Das Münster – ein europäisches Monument
Predigt zum Abschluss des Festjahres 2.5.2004
Übertragung im Domradio
„Das Münster ist ein europäisches Monument“, hat der unvergessene
Bonner Kunsthistoriker Lützeler einmal gesagt. Das Münster war –
so Lützeler -architektonisch offen zu den Kirchen in Köln und in Xanten,
zur Maas und zu Burgund hin. Das sei nicht mit dem dümmlichen Terminus
"Einfluß" abzutun. Vielmehr zeige sich darin Weitblick an, Teilhabe
an einer europäischen Bewegung, über alles Ortsgebundene hinaus. Das
Münster, so folgert er, ist eben keine kleinbürgerliche Kirche, sondern
ein europäisches Monument.
Am 2.Tag eines neuen, größeren Europas erinnere ich gerne an eine
solche Feststellung. Wer durch unser Münster geht, spaziert gleichsam durch
eine Landkarte Europas:
• unsere Patrone Cassius und Florentius waren römische Soldaten,
außerhalb Europas geboren
• die hl. Helena, die legendäre Kirchengründerin, kam aus Bythinien
in Kleinasien, der heutigen Türkei, die sich mehr nach Europa hingezogen
fühlt als nach Asien
• der hl. Martin, der seit 1814 auch Patron der Kirche und der Gemeinde
ist, kam aus Ungarn und war schließlich Bischof von Tours in Frankreich.
Der Altar hier rechts vom Vierungsaltar zeigt den Heiligen Nepomuk, der 1393 in Prag hingerichtet wurde und dem man diesen Altar kurz nach seiner Heiligsprechung 1729 weihte.
Das Mosaik in der Apsis, das immer wieder die Blicke anzieht, stammt aus einer Werkstatt in Venedig, die alte Kommunionbank im Hochchor wurde nach einem Entwurf eines in Utrecht lebenden Bildhauers gefertigt.
Im rechten Querschiff steht ein Reliquiar mit den Gebeinen des Seligen Heinrich von Bonn, der als Anführer der rheinischen Kreuzfahrer 1147 im Kampf gegen die Sarazenen fiel. Die Reliquien dieses Seligen wurden 1967 vom Patriarchen Lissabons dem Münster geschenkt.
Der Magdalenen-Altar ist das Werk eines Hans von Aachen, der 1592 als Hofmaler in Prag arbeitete.
Das Münster – in jeder Hinsicht ein europäisches Monument!
Wer heute von Europa spricht, muss von seiner Vielfalt reden.
Zuerst einmal von den verschiedenen Wurzeln
# die griechische Wurzel -
mit ihrem wichtigsten Sproß; der "Demokratie". Sie ist nicht
bloß Volksherrschaft in der Beliebigkeit von Mehrheiten. Platon hat schon
gesagt, dass sie an die "Eunomie" - an das „gute Recht“
gebunden ist, an Werte, die auch die Mehrheit binden.
# die christliche Wurzel -
"Komm herüber nach Mazedonien, hilf uns" (Apg 16,6), so bittet
ein Mazedonier im Traum den Apostel Paulus, der daraufhin seine Mission auch
auf Griechenland und später Rom ausdehnt. Ihm gelingt die Verkündung
Jesu Christi in einer Synthese zwischen dem Glauben Israels und dem griechischen
Geist.
# die lateinische Wurzel -
391 wird das Christentum Staatsreligion. Das römisches Recht hält
Einzug auch in die Kirchenverfassung. Als 529 die Philosophenschule in Athen
geschlossen wird, entsteht in Monte Cassino mit dem Benediktinerorden ein neuer
Kulturträger.
Die "Res publica christiana" des Mittelalters stellte sich dar in
einem Rechtssystem, das Stämme und Nationen übergreifend war, in einer
gemeinsamen Kultur, in Universitäten, deren Gelehrte für uns kaum
vorstellbare Wege zurücklegten und so zeigten, dass es für das Wissen
keine Grenzen gibt. Die Konzilien des Mittelalters sind so etwas wie „europäische
Konferenzen“ gewesen.
# die Wurzel der Neuzeit -
Wir sehen, wie die Freiheit des Glaubens jetzt in der Unterschiedenheit von
bürgerlicher Rechtsordnung Gestalt annimmt. Kirche und Staat sind nicht
mehr eins.
Die Menschenrechte werden formuliert, ursprünglich theonom begründet
mit der Schöpfung Gottes. Die Vernunft wird zum Gegenspieler des Glaubens.
Eine sogenannte "autonome Vernunft" vergisst schließlich die
eigenen Wurzeln.
.
Wenn wir von Europa reden, müssten wir auch von den verschiedenen Sprachen sprechen, von den unterschiedlichen christlichen Konfessionen auf diesem Kontinent.
Wir müssen erwähnen die von Europa ausgehende Mission mit ihrer Bedeutung
für die Entwicklung der Völker ebenso wie den damit verbundenen Kolonialismus
und die Ausbeutung der Menschen.
Wir könnten sprechen von der technisch-industriellen Revolution, deren
Kehrseite die Verelendung der Massen im 19.Jahrhundet war.
Und wir müssten reden von den beiden Weltkriegen, die im Herzen Europas
entstanden sind.
Die Beispiele zeigen, wer von Europa spricht, muss von seiner Vielfalt reden.
Was bedeutet angesichts dessen die europäische Einigung?
Thomas von Aquin gebraucht für die Einheit ein schönes Bild. Er spricht
von der Symphonie, die entsteht durch das Miteinander verschiedener Töne.
(Th.v.A. - Sententia Politic., lib. 2 l. 5 n. 2)
Das Neue Testament kennt ein anderes Bild. Paulus spricht vom Leib mit seinen vielen Gliedern. (1 Kor 12). Für Paulus ist die Kirche ein solcher Leib, dessen Haupt Christus ist. Wenn wir uns auf dieses alte biblische Bild des Leibes mit seinen vielen Gliedern besinnen, dann könnte es uns helfen, auch zu sehen, wie die Einheit Europas wohl verstanden werden soll.
Die Einheit gibt es nur in der Vielfalt. Sie beginnt damit, dass wir die Verschiedenheit
anerkennen und als Bereicherung erfahren;
Sie besteht darin, dass wir die Unterschiedlichkeiten akzeptieren – nicht
indem wir sie als solche belassen, sondern sondern indem wir im Bewußtsein
der Unterschiedlichkeiten Brücken zueinander zu bauen, Grenzen niederreißen
im Bewußtsein des Anderssein des anderen.
Wir spüren, was von Europa gesagt wird, gilt auch für unseren Mikrokosmos, für unsere kleine Welt, für unsere Beziehungen, für unser alltägliches Leben.
Wir erleben Unterschiedlichkeiten:
* im Äußeren
* im Geschlecht
* in der Herkunft
* in der Religion/Konfession
* in der Bildung
* in den Fähigkeiten
* in den Interessen
* im Stand
usw.
Kein Zweifel: wir stoßen uns daran, reiben uns, ärgern uns, wir erleben die Grenzen und Begrenzungen. Wie schnell sind wir bei der Hand mit Worten wie „der muss so werden wie ich, die muss so denken wie ich, so fühlen wie ich“.
Erinnern wir uns an das Bild des hl. Thomas: Eine Symphonie geschieht nur durch das Miteinander unterschiedlicher Töne. Ein Leib kann nur leben, wenn er unterschiedliche Glieder hat.
Das Bonner Münster ist wahrlich ein europäisches Monument –
nicht nur was seine Architektur angeht, die Heiligen, die hier verehrt werden,
die Künstler, die an seiner Ausstattung mitgewirkt haben.
Die vielen Menschen, die sich hier täglich zusammenfinden zum Gebet und
zum Gottesdienst, werden zu einem Zeichen dafür, wie Einheit in der Vielfalt
möglich ist – in unserer kleinen Welt wie im großen Europa.
Vor allem aber im Bekenntnis des einen Gottes – gerade dies würde
Europa gut tun. Amen