Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Fronleichnam 2006
Eure Hoffnungen, Ängste, Leidenschaften, Freuden teilen wir.
Vielleicht gehören Sie auch zu jenen, die vom Fußballfieber gepackt sind und die Spiele der Weltmeisterschaft verfolgen. 32 Mannschaften spielen um die begehrte Trophäe. Überall das gleiche Bild: ein Spiel mit festen Regeln, jeder Spieler hat seinen Platz, soll seinen Teil zum Erfolg der ganzen Mannschaft leisten.
Unser Leben trägt durchaus ähnliche Züge: auch hier hat jeder seinen Platz, wird voller Einsatz verlangt. Auch hier hat jeder viele Mitspieler, die demselben Ziel zustreben, und andere, die sich einem in die Quere stellen. Es ist ähnlich wie auf dem Fußballplatz: egoistisches Spiel, ohne Rücksicht auf die anderen Mitspieler der eigenen Mannschaft führt oft ins "Aus".
Wer jedoch weiß, dass er die anderen nötig hat, der wird sehen, wie es langsam aber sicher vorwärts geht und dass die Gemeinsamkeit schließlich zum Sieg führt. Dabei ist es nicht wichtig, auf welchem Posten ich stehe, entscheidend ist, dass ich ganz bin, was ich bin. Es ist wie beim menschlichen Leib: jedes Glied hat seinen Platz, seine Funktion. Paulus schreibt deshalb einmal: "Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.
So wie am Leib die vielen Glieder, so wie in einer Mannschaft die einzelnen
Spieler, so hat auch in der menschlichen Gemeinschaft jeder seinen Platz. Aber
dies ist nicht das Einzige, was mir auffällt, wenn ich hier am Abend die Fußballspiele
verfolge.
Ich sehe die Menschen hier auf der Tribüne, ich sehe die Menschen in den Stadien
und manchmal auch in den Heimatländern der Fußballmannschaften: da sind eine
ganze Menge, für die ist das Spiel einfach nur "Fun". Sie haben ihren Spaß,
gemeinsam mit anderen, freuen sich über gute Spielzüge und sind enttäuscht,
wenn auf dem Rasen nichts passiert.
Für andere geschieht mehr: sie haben vielleicht sonst nichts zu lachen im Leben, leben auf der Verliererseite der Gesellschaft, plagen sich mit dem, was bei Haartz IV übrig bleibt, oder haben andere als wirtschaftliche Sorgen. Sie identifizieren sich mit ihrer Mannschaft genauso wie die Halbwüchsigen in den Slums von Rio oder der Landarbeiter am Rande von Ouito in den Anden Ecuadors. Da ist man plötzlich mit der Mannschaft ein Gewinner. Mögen die Sorgen auch noch so drücken, endlich ein Grund zum Jubeln. Das Spiel auf dem Rasen lässt den Ernst des Alltags vergessen, macht ihn erträglicher.
Unser Papst hat es schon vor fast 30 Jahren so formuliert und wir haben es in großen Lettern auf das Plakat am Münster geschrieben: Fußball ist zu einem globalen Ereignis geworden, das die Menschen rund um unseren Erdkreis, über alle Grenzen hinweg, in ein und derselben Seelenlage, in Hoffnungen, Ängsten, Leidenschaften und Freuden verbindet. Er hat Recht, so wie der Sieg bejubelt wird, so wird die Niederlage gemeinsam betrauert - nicht nur als der Verlust von Punkten auf der Tabelle. Als ich dieses Wort Benedikt XVI, zum ersten Mal las, kam es mir bekannt vor. Irgendwo hatte ich das schon einmal gelesen: "Hoffnungen, Ängsten, Leidenschaften und Freuden". Es steht fast wortgleich so in den Texten des II.Vatikanischen Konzils über die Kirche: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.
Spätestens da war mir klar - wir gehören an Fronleichnam an diesen Ort, nicht um eines Show-Effektes willen, sondern als Zeichen. Wenn die Menschen sich in diesen Wochen hier und an anderen Orten um den Rasen versammeln, dann möchte ich jedem Einzelnen sagen: "Du interessierst mich, Du interessierst uns. Deine Biografie mit ihren Höhen und Tiefen sind mir, sind uns nicht gleichgültig.
Dann schaue ich in viele Gesichter:
" ich sehe den jungen Menschen, der keine Arbeit findet - allein in unserer
Stadt sind es 900 in diesem Sommer!
" Ich sehe den Obdachlosen und den Drogenabhängigen aus dem Bonner Loch, dessen
Tag keine Struktur hat, und der dort das findet, was die bürgerliche Welt an
anderen Orten sucht: Bekannte und eine gewisse Tagesstruktur!
" Ich sehe die Alleinerziehende Mutter und die jungen Eltern, die alles tun
wollen, damit das Kind gut heranwächst, aber sich nicht selten alleingelassen
und überfordert fühlen.
" Ich sehe den jungen Manager, der bisher nur Erfolg hatte auf der Schule, im
Studium, bei der Jobsuche und der nun einsam feststellen muss: es muss im Leben
noch mehr als den Erfolg geben.
" Ich sehe aber auch die Abiturientin, die das Zeugnis in der Tasche hat und
zuerst einmal zufrieden in die Welt schaut,
" ich sehe die Großeltern, die das Altwerden genießen, genauso wie den verbitterten
alten Menschen, der nicht zurecht kommt mit seiner Situation.
" Ich sehe das frisch vermählte Brautpaar genauso wie die zerstrittenen Eheleute,
die nur noch wegen der Kinder zusammenhalten.
" Ich sehe die Glücklichen ebenso wie die Verzweifelten.
Ihnen alle möchte ich heute gegenüber treten mit dieser Botschaft: Eure Hoffnungen, Ängsten, Leidenschaften, Freuden - nicht nur die auf dem Fußballplatz, sondern die, die euch schlechte Nächte oder gute Tage bereiten, teilen wir. Und dies machen heute deutlich mit einem kleinen Zeichen, das so unscheinbar ist und das nicht einfach zu verstehen ist: mit einem Stück Brot, das wir in einem goldenen Gefäss aus diesem Stadion heraus durch die Stadt tragen: der Leib Christi.
Indem Jesus Brot zu seinem Leib macht und im Abendmahlssaal austeilt, nimmt er seinen Tod vorweg, nimmt er ihn von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe. (Benedikt XVI.) Wir sehen nur die rohe Gewalt der Kreuzigung, für Gott ist es ein Akt der Liebe, die sich selber schenkt, ganz und gar. Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben. So setzt die Wandlung im Abendmahlssaal einen Prozess der Verwandlungen in Gang, "dessen letztes Ziel die Verwandlung der Welt dahin ist, daß Gott alles in allem sei".
Verwandlung ist etwas anderes als Veränderung; im Verändern steckt oft etwas Gewaltsames. Für C.G.Jung ist der Prozeß der Selbstwerdung des Menschen. Ein dauernder, ein lebenslanger Wandlungsprozeß, der erst im Tod zur Vollendung kommt. Er kann nur gelingen, wenn dabei die Liebe den Hass überwindet, die Liebe den Tod besiegt. Nur von dieser innersten Explosion des Guten her, die das Böse überwindet, kann dann die Kette der Verwandlungen ausgehen, die allmählich die Welt umformt, sagt unser Papst.
Verwandlung kann letzlich nur gelingen, aus der Anbetung heraus, wenn der Mensch es aufgibt, sich selbst oder andere zu vergöttern. Genau da ist dies dann der Unterschied zu einem Fußballspiel. Die auf dem Spielfeld Angebeteten werden mein Leben nicht dauerhaft verwandeln.
Bei der Vigil zum Weltjugendtag auf dem Marienfeld hat Benedikt XVI. auf die Drei Könige hingewiesen, die in der Anbetung lernten, dass sie der Sache der Gerechtigkeit, des Guten in der Welt nicht dienen können durch Befehle und von Thronen herab, sondern sie mussten sich selber geben. Sie müssen Menschen der Wahrheit, des Rechts, der Güte, des Verzeihens, der Barmherzigkeit werden. Sie werden nicht mehr fragen: Was bringt das für mich, sondern sie müssen nun fragen: Womit diene ich der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie müssen lernen, sich zu verlieren und gerade so sich zu finden.
Die Anbetung nimmt uns in die Pflicht, damit unser Wort der Teilhabe am Schicksal der Menschen kein leeres Wort bleibt. Anbetung heißt im lateinischen "adoratio" - Berührung von Mund zu Mund, Kuß, Umarmung und so im tiefsten Liebe. Das geschieht also in der Anbetung - sie ist Ausdruck unserer Gottesliebe.
Anbetung - adoratio - Kuss - da werde ich auch erinnert an die große Verwandlung im Leben des hl. Franziskus, der hoch zu Roß einem Aussätzigen vor den Stadttoren von Assisi begegnete. Er stieg vom Pferd, reichte dem Aussätzigen Geld und küsste ihn.
Anbetung - adoratio - Kuss. Da heißt in jeder Hinsicht vom hohen Roß herabsteigen. Anlass unserer Betrachtung waren die Fußballbegeisterten in diesem Stadion. Der Papst hat Recht: wenn wir in die Tiefe gehen, könnte das Phänomen einer fußballbegeisterten Welt uns mehr geben als bloße Unterhaltung.