Ostern 2000
I. Zwei Drittel der bei der jüngsten Shell-Jugendstudie befragten Jugendlichen lehnen den Inhalt der Osterbotschaft ab, glauben nicht an Auferstehung und ewiges Leben.
Nun mögen die Zahlen in anderen Altersgruppen anders aussehen, aber auch dort werden wir den Unglauben antreffen.
Angesichts solcher Zahlen frage ich mich schon, wie buchstabieren wir heute die Botschaft von der Auferstehung, was hat diese Feier mit unserem Leben zu tun.
Eine Frage, die auch schon die junge Kirche beschäftigte, denn auch die Ostergeschichten der Evangelien sind Antwortversuche.
Ich möchte heute noch einmal ein Gedicht von Nelly Sachs nehmen und schauen, ob es uns bei der Antwort hilft, ob die Bilder der Dichterin die uns geläufigen Oster-Bilder ergänzen und neu deuten lernen.
In ihrem Gedicht CHOR DER TRÖSTER schreibt sie:
GÄRTNER sind wir, blumenlos gewordene
Kein Heilkraut läßt sich pflanzen
Von gestern nach morgen
Der Salbei hat abgeblüht in den Wiegen -
Rosmarin seinen Duft im Angesicht der neuen Toten verloren -
Selbst der Wermut war bitter nur für gestern,
die Blüten des Trostes sind zu kurz entsprossen
reichen nicht für die Qual einer Kinderträne.
Ein treffliches Bild für die Situation des Karfreitags -
Gärtner, die sonst die Blumen hegen, sind blumenlos geworden, d.h. haben ihre Existenz verloren.
Heilende Kräuter verwelken, verlieren ihren Duft.
Die Blüten des Trostes vermögen nicht einmal mehr Kindertränen zu trocknen..
Das sind treffliche Chiffren des Todes,
die Hoffnung ist erstickt,
zwischen gestern und morgen gibt es keine Verbindung mehr.
Karfreitag -
Es gibt ihn in der Geschichte der Völker:
Wenn im Holocaust des vergangenen Jahrhunderts ein ganzes Volk vernichtet wird,
wenn Länder von Katastrophen heimgesucht werden,
wenn am Ende der Kriege die Menschen vor ihrer zerstörten und zertrümmerten Heimat stehen;
dann reichen wahrlich die Blüten des Trostes nicht mehr aus!
Karfreitag -
Es gibt ihn in der Geschichte des Einzelnen:
Wo Bindungen und Verbindungen zerbrechen,
wo Freundschaften nach Jahrzehnten zuende gehen,
Ehen nach dem ersten Jubiläum scheitern -
Wo die Lebensträume und Lebensentwürfe wie Seifenblasen zerplatzen -
Da erlebt sich manch einer wie ein Gärtner, der eben noch die Hände voller Blumen hatte, und nun blumenlos dasteht.
Wir wissen um den Karfreitag können von ihm wahrlich ein Lied singen:
Ein Lied von Tod,
von Verrat und Gefangensein,
von verwundet werden ,
von Tränen und Schmerz,
von Resignation und Hoffnungslosigkeit
von Abschied nehmen müssen und von Erfolgslosigkeit.
Karfreitag - das ist Nacht, pechschwarze Nacht -
Deshalb haben wir uns versammelt und ein Feuer entzündet, das Licht bringen soll in diese Dunkelheiten, ein Licht, das zaghaft sich ausgebreitet hat-
Deshalb haben wir uns die Geschichten erzählt, die alten Geschichten,
die uns sagen, wir sind Geschöpfe Gottes, nicht fremdbestimmte Wesen, sondern erschaffen in Freiheit;
Die uns sagen, Gott will nicht Versklavung des Menschen, weder in der Knechtschaft Ägyptens, noch in der Knechtschaft des Geldes, der Drogen, der weltweiten Abhängigkeiten;
Die uns sagen, Gott ist , der einlädt, dem wir nichts vorweisen müssen, um etwas von ihm zu erhalten!
Gott will nicht den ewigen Karfreitag!
Nelly Sachs schreibt weiter in ihrem Gedicht:
Neuer Same wird vielleicht
Im Herzen eines nächtlichen Sängers gezogen.
Wer von uns darf trösten?
Das "vielleicht" zeigt an, dass es doch noch Hoffnung geben kann. Ein neuer Same im Herzen, in der Mitte des Menschen,
Ausgangspunkt des Blutes,
Ort des Lebens.
Ein nächtlicher Sänger wird ein neues Lied anstimmen. Die frühe Kirche hat schon im 2. Jahrhundert das Orpheus-Motiv auf Christus übertragen. Wie Orpheus steigt er hinab in die Unterwelt. Mit seiner Auferstehung erklingt ein neues Lied, das zum Lied der Hoffnung wird!
II. Welch ein Bild: das Licht der Osterkerze, das gegen die Nacht ankämpft, und das Kreuz vereint!
Nelly Sachs schreibt in ihrem Gedicht weiter:
In der Tiefe des Hohlwegs
Zwischen Gestern und Morgen
Steht der Cherub
Mahlt mit seinen Flügeln die Blitze der Trauer
Seine Hände aber halten die Felsen auseinander
Von Gestern und Morgen
Wie die Ränder einer Wunde
Die offenbleiben soll
Die doch nicht heilen darf.
Wenn man die alte Nabatäerstadt Petra im heutigen Jordanien besuchen will, muss man durch eine zwei Kilometer lange Schlucht.
70 m sind die Wände hoch und lassen keinen Sonnenstrahl hinunter. Stellenweise ist der Weg zwischen den Felsen nur 2 bis 3 m breit.
Dieses Bild steigt vor mir auf, wenn Nelly Sachs vom Hohlweg spricht, dessen Wände einen zu erdrücken scheinen.
In diesem Hohlweg steht der Cherub und hält die Felsen auseinander, sodass wir gefahrlos passieren können.
Nelly Sachs mag mir verzeihen, wenn ich im Zusammenhang mit dieser Feier die Assoziation des Gekreuzigten und Auferstandenen hatte, der die Felsen unserer Lebens-Hohlwege auseinanderhält.
Unser Leben verläuft kaum gradlinig, eindeutig. Es gibt nicht nur das Eine oder das Andere, viel öfter gibt es das "sowohl als auch".
So haben die Felsen rechts und links viele Namen:
Leben und Gelebt werden
Trieb und Antrieb
Neigung und Pflicht
Licht und Schatten
Nähe und Distanz
Krank und Gesund
Macht und Ohnmacht
Tradition und Fortschritt
Globalisierung und Regionalisierung
Arm und Reich
Und wie immer sie jeder persönlich benennen will. Bis ans Ende der Welt wird es dieses Hohlwege geben, eingegraben in die Welt wie eine Wunde, die in dieser Weltzeit nicht heilen darf und wird.
Es wäre töricht zu sagen, es gibt keinen Tod mehr hier und jetzt - dafür erleben wir ihn zu oft.
Es wäre falsch zu verkünden, es gibt nichts Bedrohliches mehr - dafür ängstigen wir uns viel zu oft.
Es wäre unredlich zu jubeln, es gibt nur noch eitel Sonnenschein - dafür erfahren wir das Dunkel viel zu oft.
Für mich heißt die Botschaft von Ostern, daß mich der Auferstandene davor bewahrt, zwischen den Felsen meiner Lebenshohlwege zerrieben zu werden. Ich kann leben und überleben - weil er die Felsen auseinanderhält, so eng sie auch beieinander stehen mögen.
Die Wunden dieser Welt, aber auch die Wunden im Leben des Einzelnen sind nicht zu übersehen. Der Karfreitag ist Realität. Aber die Welt macht auf mich den Eindruck, als sei sie eine Welt auf der Flucht, auf der Flucht auch vor Ostern.
Viele sind auf der Flucht vor sich selbst. Weil sie die Uneindeutigkeit des Lebens nicht ertragen können, fliehen sie in das Erlebnis, in den Rausch, die Droge, den Lärm (für mich war schon interessant, dass erstmals in diesem Jahr der Feiertagsschutz des Karfreitags in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.)
Unsere Gesellschaft hält die Stille nicht mehr aus - sie würde sich unversehens zwischen den Felsen des Hohlweges widerfinden.
Wir werden damit leben müssen, dass immer weniger Zeitgenossen den Gekreuzigten und Auferstandenen inmitten ihres Lebens-Hohlweges wahrnehmen als den, der allein Zukunft und Hoffnung gibt.
Uns kann diese Realität nur anspornen, unser Halleluja zu singen und so Zeugnis von der Hoffnung zu geben, die in uns lebt.
Gärtner sind wir, blumenlos gewordene
Und stehn auf einem Stern, der strahlt
Und weinen.
So schließt Nelly Sachs ihr Gedicht. Seit Ostern hat der Stern für uns einen Namen: Jesus Christus. Amen