Ostern 2005
Ein schwerer Stein
Darauf gingen sie hin, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang
und ließen die Wache dort. (Mt 27,66) –
Die Hohenpriester haben alles getan: ein schwerer Stein soll sie vor unliebsamen
Überraschungen sichern. Der Tod wird bewacht.
Wir alle sind Meister darin, mit schweren Steinen die Zustände abzusichern
–
mit Vorurteilen, mit Ausgrenzung, mit Gewalt, mit Schweigen, mit Übersehen
und Übergehen. Dann bleibt alles so, wie es ist. Zwischen Nord und Süd,
zwischen Arm und Reich und sogar zwischen Gott und Menschen liegen dicken Steine.
In der Morgendämmerung machen sich die Frauen auf zum Grab. „Beim
Aufleuchten des Ersten Tages“ – heißt es wörtlich im
griechischen Text.
Eine seltsame Zeitangabe – nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. Mehr ein
„Dazwischen“.
Mehr als eine Zeitangabe – fast schon eine Beschreibung einer Seelenlage:
Trauernde Menschen leben oft lange „dazwischen“. Menschen, die sich
getrennt haben oder getrennt wurden, kennen das auch. Menschen, die auf Verzeihung
warten, wissen, wie lang dieses „Dazwischen“ sein kann. Menschen,
die enttäuscht wurden und das Vertrauen noch nicht wieder gefunden haben.
Menschen mit einer tödlichen Diagnose, Menschen zwischen den Fronten. Nicht
mehr Nacht und noch nicht Tag.
Es ist auch eine Beschreibung für die Verfassung der Frauen. Ihr Weg zum Grab ist kein Morgenspaziergang – Vieles ist ihnen in den letzten Tagen zerbrochen, vieles hat sich angestaut. Trauer, Verzweiflung, Enttäuschung Wut. Das eigene Leben ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Hoffnung, Ideen und Perspektiven, die mit dem Leben verbunden waren, scheinen gescheitert, dem Leben scheint der Boden unter den Füssen entzogen zu sein. Neues ist nicht in Sicht. Und doch: es ist für sie die Stunde des Aufleuchten des Ersten Tages – nicht mehr Nacht und noch nicht Tag.
Wir dürfen mit ihnen gehen – wir in deren Herzen es ähnlich
aussieht oder ausgesehen hat.
Wir
kommen zum Grab. Da liegt der Stein, den wir kennen und der alles so hoffnungslos
macht. Im Markus-Evangelium spekulieren die Frauen noch, wer ihnen wohl den
schweren Stein vom Grab wegwälzt. Matthäus benutzt ein dramatisches
Bild, um zu verkünden, was geschehen ist: ein gewaltiges Erdbeben erschüttert
alles und ein Engel Gottes wälzt den Stein beiseite.
Matthäus will wohl, das wir uns mit allen Sinnen vorstellen, was geschieht.
Ein Erdbeben, ein Durcheinander, ein Tohuwabohu – wie jenes am Anfang
der Schöpfung - geht auch hier dem Leben voraus. Ein Erdbeben – die
Mauern unserer Weltgebäude stürzen ein. Alles, was so sicher und stabil
war, gerät plötzlich ins Wanken.
Aber der Stein liegt noch an seiner Stelle – nicht Naturgewalten können
ihn beiseitigen. Gott selbst legt Hand an durch seinen Engel und räumt
den Stein beiseite. Der Blick ist frei in das leere Grab, das nicht Beweis der
Auferstehung ist, sondern nur ein Zeichen.
Was da geschehen ist, entzieht sich sowohl der Erfahrungswelt der Frauen, als
auch unserer Erfahrung.
Hier erfährt die Geschichte einen Bruch oder vielmehr eine neue Dimension.
Das was bisher war, wird nicht einfach fortgesetzt. Es beginnt etwas ganz Neues.
Das können wir mit Worten sagen, aber das Verstehen fällt uns schwer; denn wir erwarten dies erst noch. Was geschehen ist, gehört für uns eben nicht Erfahrung, sondern ist nur Gegenstand der Hoffnung. Wir stehen in einer noch im Werden begriffenen Auferstehung.
Die neue Welt ist im Werden, in den Tod bricht schon Leben ein, und ins Leben
bricht immer wieder der Tod ein. Das ist eher unsere Erfahrung.
Deshalb sind wir angewiesen darauf, dass wir in dem, was uns geschieht, erahnen,
was da geschehen ist.
Immer dann wenn unser Leben erschüttert wird und sich anschließend
der Himmel nicht verdunkelt, sondern die Morgenröte sichtbar wird, immer
dann, wenn statt dem Verwesungsgeruch von Ideologien, Programmen und Verhaltensmustern
ein frischer Wind durch unsere kleine Welt weht, immer dann, wenn Erstarrtes
sich bewegt, immer dann Trauer sich wandelt in neuen Lebensmut weicht, immer
dann, wenn wir Vertrauen, Versöhnung, Liebe erleben, sind wir dem, was
da am Ostermorgen geschehen ist, auf der Spur.
Diese Erfahrung macht den Frauen Beine. Den Auftrag des Engels im Ohr, eilen
sie zu den Jüngern, auch: weil man eine solche Erfahrung nicht für
sich behalten kann.
Und dann: diese seltsame Begegnung mit Jesus, so als könne er es nicht
abwarten, die Seinen zu sehen. Ignatius von Loyola sagt: „Jesus will uns
mehr trösten, als wir uns selbst wünschen können.“
Die Frauen sind die ersten Menschen, die fähig sind, Jesus zu begegnen,
ihn zu sehen und zu verstehen. Das haben sie uns voraus!
Die Frauen eilen zu den Jüngern. Bevor wir mit ihnen gehen, werfen wir
noch einen Blick zurück: Da liegt der Stein, weggewälzt. Gott lässt
es nicht zu, dass wir dem Leben mit einem schweren Stein den Weg versperren.
Lassen wir ihn da liegen,wo er ist.
Foto aus der Kuppel des Hochchores im Bonner Münster. Norbert Bach (C) Bonner Münster