Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Gründonnerstag 2005
Zur Wahrheit vorstoßen

Es war wie immer an diesem Pessah-Abend: der Meister wollte mit seinen Jüngern die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten feiern. In der jüdischen Religion Ausdruck höchster Freiheit. Selbst in der äußeren Unterdrückung feiern sie es wie freie Menschen. Es ist ein jahrhunderte altes Ritual, das den Abend bestimmt.
Die Reden des Meisters in den letzten Tagen waren schon etwas seltsam gewesen und es war nicht verborgen geblieben, dass der Hohe Rat den Galiläer und seine Jünger zunehmend kritisch beobachtete und begleitete. Aber der Pessach-Feier kann sich keiner entziehen. Freie Menschen hatten sich aufgemacht, ihre Freiheit zu feiern.
Und dann ist alles anderes gewesen, als sie es gewohnt waren. Seltsame Worte und seltsame Handlungen.
Im Mittelpunkt: die Fusswaschung. So etwas hatten die Jünger noch nicht erlebt und Petrus bringt die Überraschung ins Wort.
Nein, der Meister soll ihm nicht die Füße waschen. Aber Jesus macht deutlich, hier geht es nicht um eine platt moralische Anweisung: Seid nett zueinander!
Nur durch die Fußwaschung erhält Petrus »Anteil« an Christus. „Wenn du diesen Dienst von mir nicht annimmst, dann gehörst du nicht zu mir. Du hast noch nicht begriffen, wer ich bin und was ich will.

Oder mit anderen Worten und in theologischer Ausdeutung sagt Jesus: Was ich hier tue, ist eine Vorwegnahme meiner Erniedrigung am Kreuz. In wenigen Stunden wirst du mich in einem Zustand sehen, wie er elender und verächtlicher nicht sein kann.
Wie der letzte Verbrecher werde ich mein Leben enden, und mein Tod wird der letzte Dienst sein, den ich der Menschheit erweise. Wer aber meine jetzige Erniedrigung im Abendmahlssaal nicht verkraftet, wird erst recht an mir irre werden, wenn er mich am Kreuz hängen sieht.
Doch wer jetzt den Dienst der Fußwaschung in rechter Gesinnung von mir annimmt, dem geht vielleicht auf, dass der Weg durch die Erniedrigung heim zum Vater nicht nur mein Weg ist, sondern der Weg aller, die an mich glauben und mir nachfolgen.

Und dann dieses Wort vom Verrat! Johannes notiert, der Satan habe dem Judas ins Herz gegeben, Jesus zu verraten und auszuliefern.

Ein zerstörerisches Prinzip hat von Judas Besitz ergriffen. Man kann über die historischen Gründe des Verrats spekulieren. Sicher aber scheint mir, dass es in irgendeiner Form eine in sich verschlossene Logik war, die dem Judas in dem Augenblick ganz und gar einleuchtete und innerhalb derer sich Judas groß vorkam.
Mich erstaunt immer wieder, wie Jesus mit Judas umgeht. Er nimmt ihn ernst als einen freien Menschen. Er ermahnt ihn, spricht nicht „durch die Blume“, sucht ihn zu erschüttern - aber, er hindert ihn nicht. Der Dialog gipfelt in dem Satz „Was du tun willst, das tu bald“.

Es scheint, als wolle Jesus ihm sagen: Tu das, was dir richtig erscheint, verwirkliche bis zum letzten die Vorstellung, die du von Gott und den Dingen hast. Geh ans Werk und sieh was dabei herauskommt.
Und Judas geht hinaus – es ist Nacht, fügt Johannes hinzu – da geht ein Mensch, der in seiner Verwirrung seine Freiheit mißbraucht, bis er merkt, dass er vollkommen im Irrtum ist.


Und schließlich noch ein Dialog, als ob das Vorangegangene nicht schon genug wäre: Petrus, ehe der Hahn kräht wirst du wirst mich dreimal verleugnen.
Das Wort trifft den Simon. Seine ganze Biografie leuchtet blitzartig auf: Petrus, der Mutige und der Kleinmütige, Petrus, der Fels und der Satan, Petrus, der Wortführer und der Wortbrüchige, Petrus, der immer auf der Linie zwischen Verstehen und Missverstehen wandelt.


Was ist da an diesem Abend geschehen? Das Abendmahl erscheint mir wie eine große Einladung, zur Wahrheit zu kommen – in zweifacher Hinsicht:

Zur Wahrheit in der Beziehung zu Gott
und zur Wahrheit über sich selbst.

Die erste Frage lautet: mit welchem Gott gehe ich um? Wer ist Gott für mich?

Die Fußwaschung zeigt, dass Jesus, der der Sohn Gottes ist und dem der Vater alles in die Hand gegeben hat, unter uns Menschen wirklich Knechtgestalt annimmt und sich den Menschen uneingeschränkt zur Verfügung stellt, sich ganz ihren Händen ausliefert bis zum Ende.
Er entzieht sich ihnen nicht einmal angesichts der letzten Konsequenzen dessen, was Menschen mit ihm tun.
So offenbart Jesus Gott als einen, der dem Menschen zu Diensten steht, und enthüllt auch uns den Sinn unserer Existenz, nämlich ganz und gar für die anderen da zu sein.

Manche Zeitgenossen meinen, Glauben sei Privatsache, sei Einbahnstrasse, beschränke sich auf sie und „ihren“ Gott –
im Abendmahlssaal wird deutlich: Glaube ist Gemeinschaft – mit Gott und mit den anderen und für die anderen.

Die zweite Frage lautet: wer bin ich wirklich? Jenseits aller Rollen, Fassaden, eingeübten Verhaltensmuster?

Auf dem Bild auf unserem Liedheft hält Judas den Geldbeutel in der Hand – aber er ist eben nicht der Kassenwart der Apostel, sondern der, der für Geld die Moral vergisst.
Und Petrus wird nicht für den Herrn wortgewaltig einstehn, sondern weinend laufend gehen.

Wer bin ich wirklich? Ich weiß von mir selbst, wie schmerzvoll es sein kann, sich eine Antwort zu geben. Sie werden mir zustimmen, wir setzen alles daran, mit Geschichten uns vor der eigenen Wahrheit zu drücken.

Der Schriftsteller Arthur Müller beschreibt, was es bedeutet zur Wahrheit über sich selbst vorzustoßen: „Ich träumte, mein Leben war ein Kind von mir. Aber es war mongoloid, und ich lief weg. Aber es kroch immer wieder auf meinen Schoß. Es zog an meinen Kleidern. Bis ich dachte. Wenn ich es küsse kann, kann ich vielleicht schlafen. Und ich beugte meinen Kopf über das entstellte Gesicht – es war grauenhaft...aber ich küsste es.“.

Zur Wahrheit vorzustoßen, macht Angst und ist nicht leicht, weil wir das Ergebnis kennen und fürchten. Aber es gibt nur diesen Weg, der wirklich in die Freiheit führt.
Da tut es gut, noch einmal auf den Abendmahlssaal zu schauen:
Jesus stiftet eine Gemeinschaft, einen "neuen Bund in seinem Blut". Wer zu dieser Gemeinschaft zugelassen wird, entscheidet nicht Herkunft und nicht Leistung, nicht Verdienst, noch irgendetwas, auf das sich der Mensch berufen könnte. Nicht nur Petrus, sondern sogar Judas, der Verräter, sind beim Mahl dabei.
Jeder und jedem will Jesus die Füße waschen, mit allen Gemeinschaft stiften.
Welch ein Geschenk! Wir dürfen zur Wahrheit über uns kommen und als solche sind wir eingeladen – heute und in jeder Stunde, in der wir uns um den Tisch des Herrn versammeln.