Wilfried
Schumacher
Pfarrer& Stadtdechant
Predigt an Fronleichnam 2007
Nur das Brot, das geteilt wird, blüht als Rose
Auf eindrückliche Weise
hat ein englischer Journalist auf die unterschiedliche Bedeutung des Brotes
im Norden und im Süden unserer Erde aufmerksam gemacht: Er kaufte ein Brot und
stellte sich damit an beliebte Straßenecken verschiedener Städte. Die Vorübergehenden
forderte er auf, für dieses Brot eine Stunde zu arbeiten. Das Ergebnis: In Hamburg
wurde er ausgelacht, in New York von der Polizei festgenommen. In Nigeria waren
mehrere Menschen bereit, drei Stunden für dieses Brot zu arbeiten. In New Dehli
hatten sich rasch mehrere hundert Personen angesammelt, die alle für dieses
Brot einen ganzen Tag arbeiten wollten.
Für die Armen ist Brot ein Schutz gegen Hunger, ja gegen den Hungertod. Nur
die Reichen und Satten können so tun, als habe Brot für das Leben eine nebensächliche
Bedeutung. Täglich verhungern auf dieser Erde mehr als 50.000 Menschen. Die
Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander.
Vor 800 Jahren gab es ähnliche Zustände: neben den Feudalherrn hatten erstmals
Kaufleute Anteil am Reichtum. Sie wurden immer reicher und übersahen die Armen
vor ihrer Haustür. Da bricht in der kleinen Stadt Assisi ein junger Mann aus
den Strukturen aus, steigt aus aus den Bahnen, die ihm sein reicher Vater vorgezeichnet
hatte: statt in teuren Stoffen steht er arm und nackt vor seinem Bischof, bereit
für ein Leben in Armut. Er verkündet den armen Jesus, angefangen von Krippe
in Bethlehem bis hin zum Tod am Kreuz - für ihn die Manifestation göttlicher
Liebe und Zuwendung gerade für die Armen.
Zu seinen Lebzeiten ist eine junge Frau im deutschen Thüringen angetan von seinem
Lebensbeispiel: Elisabeth, die Frau des Landgrafen - Angehörige der Feudal-Aristrokratie,
die sich dadurch auszeichnet, dass sie hinschaut und das Leid der Armen wahrnimmt.
Sie stellt sich den sozialen Herausforderungen ihrer Zeit. Das Wachstum der
Städte, die soziale Entwurzelung vieler Menschen, Krankheiten, Hunger und Massenelend.
Elisabeth lebt mit den Armen und für die Armen. Das Brot, das zur Rose wird,
als man ihr bei einem Weg zu den Armen nachstellt - wird zum Symbol für ihre
Haltung.
Das Brot, das wir teilen, wird zur Rose, denn es ist mehr als eine Mischung
aus Mehl, Sauerteig und Wasser. Das Symbol hat uns in der Fastenzeit begleitet.
Es soll auch heute unser Thema sein.
Teilen musste auch die Witwe in Sarepta. Ihren Einwand "Ich habe nichts mehr
vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug" lässt der
Prophet nicht gelten.
Teilen war auch angesagt, als sich 5000 Menschen um Jesus versammelten, um ihn
zu hören: "Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische;
doch was ist das für so viele!" Ein Einwand, der beim Herrn kein Gehör findet.
Heute hört man gerne: "man kann nicht allen helfen - und findet sich dadurch
darin bestätigt, nicht helfen zu müssen.
Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt - heißt in einem neuen geistlichen
Kinderlied. Es gibt kein Verstecken hinter der Entschuldigung: "Ich kann sowieso
die Welt nicht ändern!" Aber es gibt auch keine Überforderung! Auch das Geringe
zählt! Und wenn es nur fünf Brote und zwei Fische sind, die schließlich alle
satt machen.
Es gibt ein wunderschönes
Bild von der Brotvermehrung - man sieht Christus in der Mitte - rechts und links
von ihm die Jünger. Christus teilt nach rechts und links aus - und die Jünger
greifen seine Bewegung auf und reichen das Brot weiter an die Menschen.
Heute sitzen im Gras um uns herum die Armen dieser Welt. Bevor wir in die weite
Welt blicken, ist es notwendig, in der Nähe zu bleiben: Caritas und Diakonie
schätzen, dass in unserer Stadt mehrere 1000 Kinder in Armut leben. Gewiss die
Stadtverwaltung und auch die Wohlfahrtsverbände tun viel, um die Not zu lindern,
aber es ist noch nicht genug. Es fehlt an vielen Ecken, zumal die Eltern die
Armut nicht immer offen vor sich hertragen. Armut beschämt viele!
Unser Papst hat gestern darauf hingewiesen, wie wichtig Bildung für die Bekämpfung
der Armut ist. Kirche engagiert sich in dieser Stadt an vielen Orten gerade
auf diesem Gebiet, besonders auch, wenn es darum geht, die Ausbildungschancen
von jungen Menschen zu verbessern. Wir brauchen dabei noch mehr Unterstützung
- nicht nur finanzieller Art.
Aber wir schauen an diesem Tag, wo der G8Gipfel in Heiligendamm tagt, auch auf
die Armen dieser Welt. Denn noch immer lebt ein großer Teil der Weltbevölkerung
unter menschenunwürdigen Bedingungen. Über 100 Millionen Kinder in Entwicklungsländern
können keine Schule besuchen. Nur 20 Prozent der Menschen dort haben Zugang
zu sauberem Trinkwasser, und hygienische Abwasserinstallationen stehen sogar
nur jedem zweiten zur Verfügung. In den 50 ärmsten Ländern der Erde sieht es
noch schlimmer aus: ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung kann weder lesen
noch schreiben, jeder dritte Mensch ist unterernährt, und die durchschnittliche
Lebenserwartung beträgt gerade einmal 52 Jahre. In den vergangenen Jahren haben
Politiker in Nord und Süd zahlreiche Versprechen abgegeben, um diese skandalösen
Zustände zu verbessern. Bis zum Jahr 2015 soll die Armut weltweit in vielen
Bereichen um die Hälfte vermindert werden.
Gemeinsam mit den europäischen Bischöfen appellieren wir an diesem Tag an die
Mächtigen dieser Erde: Halten Sie Ihre Versprechen! Nur das Brot, das geteilt
wird, blüht als Rose - und macht auch den anderen satt!
Nach dieser Messe werden wir das eucharistische Brot in der Monstranz durch
die Strassen dieser Stadt tragen - und wir verbinden damit eine ungeheure Botschaft:
Gott selbst ist für uns zum Brot geworden, zum gebrochenen Brot in der Hingabe
Jesu am Kreuz. Darin "enthüllt sich Gottes Eros zu uns", sagt der Papst. Das
Mittelalter hat Christus in seiner Symbolsprache mit einer Rose verglichen.
Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht. Das eucharistische Brot nimmt
uns in die Pflicht: es macht nur satt, wenn es geteilt wird, wenn wir Gottes
Eros zu uns weitergeben in unserem Eros, unserer Hingabe an die Menschen.