Karfreitag 2005
Die Fragen aushalten
Kann man das einfach so hören? Same procedure as every year. Jedes Jahr das Gleiche. Heiliges Spiel zu heiligen Zeiten?
Zu allen Zeiten standen Menschen ratlos vor dem Kreuz Jesu. Warum dieses Leid? Warum diese Ohnmacht? Warum dieser Tod? Zu allen Zeiten hat das Kreuz die Menschen fragen lassen nach Gott und seiner Gerechtigkeit, wenn Gott solches Leid zulässt.
Und diese Frage wird aktualisiert durch unser Leben, durch unser eigenes Leid, unser eigenen Schmerz. Durch das Kreuz Jesu hindurch schauen wir auf die Kreuze dieser Welt, auf die Kreuze unseres Lebens.
Die mögen uns selbst betreffen: weshalb muss ich leiden? Weshalb werde ich verlassen? Wieso muss ich einsam sein? Weshalb finde ich keine Arbeit? Wieso muss ich immer wieder scheitern?
Oder sie betreffen Menschen, die uns nahe stehen oder deren Schicksal uns anrührt, wie zZt. das in den Medien zur Schau gestellte Los der Amerikanerin, die seit 15Jahren im Wachkoma liegt.
Das Kreuz ist keine Antwort auf die Fragen. Es ist selbst ein großes Fragezeichen.
In den alten Karfreitagsgesängen fragt Gott selbst die Menschen: "O
du mein Volk, was tat ich dir? / Betrübt ich dich? Antworte mir!"
Das Kreuz ist die Frage. Vom Kreuz herab fragt Gott uns Menschen und ist auch
in unseren Fragen gegenwärtig. In der Frage des Gekreuzigten. „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ wird uns Jesus endgültig
zum Bruder.
Der Karfreitag lädt nicht ein zur vorschnellen Antworten, zu leeren Lehrgebäuden. Er will, dass wir die Frage aushalten – uns nicht zufrieden geben mit vorschnellen Antworten, die dem Menschen und auch Gott nicht gerecht werden.
Eine große Frage wird heute von Pilatus gestellt: Was ist Wahrheit?
Der Statthalter erwartet keine Antwort. Er will dieses für ihn lästige
Verfahren zu Ende bringen, gerade jetzt, wo er merkt, dass es um mehr geht,
als um ein Routine-Verfahren gegen einen religiös-fanatischen Aufständischen.
"Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme", ist
das Wort Jesu, das der Frage vorausgeht. Pilatus hat ihn nicht verstanden.
Es geht Jesus nicht um abstrakte Wahrheit, um theoretische Sätze –
es ght nicht um Philosophie, Psychologie, Struktur oder Programm.
Die Wahrheit, von der Jesus spricht, fordert mich heraus – hier geht es
um die Gegenwart Gottes in meinem Leben.
Spätestens an dieser Stelle werden wir alle ein Teil dieser Passionsgeschichte
– ganz persönlich. Es geht nicht nur um die theoretische Frage nach
dem Leid des Gottessohnes, nach dem Leid anderer, nach meinem Leid.
Es geht um die eigene Wahrheit. Wer bin ich? Wer bin ich vor Gott? Die Frage
danach bleibt bestehen – sie lässt sich nicht wegschieben, erst recht
nicht verdrängen durch Aktionismus, wie Pilatus es versucht.
Die Fragen verlassen uns nicht in dieser Stunde. Viele Menschen zerbrechen an
den Fragen, die uns schlaflose Stunden bereiten.
Unsere Passionsgeschichte hat uns am Schluss ein Hoffnungszeichen gegeben.
Wir können die Fragen aushalten und müssen nicht daran verzweifeln
oder scheitern.
„An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten“ –
welch ein Kontrast zu den groben Bildern vorher. „Ein Garten“ –
man ist versucht, ein bisschen spöttig zu sagen „welche eine Idylle“,
wenn da nicht am Anfang der Bibel stände „dann legte Gott der Herr
in Eden einen Garten an.“
Der Evangelist will keine Idylle beschreiben, nicht eine zufällige Ortsangabe
– die Beisetzung des Herrn trägt paradiesische Züge, die Stunde
der Hoffnungslosigkeit birgt die Hoffnung in sich wie einen versteckten Keim.
So können wir die Fragen des Karfreitags aushalten – das Ende der
Liturgie macht dieses deutlich: am Ende dieses Gottesdienstes steht die Stille.
Es geht darum, das Schweigen zu wahren. Es ist an Gott, zu uns zu sprechen.
Und wir hoffen und vertrauen, dass er es sprechen wird, wenn das Licht in der
Osternacht erscheint und wir uns wieder in der Stille zusammenfinden.