Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt am Gründonnerstag 1999

Frust-Esser nennt man jene Zeitgenossen, die sich mit essen und Trinken von der "tödlichen" Realität des Lebens ablenken wollen. Frustrationen, Enttäuschungen, Krisen, Verletzungen, Verwundungen - alles Anlässe, zu essen und zu trinken - nach dem Motto "Das Leben gönnt einem ja sonst nichts".
Heute abend gedenken wir einen Mahles, das sich der tödlichen Realität stellt!

Zuerst einmal ist diese gemeinsame Mahl Jesu mit seinen Jüngern ein hsp-Mahl; die große Rückbindung an die Befreiung aus Ägypten, Brot und Wein, aber auch die übrigen Speisen dieses Mahles, schmecken nach Leben, Befreiung, Zukunft.
"Wodurch ist diese Nacht von allen anderen Nächten verschieden?" Mit dieser Frage beginnt die jüdische Hausliturgie zum Abend des hsp festes.
Was die Antwort bedeuten kann, schildert Michel Tournier in seinem Roman "Der Erlkönig". Da ist ein französischer Kriegsgefangenen, der zu einer Art Hausmeister und Kamerad der Knaben wird, die in einer Nazischule auf einer Burg in Ostpreußen leben. Als Büttel der Deutschen führt der Franzose die Kinder der Bauern der Schule zu. Am Ende muß er erfahren: Er hat sie alle ins Verderben und in den Tod durchs russische Trommelfeuer geführt
Einzig ein verstecktes jüdisches Kind, dem Konzentrationslager entflohen, kann er aus der brennenden Burg retten.
Es ist der Abend des hsp festes. "Wodurch ist diese Nacht verschieden von allen anderen Nächten?" fragt das Kind inmitten der Flammen. "Komm, wir haben keine Zeit zu verlieren!" antwortet ihm der Kriegsgefangene. "Du mußt antworten: In dieser Nach zogen wir aus Ägypten in die Freiheit', sagt das Judenkind. Auf der Schulter des Kriegsgefangenen entkommt es aus der Burg. Der Schluß der Erzählung ist offen: Den Flammen entronnen, fliehen sie ins tödliche Moor. "Wodurch ist diese Nacht von allen anderen Nächten verschieden?" Nicht jede Geschichte darf so erzähl werden. Aber manche muß es. "In allen Zeitaltern ist jeder verpflichtet sich zu betrachten, als ob er gleichsam selbst aus Ägypten gegangen wäre. Nicht unsere Väter nur hat der Heilige - gelobt se er - erlöst sondern auch uns mit ihnen'.
Kein Ereignis kann so schlimm, so grausam sein, daß Gott uns nicht daraus errettet.
hsp gibt Kraft für das nächste Jahr. Vielleicht liegt darin das Geheimnis des Überlebens unserer jüdischen Schwestern und Brüder durch alle Vernichtungen der Geschichte hindurch. Die Speise des hsp wird zum Proviant für die Seele.

Im Lukas Evangelium sagt der Herr "Sehnlichst hat es mich verlangt, dieses hsp -Mahl mit Euch zu essen, bevor ich leide.

Das Abendmahl ist nicht die Stunde großer Reden, es ist eher die Stunde der Zeichen, der Symbole. Wir erleben sehr einprägend die Fußwaschung, und fast schon gewohnt Brot und Wein.
"Eßt und trinkt zu meinem Gedächtnis".
Brot und Wein fangen ein, was es mit diesem Jesus auf sich hat, was sein Leben, sein Wesen ist. Die zerstoßenen Körner, aus denen das Brot geworden, die zertretenen Trauben, aus den der Wein gewonnen erzählen uns von Fruchtbarkeit und Fülle, aber auch von Hingabe und Tod - Neues entsteht aus Altem!

Aber es nicht nur Brot - so wie wir es auf unseren Tischen haben. "Er brach es", heißt es im Evangelium. Gebrochenes Brot, das zum unüberbietbaren Zeichen der Hingabe Gottes wird. "So sehr hat Gott die Welt geliebt". Die Emmaus-Jünger werden daran den Herrn wiedererkennen.

Im gebrochenen Brot ragt das Kreuz selbst ragt in den Abendmahlssaal hinein. denn in ihm ist der Gekreuzigte selbst präsent: der Gekreuzigte eine zerbrochene Existenz.

Angesichts des gebrochenen Brotes wird uns auch unsere gebrochene, fragmentarische Existenzen, bewußt, die geprägt ist vom Tod - jede tiefe Enttäuschung, jede Krise, jede Verwundung, jeder Abschied, Brüche in unserem Leben, künden vom Tod!

Das Abendmahl - ein Mahl nicht jenseits oder fern ab von der tödlichen Realität. Ein Mahl mittendrin.

Nun sind wir hier versammelt zur Eucharistie - wir wiederholen nicht, was damals geschah - vielmehr was damals geschah rückt an unsere Ort, in unsere Stunde. Was damals geschah, ist Gegenwart, es war nicht, es ist!

Ich darf mit meiner Gebrochenheit kommen und den gebrochenen als Speise nehmen. Anteil haben an seinem Tod, an seinem Gebrochen-Sein und an seiner Auferstehung. Im Gebrochen-sein sind wir alle gleich. Deshalb gibt es in dieser Stunde keinen Verdienst, auf den sich auch nur einer berufen könnte. Es ist die Einladung, mit der Realität meines Lebens zu kommen und Proviant zu nehmen für die Seele, für ein ganzes Leben.
Helmut Gollwitzer beschriebt es so: "Hier, da wir uns noch mit Hieroglyphen und Figuren behelfen müssen und doch nicht fassen können, was unser Dasein eigentlich ist, ist uns in der Rätselwelt des Gestern, Heute und Morgen ein Brot gegeben, von dem man mitten in diesen Rätseln essen, ein Licht, nach dem man mitten in diesen Rätseln Schritt für Schritt seine Füße setzen kann. Es lohnt sich, danach zu schauen und davon zu essen. Es ist das einzige, was sich lohnt" .