Wilfried Schumacher

Pfarrer & Stadtdechant

 

Karfreitag 2001

 

Mit Petrus unterwegs

 

Zur Passion, die nun folgt, möchte ich Ihnen gerne eine Hör-Hilfe anbieten und Ihnen den Vorschlag machen, die Geschichte, die wir nun hören werden, einmal aus der Sicht des Petrus zu betrachten.

 

Gestern abend ist er uns schon begegnet bei der Fusswaschung im Abendmahlssaal. Erhat das Zeichen nicht verstanden, denn schon bald darauf muss er sich belehren lassen:  Auf die gewiss ehrliche Erklärung „Mein Leben will ich für dich hingeben.“ Muss er sich von Jesus vielleicht sogar etwas spöttisch sagen lassen: „ Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

 

Das war ein Abend gewesen, der ihn aufgerührt hatte. Das Abendmahl, die Fusswaschung, die Leidensankündigung, die seltsamen Reden Jesu und irgendwie hatte Petrus die Orientierung verloren. Er liebte solche Situationen nicht so sehr – viel lieber war ihm ein klar strukturiertes Leben, in dem alles geordnet ist, ohne unliebsamen Überraschungen. Vor allem aber so, dass er die Übersicht behielt und alles in der Hand hielt.

 

Ich erkenne viele Menschen in diesem Petrus wieder: Menschen, die ihr Leben geordnet haben und halten, wo oben und unten stimmt, ein klares Weltbild, ein klares Gottesbild und alles unter Kontrolle. Sie sind stets Herr der Lage und wollen es auch bleiben.

 

Als die Jünger hinuntersteigen nach Getsemani ,wie sie es schon so oft getan hatten, da war für Petrus alles in innerer Aufruhr. Aber wie war doch die Botschaft des Pessach-Festes: „der Herr hat herausgeführt und wird auch wieder herausführen“? So ist es, tröstete sich Petrus, Jesus wird die Sache schon richten, wie er es bisher immer getan hat.

 

Sie kommen nach Getsemani und dort erlebt Petrus einen Jesus, den er so noch nie gesehen hat: weinend, kämpfend, ringend, Blut und Wasser schwitzend. Einen Menschen voller Angst und schließlich voller Gehorsam. „der Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich ihn nicht trinken?“, die Johannes-Passion überliefert nur diese Frage Jesu, die am Ende seines langen Ringens steht.

 

Es soll noch schlimmer kommen: Judas, der Gefährte in den die Wanderjahren durch Israel, kommt mit Soldaten, die Jesus verhaften. Und der lässt sich verhaften!

 

Das ist nicht mehr der Jesus, den Petrus bisher erlebt hat: Bisher hat er es doch immer geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. An wieviele brenzlige Situationen kann sich Petrus erinnern. Wo ist dieser machtvolle Jesus? Wo ist dieser Jesus, den er als den Christus, den Messias feierlich bekannt hatte?

Ist das dieser Mann – schwach, gefesselt zwischen den Soldaten und Gerichtsdienern. Nein!

 

Für diesen Menschen hat er nicht alles verlassen – den Beruf, die Familie, die Heimat. In Petrus bricht alles zusammen. Sollte er sich so getäuscht haben? „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir irre werden;“ so hatte Jesus es beim Abendmahl angekündigt.

Petrus erlebt es – mit seiner ganzen Existenz.

 

Ich erkenne viele Menschen in diesem Petrus wieder. Menschen, die sich getäuscht fühlen von einem anderen Menschen – ist das noch der Mensch, für den ich alles verlassen habe, für den ich vieles aufgegeben habe. Ist das noch der Mensch, den ich einmal geliebt habe? Eine solche bittere Erfahrung steckt man nicht so einfach weg. Da bricht plötzlich auf einmal alles zusammen. Die ganze Existenz steht auf dem Spiel.

 

Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Von dem da – von diesem Menschen, der einmal angetreten ist, Israel zu retten und nun gefesselt vor dem Hohenpriester steht  – NEIN, zu dem gehöre ich nicht! Die ganze Tragik des Petrus liegt in diesem NEIN! Diesen Jesus kennt er wirklich nicht.

 

Alle Evangelisten berichten von dieser Szene – alle lassen den krähenden Hahn zum unüberhörbaren Zeichen werden. Lukas spricht sogar von einem Blickkontakt in dieser Situation: Jesus wendet sich um und blickt Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

 

Sie schauen sich an. Aug in Auge und die Augen des Petrus füllen sich mit Tränen. Es sind nicht nur Tränen der Reue. Es ist Ausdruck einer inneren Zerrissenheit, die kaum größer sein kann, die alle nachempfinden können, die lieben wollen, aber es nicht können, die spüren, welcher Graben sich plötzlich zwischen ihnen und dem anderen auftut.

 

Damit endet der Part des Petrus in der Passionsgeschichte. Von ihm ist nun nicht mehr die Rede. Wir können allenfalls meditieren, was noch mit ihm geschehen ist. Vielleicht ist er ziellos durch die Strassen Jerusalems geirrt, immer wieder Augen- und Ohrenzeuge dessen, was mit Jesus geschieht.

 

Die drei Jahren des gemeinsamen Weges werden in ihm präsent gewesen sein, jede Stunde, jedes Wort, jeder Blick, jede Tat. Dieser Tag wird ihn für ihn zu dunkelsten Nacht. Jesu Bekannten aber standen in einiger Entfernung (vom Kreuz), schreibt Lukas in seiner Passion. Vielleicht stand Petrus bei ihnen. Da hängt sein Jesus am Kreuz. Was stirbt da nicht alles?

 

Ich werde erinnert an eine Begebenheit in Elie Wiesels autobiografischem Roman „Die Nacht zu begraben, Elischa“. Angesichts eines Kindes, das im KZ hingerichtet wird, antwortet er auf die Frage „Wo ist Gott?“ Dort – dort hängt er am Galgen.“ Gott kann sterben nicht nur am Kreuz – auch in den Herzen der Menschen.

Wenn mich etwa ein junger Mensch fragt, wo war denn Gott als mir Unrecht geschah? Und er damit begründet, dass er der Kirche den Rücken gekehrt hat. Dann sehe ich ihn an der Seite des Petrus stehen. Was ist da nicht alles gestorben?

 

Mit Petrus durch die Passion gehen, heisst für mich, dies alles auszuhalten. Auch der in der Johannes-Passion so selbstbewusst, mit königlichen Zügen dargestellte Jesus, stirbt ohnmächtig.

Halten wir die Trostlosigkeit aus! Karfreitag ist kein Tag der schnellen Antwort – wir müssen mit Petrus noch in die Nacht. Noch zweimal -  Bis wir es wagen dürfen ein Feuer zu entzünden und das Licht der Erlösung zu sehen. Bis wir einen Petrus antreffen, der sich hat erlösen lassen.


Vor der Kreuzverehrung:

 

Karfreitag ist kein Tag der schnellen Antworten –

Deshalb ist die Kreuzverehrung für jeden jetzt auch eine ganz persönliche Sache –

Was hier geschieht, wenn jeder vortritt, lässt sich nicht verallgemeinern:

Der eine kommt glaubend und vertrauend –;

Der andere zweifelnd, mit den Nächten seiner Lebensgeschichte –

Der eine dankbar –

Der andere eher fragend, vielleicht auch anklagend –

Der eine voller innerer Freude –

Der andere weinend, traurig!

 

Vor dem Kreuz darf jeder so sein wie er ist –

Wir laden Sie gleich ein – entsprechend den Anweisungen der Helfer paarweise durch den Mittelgang vor das Kreuz zu treten –

Eine Kniebeuge oder eine Verneigung zu machen und zur Seite wegzutreten –