Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt am Gründonnerstag 2000

Das höchste Fest des Jahres naht sich. Alles ist bereitet - getreu einem fast 1000 Jahre alten Ritual. Aber dieses Fest soll anders werden: es liegt etwas in der Luft. Die Feststimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man nicht gewillt ist, die Provokation dieses Wanderpredigers aus Nazareth hinzunehmen. Es ist besser, dass einer stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht, hatten die die führenden Männer im Land gesagt. Die Jagd war eröffnet und sie hatten auch schon einen gefunden, der ihn für Geld ans Messer geliefert hat - es gibt Menschen, die tun für Geld alles. Das ist die Situation des Jesus von Nazareth - an diesem Vorabend des Karfreitags.

Er hat seine Jünger eingeladen, mit ihm Pessach zu feiern, so wie es in den Büchern steht, seit viele Jahrhunderten nach dem immer gleichen Ritual. Und dies in dieser Situation! Wüßte ich, dass ich morgen um 15 Uhr am Kreuz hängen würde, könnte ich nichts mehr essen. Ich hätte ganz einfach Angst; wahrscheinlich würde ich mich verkriechen, weinen, schreien, klagen, schweigen, zittern, vielleicht auch beten - oder versuchen, zu fliehen.

Nach dem Evangelisten Lukas eröffnet er das Pessachmahl mit den Worten "Ich habe mich danach gesehnt, dieses Mal mit euch zu halten!" Dieses Mahl ist mehr als ein liebgewonnenes, überliefertes Ritual - dieses Mahl entspringt der Sehnsucht Jesu.

Mit Euch - sagt Jesus. Was für eine Tischgemeinschaft hat er da zusammen:

allen voran Judas, der ihn verraten hat,

Petrus, der vorlautete, der ihn verleugnen wird,

ein Thomas, der zweifeln wird und Beweise sucht,

Jakobus und Johannes, die sich sorgten um die Plätze im Reich Gottes.

Eine nette Gesellschaft!

Und doch gilt: ich habe mich danach gesehnt, ich habe darauf gewartet, mit Euch dieses Mahl zu halten!

Leonoardo da Vinci hat diese Szene des Abendmahls im Mailänder Kloster dalle Grazie gemalt. Goethe beschreibt in seinen Schriften zur Kunst sehr detailliert, wie Leonardo da Vinci dieses Bild in das Refektorium hinein komponiert hat: der Tisch des Abendmahls auf dem Wandfresko steht dem Tisch des Priors gegenüber, dazwischen die Tafeln der Mönche. "Schüssel, Teller, Becher und sonstige Geräte denjenigen nachgeahmt, der sich die Mönche bedienten". "Höchst ungeschickt wäre gewesen", so schrieb Goethe," an dies Ort die heilige Gesellschaft auf Polster auszustrecken. Nein, sie sollte der Gegenwart genähert werden. Christus sollte ein Abendmahl bei den Dominikanern zu Mailand einnehnmen."

Jeder, der den Speiseaal betrat, traf das Wort des Herrn. "Sehnlichst habe ich darauf gewartet, mit Dir Mahl zu halten".

Mit mir ? - mag sich da mancher gefragt haben, der sich selbst besser kannte, als er nach außen schien.

Wir brauchen kein Fresko Leonardo da Vincis in dieser Stunde - es ist wie damals im Abendmahlssaal - Brot und Wein sind bereitet, die Worte von damals werden gesprochen - heute, wie an jedem Sonntag, wie an jedem Tag, an dem wir miteinander Eucharistie feiern.

Hören wir auch in dieser Stunde das Wort des Herrn: "Ich habe mich danach gesehnt, mit Euch dieses Mahl zu halten".

Moment mal, Herr - war da nicht ein Gebot, das mir sagt, dass Gottesdienst angesagt ist, wird nicht die Teilnahme dem gläubigen Katholiken vorgeschrieben , an Sonntagen spricht das Kirchenrecht gar von der "Sonntagspflicht" - also schau her auf mich, wie brav ich dein Gebot erfülle und immer erfüllt habe - mein religiöses Leistungskonto kann sich schon sehen lassen.

Das Argument zerschellt an diesem Wort, das von der Sehnsucht des Herrn spricht. Hier geht es nicht um Leistung, nicht um Verdienst - unsere Versammlung ist eine Antwort auf die Sehnsucht unseres Gottes nach uns Menschen.

"Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch", sagt der Heilige Augustinus. Und es ist heute wie damals im Abendmahlssaal - welche eine Tischegmeinschaft hat sich der Herr da zusammengestellt! Wir mögen Titel tragen, ganz gut dastehen in der Gesellschaft, wir mögen Erfolge unser eigen nennen, uns auf Verdienste in den Augen der Menschen berufen können - unsere Begrenztheit, das Fragmentarische unserer Existenz, das, was uns belastet, uns manchmal das Leben schwer macht, tragen wir nicht nach außen zu Schau. Und doch ist es die Realität unseres Lebens - mit der wir jetzt hier sein können: ich habe auf Dich gewartet, sagt der Herr mir, sagte er jedem und jeder von uns! Ich habe auf Dich gewartet, so wie Du bist! Mit Dir möchte ich Ostern halten!

Es ist seltsam - die beiden Sakramente, die die Kirche immer schon in besonderer Weise mit Ostern verbunden: hat, die Eucharistie und das Bußsakrament sind geprägt von der Sehnsucht Gottes.

Ist es hier der Herr, der auf das Pessachmahl mit seinen Jüngern wartet, so ist es dort der Vater, der voller Sehnsucht an der Tür des Hauses steht und Ausschau hält nach dem Sohn, der zurückkehren wird - davon ist er überzeugt - und dem er ein Fest bereitet!

Die Heimkehr unter dem Vorzeichen der Schuld ist nicht einfach - aber die Heimkehr in die Armes eines Menschen, der auf mich wartet und keine Vorwürfe macht, wird leichter. So ist Gott, sagt das Gleichnis. Er wartet voller Sehnsucht auf die Heimkehr des Sünders.

Nicht ihr habt mich erwählt, ich habe euch erwählt" - sagt Jesus nach der Überlieferung des Johannes im Abendmahlssaal.

Glauben - so meinen wir sei unser Akt, unsere Leistung. Aber: bevor wir uns aufgemacht haben, zu Gott, ist er schon aufgebrochen zu uns; bevor wir uns für ihn entschieden haben, hat er sich schon für uns entschieden. Wir sind "eingezeichnet in die Fläche seiner Hand", heißt es im Alten Testament. Bevor irgendein Menschenwesen über uns entscheiden konnte, hat uns Gott "gewoben im Schoß unserer Mutter". Gott liebt uns, bevor noch ein Menschen uns Liebe zeigen konnte.

Schwestern und Brüder,

als Kinder unserer Leistungsgesellschaft sind wir darauf aus, im Himmel Pluspunkte zu sammeln. Wir tun alles, um Gott zu finden und ihn zu lieben. Wie wäre es, wenn wir den Spieß umdrehen: wenn wir uns von ihm finden ließen, uns nicht vor ihm versteckten, wie Adam im Paradies? Wie wäre es, wenn wir vor aller eigenen Liebesanstrengung uns von ihm lieben ließen, der voller Sehnsucht auf uns wartet? Amen