Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant


Karfreitag 2004

Den Leidenden gleich geworden

Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.( Jes 52,14)
Die Worte aus dem alttestamentlichen Gottesknechtslied klingen wie eine Beschreibung des Gekreuzigten.
Als Grünewald seinen Altar malte für das Pestkrankenhaus in Isenheim im Elsaß, wollte er den vom Tod gezeichneten Menschen einen Gekreuzigten zeigen, der ihnen im Tod gleich geworden ist. So malte er ihn übersät mit Pest- und Eiterbeulen, hässlich und entstellt. Für die Menschen trotz aller Abscheu ein Bild des Trostes.
Als Johannes Sebastian Bach seine Johannes Passion schrieb, ließ er den Tenor als Betrachtung zur Geißelung singen. „Erwäge wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel gleiche geht“ und er zieht den Vergleich mit dem „allerschönsten Regenbogen“, der „Gottes Gnadenzeichen“ ist“. Eine drastische Metapher.

In diesen Wochen läuft in den Kinos Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, der schon vor seinem Start Schlagzeilen machte.
Seine Kritiker haben recht: es ist ein sehr brutaler Film, der Geißelung Jesu und Kreuzigung in allen gewaltsamen Einzelheiten zeigt, so dass es manchem Zuschauer schon übel geworden ist. Ob das so sein muss?
Die Folgen aber sind ähnlich wie beim Isenheimer Altar: ein geschundener Leib, blutüberströmt, entstellt – so wie er jeden Tag tausendfach zu sehen ist als Opfer von Folterung, brutaler Gewalt, Krieg und Terror. Der Jesus in dieser filmischen Interpretation der Passion ist den vielen auf dieser Welt gleich geworden, die heute ebenso gequält werden wie er damals.
Als ich den Film sah, wurde mir neu bewusst, der Kreuzweg Jesu ist zwar einmalig und doch zieht sich seine blutige Spur durch die Jahrhunderte. Ich sehe die Bilder aus dem Irak in diesen Tagen vor mir, ich erinnere mich der Menschen, die verhungern, die entführt und gequält werden, eingesperrt, aus ihren Häusern verschleppt und von ihren Familien getrennt.
In diesen Tagen gedenken wir des Völkermords in Ruanda. Vor 10 Jahren fielen innerhalb von 3 Monaten dem Gewaltexzess dort mindestens 800.000 Menschen zum Opfer. Zwar herrscht jetzt dort Frieden, aber es ist immer noch eines der ärmsten Länder.

Ich sehe aber auch das körperliche und seelische Leid vieler Menschen vor mir aus unserer nächsten Umgebung, auch hier jetzt unter Ihnen. Manch einer ist seinen Kreuzweg gegangen und geht ihn immer noch.

Es gibt in dem Film „Die Passion“ drei Szenen, die mich sehr beeindruckt haben; drei Kreuzwegstationen, die aus dem Evangelium stammen oder aus der Volksfrömmigkeit, und die bei aller Dramatik auch gut tun können:

• Veronika
der Film ist sehr laut, man sieht die brüllende und schlagende Soldateska, die roh und gewaltsam den Kreuztragenden Jesus vorantreiben. Immer wieder strauchelt er, fällt er stolpert in den Schmutz des Weges. Da verstummt plötzlich der Lärm und man sieht eine junge Frau, die sich unbeirrt von den Soldaten den Weg durch die Menge bahnt, vor dem zusammengebrochenen Jesus niederkniet und ihm ein Tuch reicht, mit dem er sich Schweiß und Blut abwischen kann.
Die Szene dauert nicht lange, denn bevor sie dem Kraftlosen noch einen Becher Wasser reichen kann, wird sie von den gewalttätigen Soldaten weggezerrt. Das Böse lässt das Gute nicht zu.

Für mich nimmt Veronika das Gesicht von Menschen an, die ähnlich handeln. Die nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen Geste am Rand des Kreuzweges der Menschen stehen, die sich nicht beirren lassen von Wenns und Abers, von Konventionen, Gesetzmässigkeiten, die das Gute gegen das Böse setzen.

• Simon von Cyrene
die Schrift kennt ihn, als den, der Jesus hilft das Kreuz zu tragen. Im Film wird er dargestellt als einer, der sich zuerst mit Händen und Füßen wehrt, diese Hilfe zu leisten.
Man zwingt ihn. Angesichts der rohen Gewalt, die er erlebt, sieht man seine Wandlung, die ihn schließlich eingreifen lässt. Ohnmächtig schreit er die Soldaten an.
Und dann gehen beide weiter, wie Freunde umschlingen sie das Kreuz, Simon hält den strauchelnden Jesus, fast schon zärtlich zieht er ihn wieder hoch und flüstert ihm angesichts des Kreuzeshügel zu: „Fast geschafft“. Das letzte Stück trägt er die Last fast allein. Der letzte Blick der beiden oben auf Golgotha ist der Blick von Freunden, die sich nahe gekommen sind im Leid.
Für mich nimmt Simon das Gesicht der Menschen an, die sich auf den Kreuzweg anderer einlassen, die mittragen, auch wenn die Last fast unerträglich ist. Ich denke an die Menschen in den Hilfsorganisationen ebenso wie an die Partner und Freunde, die mitgehen, wenn die Last für einen allein zu schwer wird.

• Maria
die Gefühle der Mutter am Kreuzweg, unter dem Kreuz und bei der Kreuzabnahme haben die Menschen schon immer berührt. Gibson zeigt in seinem Film eine Szene, die so gewiss erfunden ist, und doch ähnlich wie viele Darstellungen der Pieta in der Kunst anrührt und Trost gibt.
Maria sieht ihren Sohn unter der Last des Kreuzes zusammenbrechen. Sie eilt zu ihm, währenddessen sieht der Zuschauer in einer Rückblende eine Szene aus der Kindheit, in der Jesus als Kind spielt, läuft und fällt. So wie damals kniet die Mutter bei ihrem gefallenen Sohn und sagt: „Ich bin hier!“
Das sind für mich die meditativen Momente des Filmes. Wer schon einmal in seinem Leid, sei es körperlich oder seelisch, die Erfahrung gemacht hat, dass ein anderer ihm sagte: “Ich bin hier“, ich bin da, ich bin bei dir – auch in der gleichen Hilflosigkeit und Ohnmacht wie du, der wird den Trost erkennen, der in dieser Szene liegt.

Liebe Schwestern und Brüder,
der Film hat seine Schwächen, er ist keine Dokumentation der Passion, ebenso wenig wie die Passionspiele in Oberammergau,
es fließt mehr Blut als viele beim Zuschauen vertragen können und ich frage mich schon, ob es notwendig ist, solche Brutalität zu zeigen.

Mich hat der Film noch einmal neu sensibel gemacht für den Kreuzweg des Herrn. Er war einmalig und doch zieht er sich durch die Zeit. „Seht den Menschen“, sagt Pilatus.
In dem gegeißelten Herrn, der vor ihm steht, sehen wir die Gesichter der Leidenden Menschen durch die Menschheitsgeschichte hindurch. Hört das denn nie auf?, möchte man fragen.
Die Antwort, die Gott auf diese Frage gibt, ist seine Compassion mit ihnen allen, sein Mit-Leiden.
„Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“

Und gleichzeitig wird mein Blick voll Dankbarkeit auf jene Menschen gelenkt, die sich mit dem Leiden nicht abfinden, sondern an den Kreuzwegen stehen, auch an unserem, wie Veronika, Simon und Maria.

Fotos: (C) Constantin-Film