Oster-Predigt 1999
In der Weihnachtszeit lief in den Kinos ein Zeichentrickflim "Der Prinz von Ägyptern". Er erzählt die Geschichte des Moses und endet mit dem großen Exodus, der Befreiung aus der Knechtschaft und Sklaverei. Ein Film nicht nur für Kinder -
Ashira ha adonai - Führe uns, o Herr - singen die Menschen, junge und alte, Kinder und Greise als sie durch das Rote Meer in die Freiheit ziehen - das Lachen, ihre Fröhlichkeit ist ansteckend.
In diesen Tagen erleben wir den Exodus eines ganzen Volkes mitten in Europa - wer bei den abendlichen Fernsehnachrichten in die Gesichter der Menschen schaut, dem vergeht das Lachen. Angst, Verzweiflung, Hunger, Schmerz, - das ist kein Zug in die Freiheit, das ist Vertreibung, verbunden mit einem furchtbaren Massaker.
Die meisten Frauen sind ohne Männer, die Kinder ohne Väter.
Wir schauen in Augen ohne Hoffnung - und feiern jetzt in dieser Stunde eine Botschaft voller Hoffnung - wie paßt das zusammen?
Müßten wir nicht die Kerzen löschen, die Instrumente einpacken, müßte uns nicht das Halleluja auf unseren Lippen ersterben und wir uns in aller Stille davon machen.
Ist nicht das Kreuz eher die Realität des menschlichen Lebens?
Ich habe meine theologischen Formeln gelernt - ich könnte Ihnen etwas erzählen vom eschatologischen Vorbehalt, von der Spannung des Jetzt und des Noch-Nicht, Es gibt so viele theologische Sätze, die mir einfallen - aber sie passen nicht zu den Bildern aus dem Kosovo - es sind leere Sätze, Makulatur. Ich mag sie nicht hören und erst recht nicht weitersagen.
Ich weiß, was da in Süd-Ost-Europa geschieht, ist nichts Unbekanntes - das Leid ist auf dieser Welt zuhause - im Großen wie im Kleinen - und von vielen schlimmen Dingen erfahren wir nichts, weil keine Kamera die Bilder einfängt.
Wie aber klingt dann unsere Osterbotschaft? Erreicht sie überhaupt unser Herz, dort wo die Angst und die Verzweiflung sich tief eingenistet hat?
Es scheint, daß uns der Ruf des Gekreuzigten "Mein Gott, warum hast du mich verlassen" besser gelingt als das österliche Halleluja.
Anfang der Woche hatte ich Besuch von einem Therapeuten, der mir von einem Patienten erzählte, der sich jedes Jahr erneut vor der Karwoche fürchtet. Er haßt diese Tage, wie er sagt.
Täglich wurde er von seinem Vater, der sich sehr religiös gab, geschlagen - täglich, an Karfreitag und auch an Ostern. Es änderte sich nichts - sagte der Patient! "Ostern war wie Karfreitag, immer habe ich gehofft, es würde sich etwas verändern - aber die Schläge gingen weiter."
Ostern war wie Karfreitag - es änderte sich nichts - mich hat die Geschichte erschüttert und mir gleichzeitig gezeigt, daß vielleicht darin die Lösung unseres Problems liegt.
Es ändert sich nichts - nein: wir ändern uns nicht!
Wir singen das Halleluja mit unseren Lippen; aber in unseren Herzen bleiben wir die "Alten".
wir, in deren Herzen die Gewalt und Unversöhnlichkeit beginnt,
wir - mit unserer Ich-sucht
wir - mit unserem Machtstreben
wir - mit unserer Habgier
wir - mit unseren ungezähmten Trieben!
Wo ist der Ausweg?
Schauen wir auf das Evangelium -
Da steht Maria von Magdala vor dem leeren Grab -
Gebannt vom Tod, vor der Endstation des Lebens, unfähig an etwas anderes zu denken als an den Tod -
Was mag ihr alles durch den Kopf und das Herz gegangen sein - der Schmerz über den Verlust des Geliebten Meisters ebenso wie die verzweifelte Frage nach dem Warum -
Die Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit ihrer jetzigen Situation - ebenso wie die Frage nach dem Wozu?
Da ist nicht nur Nacht um sie herum - da ist Nacht mitten in ihr.
Wir stehen dort mit ihr - dort im Bann des Todes!
Als sie sich umwendet - als sie das Grab, den Tod hinter sich läßt, kann sie ihre Sehnsucht ins Wort bringen: "Herr, wenn du ihn fortgetragen hast, so sag mir, wohin Du ihn hingelegt hast!"
Immer noch gibt es keine andere Lösung für sie. Sie will wenigstens dem toten Jesus einen Dienst tun. Etwas anderes ist für sie nicht vorstellbar.
Aber an Ostern hat sich von Gott her alles verändert - selbst der sichere Tod ist nicht mehr sicher!
Der Auferstandene selbst hilft, dies zu verstehen. Er spricht das entscheidende Wort: MARIA
Wir müssen schon unser ganze Vorstellungskraft, unsere ganze Phantasie, besser noch unsere Erfahrung mit einem geliebten Menschen mit ins Spiel bringen, um erahnen zu können, was geschehen ist.
Wieviel Zärtlichkeit, wieviel Zuneigung, wieviel Erkennen liegt in diesem Dialog "Maria - Rabbuni"
Für Maria ändert sich in diesem Moment alles - aus der ängstlichen, verschüchterten Frau wird die Apostolin der Apostel, die den Jüngern die entscheidenden Botschaft bringt.
Maria von Magdala lädt uns ein, es ihr gleichzutun!
Sich umwenden,
umkehren, heißt das biblische Wort, das uns bekannter vorkommt,
das Grab, den Tod im Rücken lassen und den Anruf des Herrn vernehmen, wie er seit unserer Taufe immer wieder an uns ergeht und auch in dieser Stunde hörbar wird!
Was kann Gott mehr tun, als uns immer wieder ansprechen, rufen, locken?
Wie Maria von Magdala fordert er uns auf, ernst zu machen und die Botschaft vom Leben in eine Welt zu tragen, die soviel Leid und soviel Tod kennt.
So dürfen wir mit dem Licht der Osternacht ankämpfen gegen die Nacht der Welt, wir dürfen das Halleluja singen und damit das Kriegsgetöse übertönen -
Vor allem aber gilt es, uns zu ändern, damit sich etwas ändert.
Angesichts der furchtbaren Ereignisse im Kosovo bin ich froh, daß ich kein Politiker bin, der Verantwortung tragen muß, aber ich weiß auch , daß ich etwas zum Frieden beitragen kann, denn der Friede - auch der Weltfriede - beginnt in meinem Herzen.
"Wenn irgendwo im Regenwald ein Schmetterling mit seinen Flügeln schlägt, gibt es auf dem Ozean draußen einen Orkan!", sagt ein Wort, das von den großen Zusammen-hängen auf dieser Erde spricht.
Was da von der Bewegung der Atmosphäre gesagt wird, wieso soll es nicht auch von der Bewegung der Herzen gelten. Wieso soll es mit dem Frieden im Herzen der Politiker anders sein.
An Ostern hat sich von Gott aus alles geändert -es wird Zeit, daß sich auch bei uns etwas tut.