Pfarrer & Stadtdechant
10.September 2000 Münsterbasilika Bonn
Wer Bonn noch nicht gesehn,
der sag auch nichts von Bonn!
Man mag's Elysien, man mag's Helikon,
man woll' es Kanaan, man woll' es Zypern nennen.
Man laß' es für dasLand der gold'nen Zeit erkennen.
Bonn ist es in der Tat, denn was nur groß und schön,
das ist in dieser Stadt und seinem Schloß zu seh'n.
Gebäude, Türme, Kirch', Basteien, Mauern, Wälle,
Paläste, Gärten, Gäng', Alleen, Wasserfälle,
Ställ', Pferde, Porzellan, Gemälde, Galerie,
Gold, Silber, Marmorstein', und alles sieht man hie.
Und nicht genug, August will es noch besser schauen!
Augustus will sein Rom, Bonn Clemens schöner bauen.
Das Gedicht eines Zeitgenossen, Friedrich Wilhelm Wolshofer, der mit seinem Herrn Bonn und den Kurfürsten Clemens August besuchte.
Ein wenig übertrieben - vielleicht;
Aber voller Bewunderung für diesen Kurfürsten, dem die Stadt so viele schöne Bauten verdankt!
Gottesdienst feiern heute -
Im Gedenken an diesen Kurfürsten !
Nicht als fromme, religiöse Verzierung auf der Festtagstorte,
sondern als Ausdruck des Lebensgefühls dieser Stadt,
der Gottesdienst gehört mit dazu -
wir stehen mit beiden Beinen auf der Erde, mitten in dieser Welt -
und wissen den Himmel über uns offen -
wir haben eine Zukunft, die größer ist als unsere begrenzte Welt.
Dies wollen wir nun miteinander feiern!
Wir wollen uns sammeln am Beginn dieser Messe -
Unseren von tausend Sorgen zerissenen Geist zur Ruhe kommen lassen -
Wir wollen uns bergen im Erbarmen Gottes, von dem der Chor nun singt!
Taubstumm sein - das heißt ohne Kommunikation mit der Welt sein. Es kommt Nicht s hinein in den Menschen,. Vieles erreicht sein Ohr, aber nichts dringt herein. Genausowenig wie etwas aus dem Menschen herauskommt. Gewiss ein schlimme Behinderung, die heute dank moderner Technik gelindert werden kann. Für den Mann im Evangelium war diese Behinderung gleichbedeutend mit dem Ausstoß aus der Gesellschaft.
Der Riss im Himmel - so waren und sind die Veranstaltungen zum 300. Geburtstag von Clemens August überschrieben. Der Riss beschreibt vor allem die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Zeit des Kurfürsten ein Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Kräfte, Störungen in der Kommunikation vor allem auch zwischen Kirche und Lebenswelt der Menschen.
Hier die höfische Kultur mit ihrem eigenen Lebensstil dort die ersten Ideen der Aufklärung
Hier das Gottesgnadentum der Herrscher dort der Aufstieg des Bürgertums
Hier prächtige Schlösser und große Gartenanlagen dort die dürftigen Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten
Das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert von Clemens August, war geprägt von großen Naturwissenschaftlichen Fortschritten, man entdeckte die Bausteine von Natur und Mensch, untersuchte den Himmel. Die Physiker beschäftigten sich mit der Elektrizität und die erste elektrische Stromquelle wurde erfunden, die Chemie suchte nach den kleinsten Elementen der Natur, die Vermessung der Erde geschah nach einem Maßsystem, das bis heute Gültigkeit hat.
Eine neue Zeit bricht herein! Die Suche nach den Ursprüngen in der Wissenschaft stößt religiöse Tabus über Bord. Nicht mehr die Bibel liefert das Erklärungsmuster für offene Fragen, die Wissenschaft kann mehr und mehr mit ihren eigenen Methoden Antworten geben. Die Kirche sollte lange brauchen bis sie die Kommunikationsstörungen überwunden hatte. Die sollte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zaghaft beginnen, etwa mit der ersten Sozialenzyklika Leo XIII..
Heute stelle ich wieder solche Kommunikationstörungen.fest:
Zwei Beispiele:
Der Wissenschaft ist die Dechiffrierung des menschlichen Genoms gelungen. Die DNS-Information gibt alles wieder: Haut- und Augenfarbe, Geschlecht, Konstitution, Gesundheit, Krankheit, Charakter.
Mit Eifer stürzt sich die Wissenschaft auf dieses Thema - ein Mensch ohne lebensbedrohende Krankheit, ohne Behinderung - ist das nicht ein alter Traum der Menschheit.
Schon heute ist es möglich sein, schon in den ersten Lebenswochen mögliche Behinderungen des Menschen als wahrscheinlich zu prognostizieren, und die Bio-Mediziner setzen alles daran, die Ergebnisse zu verfeinern.
Dann wird man bald wissen können, welche Krankheiten den werdenden Menschen erwarten. Aber wohin führt das? Wohin kann das führen?
Bei einem Vortrag vor dem Wissenschaftsforum Berlin hat in der vergangenen Woche der Schriftsteller Adolf Muschg gewarnt, der Staat werde kostenträchtiges Leben früh zu erkennen trachten, zwar nicht gleich als lebensunwert disqualifizieren, aber gewiss auch nicht fördern. Nach dem Motto "Wer jetzt noch krank ist, hat selber Schuld.". Gewiss, es gibt Enquete-Komissionen und ethische Berater - aber ich frage trotzdem: gibt es da noch eine echte Kommunikation zwischen Wissenschaft und Ethik, oder macht sich die eine nicht ohne die andere auf den Weg mit Konsequenzen, die noch nicht abzusehen sind.
Ein anderes Beispiel: Der Ladenschluss wird zur Zeit wieder einmal diskutiert. In der Woche soll länger geöffnet sein, vorerst am Wochenende noch nicht, aber dieser Schritt wird gewiss bald folgen. Nun kann man berechtigt fragen, gibt das die Kirche etwas an, in anderen Ländern wird es auch so praktiziert.
Dürfen wir es zulassen, dass unter dem Vorwand der Liberalisierung unser Leben gleichgeschaltet wird, es keinen Sonn- und keinen Werktag, keinen Arbeitstag und keinen Feiertag mehr gibt.
Der Ruhetag, das große Geschenk der jüdischen Tradition an die Menschheit, wird auf dem Altar einer Gesellschaft geopfert, die nicht mehr zur Ruhe kommen will.
Dürfen wir es zulassen, dass der Rhythmus von Arbeit und Entspannung, zwischen Arbeitstag und Feierabend nur noch individualistisch geregelt wird, keinen gesellschaftlichen Konsens mehr findet? Es scheint also ob der Mensch zum Sklave der Maschinen wird, die er selbst entwickelt hat. Es gönnt sich ebenso wenig Ruhe wie den Maschinen.
Vor einigen Jahren haben die Kirchen ihr gemeinsames Sozialwort veröffentlicht. Es hat damals sehr viel Applaus bekommen- aber das war es dann auch! Auch hier stelle ich Kommunikations-störungen fest.
Das Jubiläum des Kurfürsten mag uns darauf aufmerksam machen: die Risse im Himmel sind nicht weniger geworden.
Aber wir wollen den Blick nicht nur auf die großen gesellschaftlichen Situationen richten, sondern auch uns selbst in den Blick nehmen:
Es gilt das Taubstumme an uns selbst zu entdecken, das Verschlossene und Verstummte. Wo wir nicht mehr fähig sind, in Kommunikation mit anderen zu treten, wo uns die Worte die anderen nicht mehr erreichen, wo wir nicht mehr fähig sind, Worte zu bilden, mit der Sprache Brücken zu schlagen zum anderen.
Das Evangelium beschreibt uns, wie Jesus damit umgeht. Wie er voller Zärtlichkeit den Taubstummen beiseite nimmt. Es gibt Dinge, die kann man nicht auf dem Markte austragen, die muss man schützen vor dem Zugriff der Menge, die brauchen den wirklich intimen, ganz persönlichen Raum. Die Menge, das sind nicht nur die Menschen drumherum, dass sind all die vielen Stimmen und Störfaktoren, die immer zu auf den Menschen eindringen, ihn in diese oder jene Richtung locken wollen. Die Menge, das kann aber auch die Menge Arbeit sein, die mich von persönlicher Begegnung fernhält.
Allein, abseits, geschützt steht der Taubstumme Jesus gegenüber - und Jesus legt den Finger an die Stelle, die der Grund allen Übels ist. Bloß weg hier, mag da manch einer denken, wer will schon an seinen "wunden" Stellen berührt werden? Und doch sehnen wir uns nicht anderseits genau danach, dass jemand kommt, und uns genau da liebevoll, zärtlich berührt, wo wir uns unfertig, behindert, verletzt erleben - nicht nur körperlich, vor allem seelisch.?
Der Taubstumme hält stand - und erlebt wie sich Jesus ihm in intimster, persönlicher Weise nähert. Er streicht ihm Speichel auf die Zunge. In der Antike galt der Speichel als sehr heilkräftig. Wir wissen heute, dass im Speichel gleichsam unsere unverwechselbare Visitenkarte enthalten ist. Für die Kriminologie eine wertvolle Hilfe.
Wortlos schafft Jesu eine Brücke zu dem Einsamen! Dann erst spricht er das rettende, machtvolle Wort. Effata, öffne dich! Brich auf! Göttliches und menschliches Handeln begegnen sich hier in einzigartiger Weise. Die göttliche Kraft fordert das menschliche Handeln heraus. Bete so als ob alles von Gott abhänge, das heißt vertraue, dass er in dieser Welt wirkt, und handle so, als ob alles von dir abhängt, das heißt leg die Hände nicht in den Schoss, sondern tu das Deine dazu!
Das Evangelium lädt ein, unsere tauben und stummen Stellen wahrzunehmen, um sie gleichsam dem Herrn hinzuhalten, damit er das befreiende Wort spricht. Sind wir bereit zu dieser Begegnung.
Gleichzeitig macht es uns auf eine Notwendigkeit aufmerksam: es müßte unter uns mehr Menschen geben von der Art Jesu. Menschen, die den anderen liebevoll anschauen, und ihn mit zarten Händen berühren; Menschen, die Mut machen, sich zu öffnen; Menschen, vor denken man denken und sagen kann, was einen bewegt.
Menschen, von denen wir am Ende dasselbe sagen können, wie die Menge damals von Jesus: Er hat alles gut gemacht!.