Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt am Karfreitag 1999

Es gibt Tage, die würde man am liebsten aus der persönlichen Biographie streichen, weil sie mit der Erinnerung an Unangenehmes verbunden sind:
Etwa mit dem Verlust eines lieben Menschen,
oder dem Zusammenbruch eines Lebensentwurfs.
Stunden, in denen persönliche Schwächen offen zutage getreten sind,
die Erfahrung der Ohnmacht, das Angewiesen-Sein auf andere;
Tage mit mehr Schatten als Licht.

Die Welt braucht den Karfreitag

Ist der Karfreitag nicht auch ein solcher Tag?
Muß diese Erinnerung an das Leiden Jesu sein?
Müssen seine Wunden immer wieder gezeigt werden?
Dürfen sie nie heilen - warum können wir nicht sofort Ostern feiern?

Die Welt, unsere Welt braucht den Karfreitag -
Es ist ein Tag gegen den Mythos der Leidens- und Schmerzfreiheit, die landauf, landab als Kriterium der Lebensqualität gehandelt wird.

Die Welt braucht den Karfreitag - weil auch heute noch Menschen mißhandelt werden, Unschuldige geschlagen und Unbeteiligte für ein paar Silberlinge verschachert werden -

Wir brauchen den Karfreitag - weil die Welt nichts gelernt hat aus ihrer Geschichte; weil die Menschheit immer wieder neue Kreuze aufrichtet, neue Vernichtungswaffen entwickelt und einsetzt.

In einem modernen Gedicht lesen wir:
Am Kreuz hängt nicht nur einer,
am Kreuz hängen viele
von Freunden vergessen,
von den Zeitungen verschwiegen
von Krankheit geplagt
von Sorgen gequält,
von Langeweile ausgehöhlt,
von Ansprüchen erdrückt
von Angst erpreßt,
von Haß vergiftet,
Am Kreuz hängt nicht nur einer,
am Kreuz hängen viele,
sollen wir nur von dem einen reden?
Heute reden wir von dem einen - und von allen Leidenden dieser Welt - auch von uns!

Heute gibt es keine Antwort auf die Frage nach dem Warum -
Dies bleibt die offene Frage des Menschen ein Leben lang.

Heute reden wir davon, wie Gott mit dem Leid umgeht -
Er läßt nicht leiden, er leidet mit!
Paul Claudel sagt.
" Gott ist nicht gekommen, das Leid zu beseitigen;
er ist nicht gekommen, es zu erklären,
sondern er ist gekommen, es mit seiner Gegenwart zu erfüllen."

"Du stirbst auch mit an unserem Kreuz, du stirbst auch unseren Tod", heißt es in einem neuen geistlichen Lied.
Feier vom Leiden und Sterben Jesu
heißt dieser Gottesdienst. Sie haben richtig gehört - Feier.
Gott selbst hat diesen Tag zu einem Feiertag gemacht:
Der menschliche Kreuzweg hat einen Ausweg, weil Gott ihn in diesem Jesus von Nazareth gegangen ist;
Der holt nicht das letzte für sich heraus,
sondern gibt sich
Er bewahrt nicht die Fassung,
sondern wird überwältigt von Angst und Mitleid
Er ist nicht der coole Held,
sondern der weinende, klagende, schreiende Sohn

Wir sind eingeladen in dieser Feier zur Kreuzverehrung -
Dabei kriechen wir nicht zu Kreuz - vielmehr kommen wir in dem Bewußtsein, uns im Angesicht des Kreuzes mit unseren Schwächen sehen lassen zu können -
Wo kann man sich das heute erlauben - sich mit seinen schwachen Seiten sehen zu lassen? Doch nur vor einem, dem nichts Menschliches fremd ist! Nur vor einem, der nicht nur meine Erfolge absegnet, sonder der mir hilft, trotz meiner "Schwachheiten" zu mir JA zu sagen.

Wir müssen unsere weinenden Augen und die schmerzenden Wunden nicht verstecken -vom Kreuz her leuchten sie uns entgegen:

"in deinen Wunden berge mich" beten wird
Unsere gespielte Selbstsicherheit,
unsere Sucht nach Erfolg und Anerkennung,
die Anstandsregel dieser Zeit, Gefühle zeigt man nicht,
unsere Ohnmacht,
unsere Sehnsucht nach Geborgenheit
- alles können wir mitbringen - und wie eine Gabe vor ihn legen - er wird alles verwandeln, wenn ich es ihm überlasse.

Wir dürfen zum Kreuz kommen wie wir sind. Oft plagt uns der Gedanke, anders sein zu wollen, nach dem Motto "wenn ich so oder so wäre, dann wäre ich ok."

Ich darf zum Kreuz kommen, wie ich bin - als Teil einer leidenden und geschundenen Menschheit- auch stellvertretend für sie,.
Ich darf hintreten wie ich bin -um Anteil zu haben an seinem Leiden, und an seiner Auferstehung.

John Henry Newman, ein englischer Kardinal des vergangen Jahrhunderts, schreibt; "Wir alle werden eines Tages jenes Antlitz sehen, in das Menschen hineingeschlagen und hineingespuckt haben.
Wir werden jene durchlöcherten Hände sehen, die ans Kreuz genagelt wurden. All das werden wir sehen und es wird der Anblick des lebendigen Gottes sein."

So mag der Augenblick vor dem Kreuz in dieser Feier eine Vorahnung jener Begegnung sein.