Wilfried Schumacher
Predigt am Gründonnerstag 2002
Psychologen hätten ihre helle Freude an dieser Geschichte
vom letzten Abendmahl (Joh 13). Es beginnt mit der
Todesahnung des Gastgebers, die sogar der Grund ist, die Jünger einzuladen.
Einer von den bisherigen Freunden wird den Gastgeber verraten und wie einen
Verbrecher der Staatsgewalt ausliefern. Darüber wird nicht hinter vorgehaltener
Hand gesprochen, sondern ganz offen – wenn auch in einem Zeichen versteckt.
Schließlich wäscht der Herr und Meister seinen Jüngern die Füße – eine
verdrehte Welt, wie im Dialog mit Petrus offenkundig wird – wer soll das noch
verstehen? An der Seite des Meisters der sogenannte
Lieblinsjünger, der zwar nicht mit Namen genannt wird, aber dessen Identität zu
späterer Zeit für alle enthüllt wird.
Es ist eine Geschichte voller Beziehungen – eine ist auf
jeden Fall noch ungeklärt, eine andere ist in der Krise, eine dritte hat eine
besondere Dichte und Intimität. Je länger ich darauf schaue wird mir bewußt, dass der Abendmahlsaal keine heile Welt darstellt,
sondern eher zum Spiegel unseres Lebens wird.
Wir kennen auch jene ungeklärten Beziehungen zu einem
Partner/ einer Partnerin, zum Kollegen, zur Kollegin, zu den Eltern, zu den
Kindern.
Wir wissen um Beziehungskrisen, um die Abgründe, die sich im
anderen auftun können, mit denen wir nicht gerechnet haben.
Wir staunen über das Geschenk einer Freundschaft, die uns
einen ungeahnten Zugang zum anderen erschließt.
Der Isenheimer Altar
Der Aufenthalt in der Reha-Klinik
im Markgräfler Land schenkte mir vor wenigen Wochen
bei einem Ausflug nach Colmar wieder einmal die
Ansicht des Isenheimer Altars, der mir in diesen Tagen, in denen es galt,
körperliche neue Kraft zu finden, zur Kraftquelle wurde.
Wie alte Bekannte empfand ich die Altarbilder im Museum.
Durch die Jahrhunderte hindurch standen sie in der Krankenhauskirche des Hospitals
der Antoniter in Isenheim.
Die Aussätzigen und unheilbar Kranken wurden bei ihrer Einlieferung vor das
Bild der Kreuzigung gebracht, die Novizen legten dort ihre
Profess ab und beim Begräbnis stand der Sarg vor dieser Szene.
Ich
möchte gerne heute abend
die linke Seite der Kreuzigungsdarstellung mit Ihnen betrachten. Sie finden
sie auf der Titelseite Ihres Liedheftes und als farbige Darstellung auch unten
im Münster.
Matthias Grünewald, der Maler, zeigt unter dem Kreuz keine
Massen – nicht das Volk, nicht die römischen Soldaten, sondern nur drei
Menschen in unterschiedlicher Beziehung zum Gekreuzigten:
Maria, die Mutter,
Johannes, den Apostel
und Maria von Magdala, die Sünderin.
Als ich bei diesem Besuch dem Altar wieder begegnete, war
mir klar, dass diese Bilder uns in diesen Tagen begleiten werden. Je näher die Kartage rückten, wurde mir bewußt,
dass es auch eine Beziehung zu unserem Evangelium von heute gibt: die drei
Gestalten begegnen uns auch dort, wenn auch abgesehen von Johannes in anderen
Personen.
„Es war aber Nacht“,
sagt das Evangelium nachdem Judas den Saal verlassen hat. Das ist nicht nur
eine Zeitangabe – „ es ist die Nacht, in der niemand mehr etwas tun
kann.“ (Joh 9,4) Die Nacht des Verrats, die Nacht
der Sünde. Unser Blick fällt auf Maria von Magdala, die über das Gewand der
Sünderin das Kleid der Braut angelegt hat. Während der eine in die Nacht
hinausgeht, ist sie aus der Nacht in das Licht gekommen.
Wir erleben in der Szene der Fusswaschung,
wie Petrus mit sich ringt, die vom Herrn eingeforderte Demut zu leben. Was da
so einfach beschrieben wird, hat dem sonst so beredten Apostel schon ganz schön
zugesetzt. Er muss zulassen, dass Jesus so handelt, und wir erinnern uns an das
demütige Ja der Gottesmutter, das nicht nur einmal von ihr eingefordert wird.
Schließlich sehen wir Johannes, den Lieblingsjünger, der als
Einziger der Apostel zum Kreuz gefunden hat.
Je känger ich diese Seite des Alatrs betrachte, je mehr mir die Verbindungslinien zum
heutigen Evangelium bewusst werden, begreife ich: der Isenheimer Altar zeigt
uns keine historische Aufnahme, sondern es geht um eine Typologie des Neuen
Testamentes, die hier fokussiert wird. Menschen, die zu Typen werden, in ihrer
Beziehung zum Gekreuzigten.
Beginnen wir bei Maria
von Magdala, Die ganze Dramatik ihres Lebens wird vom Maler in dieser Figur
eingefangen. Die Sünderin hat Erbarmen gefunden. Ganze Geschichten klingen in
mir nach, wenn ich sie sehe. Das, was sie empfangen hat, gibt sie in diesen
Stunden zurück. Der ihr Ansehen gab, erhält nun ihr Ansehen.
Wie eine Braut hat sie sich geschmückt, Gewänder des Heils
übergezogen. Hier wird Wirklichkeit, was Jesaja von dem Gesalbten, dem Messias
sagt: „Er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in
den Mantel der Gerechtigkeit, (Jes 61,10) Sie ist
hier nicht nur die Trauernde und Verzweifelte, sondern personifiziert hier das,
was der Gekreuzigte verkündet hat: das Erbarmen Gottes.
Wenn ich auf sie schaue, dann erblicke ich alle die vielen,
die sich ihrer Sünden bewusst sind, ihre Unvollkommenheit, ihrer Grenzen und
die das Erbarmen Gottes suchen.
Schauen wir auf die Gottesmutter.
Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass der Maler sie außerhalb des
Kreuzesbalkens gemalt hat. Ihre Beziehung zum Sohn ist einzigartig; nicht
vergleichbar mit anderen. Es ist die Beziehung schlechthin. Auch ihre Biografie
kommt hier zur Sprache. Ihre Grundentscheidung, Gott an ihrer Lebensgeschichte
mitschreiben zu lassen, wird für mich in ihren Händen eingefangen. Im Gegensatz
zu den Händen der Sünderin spricht aus ihnen Gelassenheit. Wie hatte doch der
Engel gesagt: Er wird groß sein und Sohn
des Höchsten genannt werden. Gott,
der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus
Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. (Lk 1, 32-33) Das
noch in dieser Stunde zu glauben, das kann sie nur als die Mutter.
Mathis, der Maler, hat ihr das weiße Gewand derer angezogen,
die aus der Bedrängnis kommen, derer die hoffen wider alle Hoffnung.
Wenn ich auf sie schaue, dann erblicke ich alle, die in
ähnlichen Situationen sind: die Kranken, die auf Heilung hoffen, die vom Leben
Enttäuschten, die nach jedem Strohhalm der Hoffnung greifen, und in ihr eine
Schwester finden. „Heilige Maria, Mutter
Gottes, bitte für uns jetzt und in der Stundes
unseres Todes.
Schließlich in das Gewand eines Klerikers gehüllt: Johannes, der Lieblingsjünger. In der
Zuneigung ähnelt er dem Gekreuzigten, fast glaubt man Grünewald habe die
Kopfhaltung kopiert. Von ihm sagt die Schrift am Ostermorgen angesichts des
leeren Grabes: „Er sah und glaubte“. Glauben
ist Beziehung – der Lateiner erinnert sich an die Vokabel „recordare“,
im Deutschen hat das Wort seine sprachliche Wurzel in der Bedeutung „sein Herz
auf jemanden setzen“. Glauben steht nicht am Ende eines Theologiestudiums,
ergibt sich nicht aus allem Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe. „Glauben ist
eine Beziehungskiste“, um es in der Sprache der jungen Generation zu sagen.
Wenn ich auf ihn schaue, dann sehe ich alle die, die ihr
Leben aus der Beziehung zu Gott heraus gestalten. Die wissen, über das Auf und
Ab, die die Nähe kennen und auch die Distanz.
Gerade in der Person dieses Apostels schließt sich für mich
der Kreis zu unserem Evangelium, mehr noch zu unserem Tun hier heute abend und immer dann, wenn wir uns
zur Eucharistie versammeln. Mit dem Katechismus in der Hand und im Kopf ist das,
was hier geschieht, letztlich nicht zu verstehen – auch hier geht es um eine
Beziehungskiste, die die der drei unter dem Kreuz doch sehr gleicht:
Wir sind eingeladen mit unserer ganzen Biografie – es gibt
nichts zwischen Himmel und Erde, was nicht das Erbarmen Gottes finden würde. Niemand
muss abseits stehen. Mehr noch: auch wenn wir es selbst nicht für möglich
halten: in jeder Messe wird uns das Brautgewand des himmlischen Hochzeitsmahles
übergeworfen.
Wir sind nicht die Macher in diesem Geschehen – wie Petrus
und Maria lassen wir an uns handeln. Wir werden zu Tisch gebeten und wer der
Einladung folgt, läßt Gott an seiner Lebensgeschichte
mitschreiben. Vielleicht umfasst die Bereitschaft nicht das ganze Leben, aber
auch das nächste Kapitel reicht schon aus.
Wir sind gefordert mit unserem Herzen – nur so können wir
den erfassen, der unsere Speise wird, nur so können wir zur Gemeinschaft mit
denen finden, die mit uns zusammen feiern.
Eucharistie – das ist Beziehung pur mitten in unserem Leben.
Amen
