Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant


Predigt 1.Mai 2005
Festhochamt aus Anlass der Amtseinführung von Papst Benedikt XVI.

Ein neuer guter Hirt an der Spitze


„Nach jedem Sturm zieht die Karawane weiter“, sagt ein arabisches Sprichwort. Dieser Monat April war für die Kirche wie ein Sturm, der vieles verändert hat.
Am Beginn standen die Worte eines sterbenden Papstes: „Ich bin froh, seid ihr es auch“, die Nachricht von seinem Tod und eine weltweite Anteilnahme, die so gewiss niemand erwartet hat. Voller Spannung erwarteten wir die Wahl des neuen Papstes, deren Ausgang einerseits überraschend war, andererseits doch auch von vielen erwartet wurde. Benedikt XVI., dessen akademische Laufbahn als Professor in Bonn begann, und der 60 Jahre nach dem Ende des II.Weltkriegs als deutscher Papst nach 450 Jahren den Stuhl Petri bestieg.

In den Massenmedien, im Fernsehen, Radio, in den Zeitungen, Magazinen und Illustrierten war einen Monat lang „Papst und Kirche total“. Selbst die Kabarettisten und Comedians konnten sich dem nicht entziehen. Die Flut der Bilder aus Rom war gross und ihre Verarbeitung durchaus auch mit Respekt verbunden, wie ich mich persönlich überzeugen konnte. Soviel katholische Liturgie hat es in der Vergangenheit in den Medien nicht gegeben.
Verbirgt sich dahinter nur journalistische Sorgfaltspflicht? Ist die Erfahrung der religiösen Präsenz in den Medien im vergangenen Monat nicht auch ein Beweis der These, dass es eine öffentliche Wiederkehr des Religiösen gibt?

Spätestens seit dem 11.September und seit der Tsunami-Katastrophe zum Jahreswechsel zeigt sich öffentlich: wo Krisen bewältigt werden müssen, wo es um Fragen unserer Identität geht, wo Menschen Orientierung suchen und einen Sinn für ihr Leben finden möchten, da gewinnt Spiritualität zunehmend an Bedeutung.
Menschen suchen in großen Unglücken nach Trost und Hilfe, nach den religiösen Formen des Abschiedes, die der Seele helfen können. Die Sprache des Glaubens wird in Anspruch genommen, um die Klage über unsägliches Leid vor Gott zu bringen.

Unser Münster, dessen Kirchweihfest wir heute begehen, leistet hier einen unschätzbaren Dienst in dieser Stadt: es wird zum Ort der Klage, der Tränen und des Schmerzes –
unzählige Kerzen, die entzündet werden, künden von den Gebeten der Menschen, die hier einen Platz finden, wo sie gesprochen werden können – aber auch der Dank, die Freude, der Jubel des Einzelnen vermischen sich hier mit den Herzensregungen der anderen.

Das Münster, dessen fünf Türme sich in den Himmel strecken, wird in Zeiten wie diesen zu einer großen steinernen Klage oder einem großen Jubel, den die Glocken weit in die Stadt hinaustragen.
Wenn es dieses Münster mitten in unserer Stadt, an den Wegen der Menschen nicht gäbe, es müsste gebaut werden. Jedes Kirchweihfest ist immer auch ein Dank an die Generationen, die dieses Gotteshaus über den Gräbern der Martyrer gebaut haben.

Dieses Münster war für eine Zeit lang auch die liturgische Heimat unseres Papstes Benedikt XVI. Bevor er nach Godesberg zog, wohnte er im Albertinum und er zelebrierte täglich hier im Münster die hl.Messe. Unser ehemaliger Küster erinnert sich an die beiden Altäre, an denen der junge Professor Ratzinger zelebrierte – es sind zwei Altäre mit zwei Botschaften, die geradezu zum Wesentlichen unserer christlichen Überzeugung zu zählen.

Der Altar dort oben auf der Empore aus dem 17.Jahrhundert zeigt die Verkündigung des Engels an die Gottesmutter.
Mit dem demütigen Ja der Gottesmutter begann die Menschwerdung. Papst Benedikt XVI. hat das Geheimnis der Menschwerdung am vergangenen Sonntag mit einem schönen Bild beschrieben: Die Menschheit, wir alle, sind das verlorene Schaf, das in der Wüste keinen Weg mehr findet. Den Sohn Gottes leidet es nicht im Himmel; er kann den Menschen nicht in solcher Not stehen lassen. Er steht selber auf, verläßt des Himmels Herrlichkeit, um das Schaf zu finden und geht ihm nach bis zum Kreuz. Er lädt es auf die Schulter, er trägt unser Menschsein, er trägt uns – er ist der wahre Hirt, der für das Schaf sein eigenes Leben gibt.

Der zweite Altar, an dem Josef Ratzinger in unserem Münster vor 40 Jahren zelebrierte, steht fast genau darunter – er zeigt die Taufe Jesu. Wir wissen aus der Hl. Schrift, dass Gott in dieser Stunde seinen Sohn beglaubigt hat mit dem Wort: „Dies ist mein geliebter Sohn“ und wir sind überzeugt, dass er dieses Wort zu jedem Menschen spricht. Papst Benedikt XVI. hat es in seiner Predigt bei seiner Amteinführung so gesagt: Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.

Wir erinnern uns gerne daran, dass Josef Ratzinger in jungen Jahren in Bonn gelebt hat. Inzwischen sind viele Jahre vergangenen.

Was ist heute wie damals die Aufgabe der Kirche? Auf dieser Frage wurde lange Zeit geantwortet: der Einsatz für Alte und Kranke sowie das Eintreten für die Schwachen in der Gesellschaft – und so wurde die Kirche schnell in die soziale Nische abgeschoben. Das kann man sie am ehesten ertragen.

Die Sorge um die Armen und Schwachen bleibt die Aufgabe der Kirche nach wie vor. Der neue Papst hat es so formuliert: Es gibt vielerlei Arten von Wüsten. Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. Die Kirche als Ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle.

Was ist heute wie damals die Aufgabe der Kirche? Andere zählen dazu auch, die christlichen Werte in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Wobei allein der Begriff „Wert“ schon verdächtigt ist, denn er stammt aus dem Bereich der Ökonomie, die immer mehr die Vorherrschaft in der Gesellschaft übernimmt. Der christliche Glaube ist aber mehr als eine Vorratskammer der Werte, aus der alle je nach Notwendigkeit nehmen oder es auch bleiben lassen können.

Kirche ist mehr: sie ist der Ort, wo Menschen mit dem Heiligen in Kontakt treten, wo Menschen, die Botschaft Gottes vernehmen, wo sie ihnen neu buchstabiert wird, wo sie ihnen zur Orientierung wird und wo sie staunend einem Gott gegenübertreten, der sich den Menschen zugewandt hat und zuwendet. Aus dieser Erfahrung entspringt das Gebet und die Anbetung – als erste und vornehmliche Aufgabe der Kirche, aus der aller Gottes- und Weltdienst entspringt.

„Wir sind gekommen, um ihn anzubeten!“ – diesem Leitwort folgen die jungen Menschen beim XX.Weltjugendtag, der im August in unserer Region stattfindet. Es ist die Sehnsucht nach Gott, die die jungen Leute zu uns führt.

Es ist gar nicht wahr, daß die Jugend vor allem an Konsum und an Genuß denkt, sagt der Papst in seiner ersten Audienz für deutsche Pilger. Es ist nicht wahr, daß sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend auch wieder ganz offen für Christus.

Wir wissen ganz realistisch, dass dieses Wort nur bedingt auf alle jungen Menschen zutrifft. Besonders die jungen Menschen in unserem Land brauchen das Beispiel der vielen hunderttausend jungen Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt, um zu verstehen, dass das Leben in Fülle sich nicht in materiellen Dingen erschöpft.

Heute gehen wir einen weiteren Schritt in der geistlichen Vorbereitung auf den Weltjugendtag. Das Weltjugendtagskreuz und die Marienikone, die seit 2 Jahren auf dem Weg durch Europa sind, kommen in unsere Stadt. Bevor das Kreuz morgen Nachmittag auf dem Marktplatz offiziell von der Oberbürgermeisterin empfangen wird, kommt es heute zu uns ins Münster. Das ist gut so – denn mit den Gräbern unserer Martyrer beginnt die nachrömische Geschichte unserer Stadt.

Das Kreuz wird in den nächsten Tagen an vielen Stellen in unserer Stadt aufgerichtet – in Kirchen, auf Strassen und im Bonner Loch. Dabei wird es begleitet von einem Wort unseres Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI.: Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst.

Nach dem Sturm zieht die Karawane zieht weiter, sagt das arabische Sprichwort. Aber es ist nicht mehr die gleiche Karawane. Der Sturm hat sie verändert.
Sturm ist in der Bibel auch das Zeichen des Heiligen Geistes. Brechen wir also nach diesen stürmischen, geisterfüllten Wochen des Aprils neu auf mit dem Kreuz an der Spitze unseres Zuges und mit einem neuen guten Hirten. Amen

Fotos: © Norbert Bach/Bonner Münster