Wilfried Schumacher

Pfarrer & Stadtdechant

 

 

Predigt Gründonnerstag 2003

 

 

In welcher Welt leben wir? Noch sehen wir die Bilder zerbombten Städte vor unseren Augen, hören wir das Klagen der vom Krieg betroffener Menschen, da erschüttert uns die Nachricht vom Mord der beiden Kinder in Eschweiler.

Kaum Schlagzeilen machen die anderen Kriege auf der Erde,

wir haben uns gewöhnt an die Zahlen der täglich verhungernden Menschen,

die vielen Schreckensmeldungen können abstumpfen und gleichgültig machen.

Ganz zu schweigen von den persönlichen Katastrophen, den Schicksalsschlägen, die sintflutartig über uns hereinbrechen.

Wenn die eigene Biografie nicht davon betroffen ist, dann doch die von Menschen, die uns nahe stehen.

 

Das Bild von Sieger Köder auf unserem Liedblatt, das wir als farbige Karte noch einmal beigelegt haben, zeigt in der unteren Hälfte in schwarzer Farbe Ruinen und Totenschädel, eine chaotische Welt, so wie sie der eine oder die andere empfindet.

Wer darauf schaut, mag die Frage der Menschen verstehen: hat Gott mich, hat Gott uns vergessen?

Wo gibt es einen Sinn, wo gibt es einen Lichtblick im Chaos dieser Zeit?

 

 

1.) In der Bibel heißt es in der Geschichte von Noach: „Endlich dachte Gott an Noach“  Er lässt die Sintflut zu einem Ende kommen.

Endlich dachte Gott an Noach“ In den wenigen Worten verbirgt sich die Grundüberzeugung des glaubenden Menschen: Gott vergisst uns nicht!

 

Zeichen der göttlichen Zuwendung, der göttlichen Erinnerung wird der Regenbogen, der Himmel und Erde verbindet, der bis in die tiefsten Tiefen reicht und alles einschließt, bergend, schützend.

Die Arche bleibt nicht nur vorübergehende Unterkunft, sie wird auf unserem Bild zum Lebensboot, auf dessen Dach sich der Regenbogen ebenso spiegelt wie auf dem Gesicht des Noach.

Das Versprechen Gottes gilt: er will die Erde nicht mehr verderben.

Und immer dann, wenn die Naturgewalten über den Menschen hereinbrechen und ihm Angst machen, soll der Bogen am Himmel stehen als Zeichen des „Bundes“, wie Gott diese neue Beziehung zum Menschen nennt.

Gott, der sich des Menschen erinnert, hilft dem Menschen bei der Erinnerung.

 

 

2.) „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen“ – so beginnt die Geschichte von der Befreiung aus Ägypten im Buch Exodus. Jene Tat, die die Juden bis heute als ihr Pessah-Fest feiern läßt. Wieder ist der glaubende Mensch überzeugt, Gott vergisst uns nicht.

Diesmal wird das Blut des Lammes zum Bundeszeichen, das erinnert an den Aufbruch in Eile!

Der Aufbruch in jener Nacht ist kein Aufbruch ins Ungewisse. Das Volk, das in die Freiheit zieht, hat ein festes Ziel: das gelobte Land. So hat es Gott versprochen.

 

Mag auch manchmal quälend viel Zeit vergehen, mögen es manchmal Jahre sein, in denen sich das Volk wieder von Gott verlassen fühlt. Die Menschen erfahren: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er sieht die Not, in der wir leben, und er hört unser Klagegeschrei. Wir sind nicht allein, nicht uns selbst überlassen.

 

Der Weg ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Die Wüste wird nicht weggeleugnet in den alten Geschichten vom Aufbruch in die Freiheit. Sie werden frieren und schwitzen, sie werden Hunger und Durst leiden, sie werden sich zu Tode ängstigen und manches Mal daran zweifeln, ob sie jemals ans Ziel gelangen. Aber sie kommen an!

 

Durch die Jahrtausende hindurch feiern die Juden das Pessach-Fest als ein Fest der Erinnerung. Mehr aber als der Anblick des Regenbogens, geht es jetzt darum, so zu feiern, als sei man selbst dabei gewesen beim Auszug aus Ägypten.

 

3.) Ein drittes, unüberbietbares Zeichen seiner Gegenwart, ist die Eucharistie, deren Einsetzung wir heute feiern.

Jesu lässt das Zeichen des Brotes und des Weines sprechen. An dem Abend, an dem sich seine Getreuen zerstreuen und ihren Herrn allein lassen werden, hinterlässt er in der Gebärde des Brotbrechens ein Zeichen der Einheit.

In jeder heiligen Messe lässt sich die Kirche penetrant an diese Nacht erinnern, "in der er verraten wurde".

Es gehört zum Geheimnis dieser Nacht, dass es in ihr einen Ruhepunkt gibt, einen Moment des Innehaltens, des Friedens. Und Paulus erinnert an dieses fast lautlose und unspektakuläre Geschehen. Geheimnisvoll nimmt der Herr vorweg, was geschieht: Er übergibt sich; er bricht den Brotlaib, bevor sein Leib tief verletzt wird. Am Vorabend des brutalst möglichen Tages ein Essen voller Verheißung; das in der Bitte mündet: Grabt euch diese Stunde ein in euer Gedächtnis. Verdrängt, vergesst nicht diese seltsame Nacht.

 

Wieder hilft Gott dem Menschen beim Erinnern. Jetzt geht es darum, auch die Zukunft in den Blick zu nehmen. „Deinen Tod o Herr verkünden wir, deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“

 

Memoria – Erinnerung, Gedächtnisfeier – nennen die Christen schon bald dieses Mahl. Das schlichte Mahl ist nicht Henkersmahlzeit, sondern – wenn der Begriff gestattet ist -  Zwischenmahlzeit, als die vorübergehende essbare Nähe Gottes selbst, etwas sehr Vorläufiges, eine kleine Kostprobe des ewigen Lebens.

 

In welcher Welt leben wir? Sie ist gefüllt mit Kriegslärm und dem stillen, verzweifelten Tod von Kindern, geprägt von den ganz persönlichen Schicksalschlägen – aber für den Glaubenden auch von der Überzeugung: Gott verlässt mich nicht!

 

Im Psalm 23 heißt es: „Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Daran gilt es sich zu erinnern in dieser Stunde und mit den Wort des Psalmisten dankbar zu bekennen: „Du deckst mir den Tisch.“.