Belebe deine Wurzeln – eine Zukunft für Europa
Messe aus Anlass der Erweiterung der europäischen Union
9.5.2004
„Das Münster ist ein europäisches Monument“, hat der unvergessene
Bonner Kunsthistoriker Lützeler einmal gesagt. Das Münster war –
so Lützeler -architektonisch offen zu den Kirchen in Köln und in Xanten,
zur Maas und zu Burgund hin. Das sei nicht mit dem dümmlichen Terminus
"Einfluß" abzutun. Vielmehr zeige sich darin Weitblick an, Teilhabe
an einer europäischen Bewegung, über alles Ortsgebundene hinaus. Das
Münster, so folgert er, ist eben keine kleinbürgerliche Kirche, sondern
ein europäisches Monument.
Darin erinnere ich gerne in diesem Gottesdienst, der Europa zum Thema hat.
Wer heute von Europa spricht muss von seinen verschiedenen Wurzeln reden
# die griechisch - antike Wurzel -
mit ihrem wichtigsten Sproß; der "Demokratie". Sie ist nicht
bloß Volksherrschaft in der Beliebigkeit von Mehrheiten. Platon hat schon
gesagt, dass sie an die "Eunomie" - an das „gute Recht“
gebunden ist. Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht
schaffen kann.
# die christlich - griechische Wurzel -
"Komm herüber nach Mazedonien, hilf uns" (Apg 16,6), so bittet
ein Mazedonier im Traum den Apostel Paulus, der daraufhin seine Mission auch
auf Griechenland und später Rom ausdehnt. Ihm gelingt die Verkündung
Jesu Christi in einer Synthese zwischen dem Glauben Israels und dem griechischen
Geist.
Hier müssen wir die Überzeugung ansiedeln, dass die Würde des
Menschen unantastbar ist, weil der Mensch von Gott geschaffen, geliebt, erlöst,
begabt und berufen ist. Gott hat jeden Menschen zu seinem Ebendbild geschaffen
und dadurch mit einer unantastbaren Würde ausgestattet. Egal ob krank oder
gesund, leistungsstark oder behindert, noch im Mutterleib oder sterbend, Mann
oder Frau, arm oder reich. Gleich welcher Hautfarbe oder Kultur.
# die christlich - lateinische Wurzel -
391 wird das Christentum Staatsreligion. Das römisches Recht hält
Einzug auch in die Kirchenverfassung. Als 529 die Philosophenschule in Athen
geschlossen wird, entsteht in Monte Cassino mit dem Benediktinerorden ein neuer
Kulturträger.
Die "Res publica christiana" des Mittelalters stellte sich dar in einem Rechtssystem, das Stämme und Nationen übergreifend war, in einer gemeinsamen Kultur, in Universitäten, deren Gelehrte für uns kaum vorstellbare Wege zurücklegten und so zeigten, dass es für das Wissen keine Grenzen gibt. Die Konzilien des Mittelalters sind so etwas wie „europäische Konferenzen“ gewesen.
# die christlich – slawische Wurzel
Im 9. Jahrhundert wirkten die Brüder Cyrill und Methodius im byzantinischen
Reich: Um die slawischen Völker zu evangelisieren, schufen sie ein Alphabet
für ihre Sprache. So konnte die kulturelle Identität dieser Völker
gewahrt werden.
# die Wurzel der Neuzeit -
Wir sehen wie die Freiheit des Glaubens jetzt in der Unterschiedenheit von bürgerlicher
Rechtsordnung Gestalt annimmt. Kirche und Staat sind nicht mehr eins. Die Menschenrechte
werden formuliert, ursprünglich theonom begründet mit der Schöpfung
Gottes. Die Vernunft wird zum Gegenspieler des Glaubens. Eine sogenannte "autonome
Vernunft" vergisst schließlich die eigenen Wurzeln.
Ein Blick auf die Wurzeln lässt uns aber auch von der Zukunft Europas
sprechen:
Wer auf die Geschichte Europas schaut, sieht bei aller Unzulänglichkeit
immer Menschen am Werk, die einen Plan im Herzen trugen, den Johannes uns in
seiner Offenbarung übermittelt. Eine Stadt ohne Trauer, ohne Klage, ohne
Mühsal. Das himmlische Jerusalem. Eine großartige Vision, die nicht
nur der Zukunft vorbehalten bleiben soll. Mitten unter uns soll die „Neue
Stadt“ Wirklichkeit werden.
Die gotischen Baumeister Europas bauten die Dome und Kathedralen als „Abbilder
des Himmels“, steinerne Zeugen dieser Vision – sei es in Köln,
in Paris, in Straßburg, in Canterbury, in Mailand oder Toleda. Sie bauten
den Veitsdom in Prag, den Mariendom in Riga(1211 begonnen), die Matthiaskirche
in Belgrad(1250 begonnen), die Marienkirche in Krakau – oder in seinen
letzten Bauphase das Bonner Münster.
Der „Stadtplan“ des himmlischen Jerusalems ist auch ein Plan für
das Europa der Zukunft. In ihm brauchen wir die unbedingte Wertschätzung
des einzelnen Menschen.
Wir müssen beklagen, dass Gott nicht einmal in der Präambel der Europäischen
Verfassung Platz gefunden hat. Es scheint, als ob Europa sicht scheut, seine
Wurzeln beim Namen zu nennen.
Als Christen darf es uns aber nicht hindern, unseren Glauben in diesem Europa
zu bezeugenn. Wir wissen aus der jüngsten Vergangenheit, dass der Mensch,
der sich von Gott emanzipiert, sich selbst, irgendeine Idee, eine Sache zu Gott,
zum letzten Maßstab machen muss.
In dieser Anmaßung meint er auch über menschliches Leben verfügen
zu können. Der Mensch, der sich selbst als Gott aufspielt, tötet am
Ende Menschen.
Papst Johannes Paul sprach vor wenigen Wochen anlässlich der Verleihung des Karlspreises von seinem Traum von Europa: „Ich denke an ein Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen, in dem die Nationen als lebendige Zentren kulturellen Reichtums wahrgenommen werden, der es verdient, zum Vorteil aller geschützt und gefördert zu werden.“
Thomas von Aquin gebraucht für die Einheit ein schönes Bild. Er spricht von der Symphonie, die entsteht durch das Miteinander verschiedener Töne. (Th.v.A. - Sententia Politic., lib. 2 l. 5 n. 2)
Das Neue Testament kennt ein anderes Bild. Paulus spricht vom Leib mit seinen
vielen Gliedern. (1 Kor 12).
Für Paulus ist die Kirche ein solcher Leib, dessen Haupt Christus ist.
Wenn wir uns auf dieses alte biblische Bild des Leibes mit seinen vielen Gliedern
besinnen, dann könnte es uns helfen, auch zu sehen, wie die Einheit Europas
wohl verstanden werden soll.
Die Einheit gibt es nur in der Vielfalt. Sie beginnt damit, dass wir die Verschiedenheit
anerkennen und als Bereicherung erfahren;
Sie besteht darin, dass wir die Unterschiedlichkeiten akzeptieren – nicht
indem wir sie als solche belassen, sondern sondern indem wir im Bewußtsein
der Unterschiedlichkeiten Brücken zueinander zu bauen, Grenzen niederreißen
im Bewußtsein des Anderssein des anderen.
Man spricht man vom geeinten Europa und denkt dabei in erster Linie an das
geographische, das politische, das wirtschaftliche Europa, das Europa des Euro.
In seinem apostolischen Schreiben fordert der Papst aber auch eine geistige
Erneuerung und eine geistige Einheit des Kontinents.
Ein solches erneuertes Europa, das seine Wurzeln belebt,
kann nicht für sich selbst leben. Es ist keine große bequeme Insel.
Der große Süden der Welt, Afrika, sitzt gleichsam wie der arme Lazarus
vor der Tür des reichen Europäers, der herrlich und in Freuden lebt.
Afrika ist der erste Kontinent, dem Europa begegnet auf dem Weg zu zwei Dritteln
der Menschheit, die von jedem Wohlstand ausgeschlossen sind.
Ein erneuertes Europa, das seine Wurzeln belebt,
muss zur Welt vom Frieden sprechen. Ein solch riesiger Kontinent, in dem 450
Millionen Menschen in Frieden miteinander leben, kann nicht übersehen,
dass es immer noch 33 Konfliktregionen auf dieser Erde gibt. Der Krieg ist der
Vater der Armut. „Entwicklung ist der neue Name für Frieden“,
sagte Paul VI. Ein größeres Europa darf nicht nur die Vermehrung
des eigenen Wohlstands im Blick haben.
Johannes Paul II sagt in seinem Traum von Europa: „Ich denke an ein Europa, in dem die großen Errungenschaften der Wissenschaft, der Wirtschaft und des sozialen Wohlergehens sich nicht auf einen sinnentleerten Konsumismus richten, sondern im Dienst eines jeden Menschen in Not sowie der solidarischen Hilfe für jene Länder stehen, die ebenfalls das Ziel der sozialen Sicherheit verfolgen.
Ein erneuertes Europa, das seine Wurzeln belebt,
muss den Wert der Familie achten. Bei allem Verständnis, das man für
nicht eheliche Gemeinschaften in der Gesellschaft aufbringt, allein die die
Familie ist die Institution, die offen ist für das Leben und ein Ort selbstloser
Liebe. Sie schützt die Kinder und Jugendlichen und auch die älteren
Menschen.
Europa ist eine große Aufgabe – nicht nur für unsere Politiker.
Das Bonner Münster ist wahrlich ein europäisches Monument –
mich fasziniert an ihm immer wieder wie es entstanden ist aus einer Auseinandersetzung
mit den jeweiligen großen geistigen Strömungen in der Gesellschaft.
Die Menschen, die das Bonner Münster bauten, rissen nicht einfach die alten
Mauern nieder, ersetzten Romanisches durch Gotisches. Sie versuchten vielmehr,
beide Stile miteinander zu verbinden. So finden wir in unserem Gotteshaus eine
gelungene Synthese vor, einen Raum, der altes und neues miteinander verbindet.
Ich glaube, die Menschen hier spüren, dass das Münster von seiner
Architektur her sehr ihrer Lebenswirklichkeit entspricht.
Im Alltag unseres Lebens, in der Ausbildung, in der Erziehung unserer Kinder,
an unserem Arbeitsplatz sind wir immer gefordert, unsere eigenen Biografie mit
einzubringen, unsere Erfahrungen, vor allem auch unsere Verletzungen und Verwundungen,
und gleichzeitig müssen wir auf der Höhe der Zeit sein.
Wir können unsere Vergangenheit nicht abstreifen wie ein altes Hemd. Wir tragen sie mit uns und in uns wie etwas ganz Kostbares. Aber „wir brauchen nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben“, schreibt Christian Morgenstern in einem seiner Gedichte. „Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“
In diesem Sinn: beleben wir unsere Wurzeln und bauen wir mit an der Zukunft Europas. Amen
Vergebungsbitte aus der Liturgie - hier