„Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“
Fronleichnam 2005
Wir bekommen Konkurrenz. Spätestens ab dem August dieses
Jahres, wenn Hundertausend junge Menschen in den Kirchen, auf den Plätzen
und in den Strassen dieser Stadt den Weltjugendtag feiern, wird die Fronleichnamsfeier
nicht mehr die größte öffentliche kirchliche Feier sein.
Manch einem in der Kirche bangt es vor diesem Mega-Event in 82 Tagen. Wird es
ein kirchliches Woodstock werden? Oder wird es geprägt sein von Gottesdienst
und Gebet, vom Zusammensein im Glauben, vom Sakrament der Versöhnung, von
der Anbetung?
Mich wundert es nicht, dass der Weltjugendtag bei vielen Menschen auch außerhalb
der Kirche auf grosses Interesse stößt. Auch in einer durch Großdemonstrationen
erprobten Stadt sind die erwarteten Zahlen keine Kleinigkeit. Unsere Erlebnisgesellschaft
mag solche Events. Hauptsache, die Menschen fühlen sich wohl. Von den Wahrheiten
spricht dann keiner, mögen sie auch noch so bedrückend sein. Von der
einen Wahrheit, die auch noch geprägt ist durch das Kreuz, schweigen wir
erst recht.
Papst Benedikt XVI. vertraut auf die Jugend. Es ist gar
nicht wahr, daß die Jugend vor allem an Konsum und an Genuß denkt,
sagt der Papst in seiner ersten Audienz für deutsche Pilger. Es ist
nicht wahr, daß sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil
ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will das Gute. Und deswegen ist
die Jugend auch wieder ganz offen für Christus.
Das gilt gewiss so allgemein nicht für die breite Masse. Aber die heutigen
Jugendlichen sind religiöser als wir denken.
Nach Aussagen der Shell-Studie von 2002 engagieren sich immerhin 19% der Jugendlichen
in der Kirche, vergleichsweise sind dies in Parteien nur 3 %. Wie viel Tausende
Jugendlicher setzen sich in unserer Kirche als Messdiener ein, in der Jugendarbeit,
in Jugendchören.
Die Religiosität der Jugendlichen aber kommt auch zum Vorschein in ihren
großen Hoffnungen und Sehnsüchten.
Sie wollen nicht nur ein bisschen Friede und ein bisschen Liebe, sondern suchen
das Leben in Fülle. Gerade in den Erwartungen an einen geliebten Menschen,
an seine Treue und Verlässlichkeit, werden diese aneinander gestellten
„himmlischen Erwartungen“ allzu deutlich.
Es ist für junge Menschen heute ein weiter Weg, die Botschaft davon in
der christlichen Gemeinde zu hören. Denn anders als in früheren Jahrzehnten,
müssen sie heute bewusst zum christlichen Glauben umkehren und sich zu
ihm bekennen. Denn trotz hoher Taufzahlen werden sie nicht mehr in eine christliche
Glaubenspraxis hineingeboren und hinein erzogen.
Besonders die jungen Menschen in unserem Land brauchen das Beispiel der vielen
hunderttausend jungen Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt, um zu verstehen,
dass das Leben in Fülle sich nicht in materiellen Dingen erschöpft
„Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“
mit diesem Motto kommen die Jugendlichen im August aus aller Welt in unsere
Stadt und unsere Region. Sie laden uns ein, dass wir ihren Pilgerweg mitgehen
– nicht erst am 15. August, sondern schon heute wo wir uns auf einen Weg
durch unsere Stadt machen.
Unser persönlicher Pilgerweg aber fängt schon früher an.
Als das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste Station machte, lud
Mose seine Brüder und Schwestern in einer Predigt, aus der wir eben im
Buch Deuteronomium gehört haben, ein: „Du sollst an den ganzen Weg
denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der
Wüste geführt hat“.
Und er erinnerte an böse Erfahrungen, die sie gemacht hatten. Er sprach
von
großen und furchterregenden Wüsten, Feuernattern und Skorpionen,
von ausgedörrtem Land, wo es kein Wasser gab.
Starke Bilder, die uns vielleicht erinnern an eigene Lebenserfahrungen. Stunden,
Tage, Wochen, vielleicht Jahre, die nicht so schön waren, unangenehm, bitter,
aussichtslos, Angst machend, ohne Hoffnung.
* Sand soweit man sehen konnte –
* Blitzschnelle Gefahren, die man nicht hat kommen sehen, und in ihren Auswirkungen
sehr langwierig,
* ausgetrocknet, ohne einen Funken Leben in sich.
Der Pilgerweg des Menschen ist kein Spaziergang – er kennt
gerade auch diese Erfahrungen.
Und vielleicht ist es gerade dies, was uns miteinander
verbindet – die alten mit den jungen, die Frommen mit den Lauen, die Gläubigen
mit den Ungläubigen, die hier in der Mitte mit denen am Rande.
Mose sagt: schaut es euch an! Und ich möchte hinzufügen, haltet den Blick darauf aus
Mose lässt uns nicht im Jammertal, in dem wir so gerne
sitzen. Er spricht auch von den anderen Erfahrungen:
* daß der Mensch nicht nur von Brot lebt,
* von der Befreiung aus der Sklaverei;
* vom Wasser, das plötzlich, unverhofft und unvermutet aus dem Felsen hervorsprudelte;
* vom Brot, das ebenso unvermutet den Hunger gestillt hat.
Und wieder sind es Bilder, die wir aus unserer Biografie kennen. Befreiung von
Abhängigkeiten, Erfrischendes in großer seelischer Anstrengung, Nahrung,
wenn die eigenen Reserven ausgehen.
Der Pilgerweg des Menschen ist kein gemächlicher Spaziergang.
Er kennt auch solche Stunden, in den man innerlich und auch äußerlich
Luftsprünge machen möchte. Auch dieses verbindet
uns miteinander– die alten mit den jungen, die Frommen mit den Lauen,
die Gläubigen mit den Ungläubigen, die hier in der Mitte mit denen
am Rande.
Mose sagt: schaut es euch an! Und ich möchte hinzufügen, zieht die
rechten Schlüsse daraus.
Was Ihr erlebt habt, was wir erlebt haben ist kein Zufall, kein Schicksal, sondern erzählt von Gottes Handeln an uns. Mit dieser Erfahrung kommen die jungen Menschen zu uns und überraschen uns: Wir sind gekommen, um ihn anzubeten.
In der Anbetung wendet sich der Mensch bewusst dem Schöpfer
zu, der ihn mit der Gabe des Seins beschenkt. In der Anbetung sind deshalb nicht
nur die guten Stunden präsent, auch die scheinbare Abwesenheit Gottes hat
dort ihren Platz. In der Anbetung wird die Welt, die große und meine kleine
Welt, so wie sie ist, Gott übergeben. Die Welt wird nicht gespalten in
Gut und Böse, in Richtig und Falsch. Sie gehört ihm und keinem der
Götzen dieser Welt, die wir so gern verehren.
Die Anbetung des wahren Gottes stellt einen wahren Akt des Widerstandes
gegen jegliche Form des Götzendienstes dar. sagt Papst Johannes Paul
II. in seiner Einladung zum Weltjugendtag.
In der Anbetung wird das Leben offen gehalten auf seine letzte Bestimmung. Wer Gott anbetet, nimmt Abschied von den selbstgemachten Zielen, und fragt stattdessen nach dem, was Gott von ihm erwartet. Anbetung wird so zum Ausdruck der Freiheit der Kinder Gottes.
So wie die Anbetung aus
dem Leben in der Welt heraus geschieht, so führt sie auch in die Welt zurück.
Die heilige Edith Stein schreibt in einem Brief. „Je tiefer jemand in
Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinne aus sich herausgehen,
d.h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen.“
Wenn wir heute anbetend durch die Stadt ziehen, will uns dies bei aller Fremdheit,
das unser Tun bei manchem Zaungast hat, nicht aus der Stadt heraus, sondern
in sie hineinführen, nicht von den Menschen weg, sondern zu den Menschen
hin.
Wer heute mitgeht, muss wissen: Es ist uns nicht gleichgültig, wenn Menschen
in unserer Stadt, in unserem Land, auf dieser Welt die Erfahrung machen von
großen und furchterregenden Wüsten, Feuernattern und Skorpionen,
von ausgedörrtem Land, wo es kein Wasser gibt.
Wir werden es benennen und nicht eher ruhen bis sie auch Befreiung von Abhängigkeiten,
Erfrischendes in der Wüste und Nahrung für Leib und Seele erhalten.
Der Pilgerweg des Menschen ist kein Spaziergang – auch unsere Prozession
nicht.