Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an Fronleichnam 1999
Messe auf dem Marktplatz Bonn
Wenn in Moskau der Ministerpräsident abgelöst wird, in Amerika Enthüllungen über den Präsidenten bekannt werden, in Pakistan ein Atomtest durchgeführt wird, in Bonn die Koalition wechselt, die Fusion der Deutschen Telecom mit der Telecom Italia scheitert - immer gibt es eine Institution, die wie ein empfindlicher Seismograph die gesellschaftlichen und möglichen politischen Veränderungen registriert: die Börse.
Die Aktienkurse steigen und fallen nicht allein aufgrund wirtschaftlicher Entwicklungen, viele Unwägbarkeiten bestimmen das Geschäft, politische Veränderungen, Ankündigungen, Spekulationen, Kassandrarufe, alles wirkt sich aus.
Die Börsenwand, die den Hintergrund unseres Plakates bildet, hat schon ihre Berechtigung - sie wird zum Synonym für unsere Gesellschaft!
"Share holder value", heißt die Devise - d.h. das Interesse der Aktienbesitzer steht im Vordergrund, ihre Dividende ist zu mehren - und dies nicht selten auf Kosten der Menschen - sei es durch Rationalisierung, sei es durch Verlagerung der Produktionsstätten, durch Steigerung der Effektivität.
Wer hat, will noch mehr haben - dies ist weitgehend die Devise unserer Gesellschaft.
Dagegen setzen wir am heutigen Festtag das eucharistische Brot - wir tragen den Herrn selbst durch die Straße und rufen allen Menschen zu: "Kostet und seht wie gut der Herr ist, vielleicht sollten wir selbstbewußter sagen: "Wie gut unser Herr ist!"
Welch ein Anspruch und welche einem Bekenntnis - denn indem wir mit dieser Botschaft durch die Stadt ziehen, bekennen wir gleichzeitig auch, wie wir selbst dahinter zurückbleiben!
Ich erlebe heute eine dreifache Botschaft:
Gegen eine satte Welt setzen wir das Gebrochene Brot, das den wirklichen Hunger stillt.
Der Sinn des Lebens ist für viele, daß man etwas vom Leben hat. Glück und Sinn werden in einer nie abreißenden Kette von Einzelerlebnissen gesucht. Statt Da-Sein geht es um das Dabei-Sein. Die Devise lautet: "Erlebe dein Leben!" Die Angst vor Langeweile geht um, die Angst, etwas zu verpassen.
Event/Erlebnis heißt das neue Schlagwort. Das Kaufhaus wird zur Galleria, zum "Erlebnishaus", der Bahnhof zur "Erlebniswelt" mit Gleisanschluß. Ein Blick ins Werbefernsehen zeigt, alles, auch das Alltägliche, das Banale wird zum Erlebnis.
Unsere Welt ist satt geworden - weil alles schon einmal dagewesen, muß das Neue noch höher und teurer und noch verrückter, noch aufregender werden.
Und doch zufrieden werden wir dabei nicht. Denn tief in unserem Inneren gibt es eine Sehnsucht, die durch keinen Event gestillt werden kann - die Sehnsucht, geliebt zu werden und lieben zu können.
Wie oft sind wir in solchen Situation, in denen wir uns dieser Hunger nach Liebe bewußt wurde, schon billig vertröstet worden: wir stehen ja zu dir, heißt es da, wir alle mögen dich, oder du wirst schon noch auf die große Liebe treffen. Steine gab man uns statt des Brotes, das wir gebraucht hätten.
Heute sagen wir uns und allen Menschen in dieser Stadt: Wir haben jemanden in unserer Mitte, der den Hunger nach Liebe stillen kann, weil er selbst in seiner ganzen Existenz ein Zeichen der Liebe Gottes ist: unser Herr Jesus Christus.
Für die wesentliche Dinge des menschlichen Lebens gibt es im wirtschaftlichen Kontext keinen Platz .
Das gebrochene Brot vor der schwarzen Börsenwand nimmt uns in die Pflicht: wir möchten den Menschen diese Liebe unseres Gottes bringen in den Alltäglichkeiten unseres Lebens.
Vielleicht sagen Sie jetzt: das ist Theorie - und ich nenne Ihnen ein praktische Beispiel: jetzt in dieser Stunde, da wir den Gottesdienst feiern, geben rund 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas in dieser Stadt durch ihren Dienst an den Kranken, Alten, Behinderten, Wohnungslosen ein sichtbares Zeichen dieser Liebe - ganz zu schweigen von den vielen Beschäftigten in den kirchlichen Krankenhäusern.
Die anderen Beweise erleben wir alle tagtäglich: rund 30% der Deutschen, so ergab es eine Umfrage, engagieren sich ehrenamtlich. Ganz zu schweigen von den vielen, deren tätige Liebe und Fürsorge in der Familie, am Arbeitsplatz und wo auch immer in keiner Statistik aufscheint.
Gegen die Haltung des Habens und noch mehr Haben-Wollens setzen wir das Gebrochene Brot - Zeichen des Teilens
Wer hat, will noch mehr haben - eine alte menschliche Haltung. Durchbrochen wird sie allein durch das Teilen, das Weggeben, das Verzichten. "So sehr hat Gott die Welt geliebt, das er seinen einzigen Sohn dahingab", sagt die Schrift. Gott hat das ihm Eigenste mit uns Menschen geteilt, seitdem ist das Teilen die Haltung des Glaubenden Menschen schlechthin - dies ist nicht nur bei uns Christen so. Die Juden kennen die Solidarität untereinander ebenso wie die Muslime, die das Almosengeben als ein wesentliches Element ihrer Glaubenspraxis kennen.
Es leuchtet uns ein, mit dem Nächsten zu teilen - auch wenn uns der Sozialstaat diese Verpflichtung oft abzunehmen scheint. Es leuchtet uns auch ein, mit den Notleidenden in Fernen Ländern zu teilen - wieviele tun dies immer wieder bei diversen Spendenaufrufen.
Teilen ist aber nicht nur die Sache des Einzelnen - auch die Staaten untereinander sind aufgerufen zu teilen. "Weil wenige reich sind, sind viele arm" lautet das Motto einer Aktion von Ordensleuten im Zusammenhang mit dem Weltwirtschaftsgipfel der in diesem Monat in Köln stattfindet. Es geht ihnen und vielen Hundertausend Menschen darum den armen verschuldeten Ländern ihre Schulden zu erlassen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Die Option für die Armen - ist eine höchst politische Option. Das Sozialwort der beiden Kirchen spricht eine eindeutige Sprache.
Das gebrochene Brot vor der Börsenwand - in diesem Zusammenhang gibt es keinen größeren Gegensatz!
Gegen den Anspruch auf Perfektion setzen wir das Gebrochene Brot - Zeichen des Gebrochen-Seins
Es muß heute alles perfekt sein. Wir können es kaum noch ertragen, wenn irgendwo Fehler auftauchen.
Wenn wir uns ehrlich selbst betrachten, können wir gewiß Dietrich Bonhoeffer zustimmen, der ein Jahr vor seinem Tod aus dem Gefängnis in Moabit geschrieben hat: "Unsere geistige Existenz bleibt ein Torso. Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht".
Ich erlebe mein Leben als Fragment und nicht vollendet; immer wieder komme ich an Grenzen, die mir gesetzt sind, stoße ich mich an meinen Unfähigkeiten, wird mir bewußt, wie weit ich von der Radikalität des Evangeliums entfernt bin.
Ich werde nie die Bergpredigt leben können, so wie Jesus sie formuliert hat,
ich werde nie alles verlassen und in vollkommener Armut leben können,
ich werde immer Vorbehalte gegenüber anderen haben und jeden Feind zu lieben, wird mir immer Mühe bereiten. Kann ich da noch ehrlich Christ sein?
Das gebrochene Brot vor der Börsenwand ermutigt mich gerade das Fragmentarische meiner Existenz anzunehmen, mir bewußt zu werden und zu sein, daß ich unvollkommen bin und bleibe.
Gleichzeitig höre ich die Aufforderung, so zu leben, daß man dem Fragment meines Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich gedacht ist.
Christen stellen ihr Leben nicht selten unter Leistungsdruck; sie glauben, auch vor Gott zähle nur das Ideal. Viele streben danach, aber geben auf, weil sie es nicht erreichen. Wie befreit könnten sie leben, wenn sie das Fragment ihres Lebens so annehmen würden wie es ist und alles daran setzten, daß man ihm noch ansieht, wie das Ganze der christlichen Existenz eigentlich angelegt, von Christus gewollt ist.
Genau dieses Zeugnis braucht diese Welt!
Ich weiß, wie ich selbst, wie viele Christen in dieser Stadt, wie unsere Kirche immer wieder hinter dem Anspruch, der in dieser dreifachen Botschaft steckt, zurückbleiben.
Aber indem wir uns heute auf die Straße wagen mit dem eucharistischen Brot, wollen wir alle um Vergebung bitten, an denen wir durch Versäumnis schuldig geworden sind.
Gleichzeitig können wir gleich in dem Bewußtsein, daß der Psalmist formuliert hat: "mit meinem Gott überspringe ich Mauern" mit dem Herrn durch die Stadt ziehen und auf das Jahr 2000 zugehen. Unsere Botschaft ist jung geblieben - dort wo sie in der Geschichte und in der Gegenwart von den Menschen gelebt wurde und wird, war und ist sie für alle ein Vorgeschmack und eine Vorfreude auf das, was uns alle einmal erwartet. Amen
© Wilfried Schumacher