - das sind die Erfahrungen des Menschen!

Aber einer, für den Mauern kein Hindernis darstellen, Auferstehung und Leben - das klingt unglaublich, legendär, wie unser Gedicht es sagte.

War wohl ein Armenhaus,

lehmig, porös

für Wunschträume -

Durch unseren Beton,

sachlich und kühl,

wär ER schon nicht gekommen -

Recht hat er - unser Text!

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Was nicht zu unserem Erfahrungsschatz gehört, paßt nicht oder muß passend gemacht werden - mit Erklärungen, die logisch, einleuchtend, verständlich sind.

Bleiben wir noch etwas bei der Situation der Jünger am Ostertag, verweilen wir noch etwas bei ihrer Angst und Furcht, vor den Juden einerseits, vor der umwerfenden Botschaft andererseits, denn wenn selbst der Tod nicht mehr sicher, was ist dann noch sicher?

Angst und Furcht - das kennzeichnet auf weiten Strecken das Bild der Kirche unserer Tage.

Offenheit, Dialog - das waren Begriffe der Konzilskirche der sechziger Jahre.

Von der Hoffnung kündete das zentrale Dokument der deutschen Synode am Ende der siebziger Jahre.

Und heute ?

Es scheint als ob Mutter Kirche nicht mehr mitkomme. Die Welt am stellt sich immer komplexer dar, die Informationsflut schwillt immer mehr an, die Entdeckungen machen vor nichts mehr halt - aber statt des gewiß mühsamen Dialoges, statt der gemeinsamen Suche schotten wir uns ab, verriegeln wir Türen und Fenster und trösten uns mit Erinnerungen an bessere Zeiten.

Doch Vorsicht: hier wird nicht geschimpft auf die da oben!

Wir müssen an unsere eigene Brust schlagen - wir gehören dazu, unsere eigene Unbeweglichkeit, unser eigenes Verschlossen-Sein trägt mit dazu bei!

Tröstlich ist, daß der Auferstandene nicht Halt macht vor unseren Barrikaden.

Kam aber,

unvermutet wie einst

durch mehr als Granit und Stein,

durch mein Verschlossensein.

Kam aber,

mit diesem Friedensgruß

Wenn ich in den Text dieser Ostergeschichte schaue, die für den Evengalisten Johannes auch die Pfingstgeshcihte ist, dann sind es drei "Gaben", die der Auferstandene mitbringt:

· den Frieden, den Shalom

· den Geist

· die Sendung

Frieden - Schalom,

das ist in der Sprache der Schrift nicht die Abwesenheit von Krieg, das ist Heil und Harmonie, gewachsen aus einer intensiven Beziehung zu Gott -

Shalom, den können wir Macher nicht machen, den können wir uns nur schenken lassen!

Der Heilige Geist -

Die ruach ha kodesch - die ist Bewegung, Dynamik, Kraft! Voller Leben, lebensspendend wie der Wind "ruach", der vom Meer kommt und im Gegensatz zum verdörrenden Wüstenwind den erfrischen Regen mit sich bringt.

Heiliger Geist - das verträgt sich nicht mit Sitzenbleiben, mit Konsum, mit zufriedener Rückschau -

Heiliger Geist - das bedeutet Aufbruch, Veränderung, Neues, Zukunft!

Sendung

Heiliger Geist - ist immer verbunden mit Sendung.

"Wie mich der Vater gesandt, so sende ich Euch!",

sagt der Auferstandene den Jüngern und jedem/jeder, deren Verschlossenheit er überwindet.

Das Gegenbild zu Pfingsten ist der Turmbau zu Babel. Die Menschen wollten hoch hinaus, einen Turm bis an den Himmel wollten sie bauen und sich einen Namen machen. Aber der Turm bricht zusammen, die Menschen stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer Bemühungen. Keiner versteht mehr den anderen, die Sprache wird zur Quelle der Mißverständnisse.

Ein rabbinischer Kommentar schreibt dazu: wenn ein Mensch hinunterfiel, beachteten sie nicht. Wenn sein Ziegelstein herunterfiel und zerbrach, setzten sie sich nieder und weinten.

Eine Legende – aber sie könnte von heute stammen.

Von welchem Interesse ist der einzelne Mensch heute noch?

Angesichts von Globalisierung und Fusionierung – wen interessiert da noch der einzelne Mensch, der davon betroffen ist, vielleicht seinen Arbeitsplatz verliert – Hauptsache die Dividende stimmt. Seien wir ehrlich, über einen Fall des Dax weinen wir mehr als über die Zahl der Arbeitslosen.

Angesichts einer Pflegeversicherung, in der jeder pflegende Handgriff verordnet, minutiös berechnet und abgerechnet werden muss, wen interessiert da noch der Mensch, der pflegt und der, der gepflegt wird?

Unter dem voyeuristischen Schein-Interesse am Schicksal vom Menschen im Big-Brother-Container, das inszeniert wird um der Werbeeinnahem und des Events willen, geraten die wirklichen Menschenschicksale in Vergessenheit. Diese Gesellschaft weint eher um einen, der den Big-Brother-Container verlassen muss, als um die Flüchtlinge in Eriträa und anderswo.

Die Menschen im Mittelalter hatten verstanden, dass dieses Verhalten, das die Legende vom Turmbau zu Babel beklagt, das wir als Zeichen auch unsere Zeit beklagen, wohl das Verhalten des Menschen schlechthin ist. Deshalb setzten sie dem Desinteresse an den Schwachen und Kranken bewusst ihre Spitäler, Kranken- und Siechenhäuser entgegen und nannten sie „Zum Heiligen Geist“ (eine Bezeichnung, die heute noch in Würzburg gebräuchlich, jetzt aber mit einem guten wein verbunden ist).

Die Menschen im Mittelalter wussten um ihre Sendung! Dort wo der Heilige Geist anwesend ist, herrscht eine neue Ordnung. Paulus spricht im Römerbrief von der Liebe, die ausgegossen ist in unseren Herzen durch den Heiligen Geist. Wenn geliebt wird, geliebt wird bis zur Selbstaufgabe, dann ist dies die Anwesenheit des Erhöhten Christus in unserer Welt. Dann ist dies das Werken des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist das „Heilmittel“ gegen das Desinteresse am Mitmenschen.

Beten und bitten wir also um den Heiligen Geist – und vergessen wir nicht, dass sein Kommen mit unserer Sendung verbunden ist. Lassen wir uns von ihm in die Pflicht nehmen.