Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt zu Allerheiligen 1999

Im Jahre 2019 planen die Amerikaner die bemannte Raumfahrt zum Mars - eine Meldung aus der vergangenen Woche. Sie hat mich einen Augenblick lang fasziniert, weil ich mich fragte, ob ich es noch erleben werde. Bis dahin müssen noch viele Milliarden Dollar investiert werden. Manchmal frage ich mich, was den Menschen bewegt, solche Summen für solche Zwecke auszugeben - aber es scheint, als ob der Mensch dort im Weltall jene Fragen lösen ,möchte, auf die er hier auf der Erde keine Antwort mehr findet.

Die entscheidende Frage des Menschen, auf die aber wohl auch die Raumfahrt keine Antwort gibt:

Wer bin ich?

Woher komme ich?

Wohin gehe ich?

Das heutige Fest gibt darauf eine Antwort - eine eindeutige, aber gleichzeitig in vielen Variationen, denn jeder Heilige ist eine Variation der Antwort.

Versuchen wir heute eine Antwort aus dem 1.Johannesbrief, aus dem wir in der Lesung gehört haben:

1.-) Woher komme ich?

Es gibt viele Antwortversuche auf diese Frage:

· der Mensch ist rein zufällig -. Er ist das Ergebnis eines sinnlosen, von niemanden beabsichtigten Prozesses;

· der Mensch ist ein Produkt seiner Umwelt, in gesellschaftliche und psychische Zwänge eingebunden, ein unfreies, fremdbestimmtes Wesen

Die Antwort der Heiligen ist:

Wir sind Kinder Gottes -

d.h. im Klartext

ich bin einmalig -

nie wiederholt und wiederholbar

nicht austauschbar - wie Kinder nicht austauschbar sind (das wissen keine besser als die Eltern von mehreren Kindern: die jüngeren sind nicht einfach die Kopie der älteren)

vor allem aber ich bin geliebt, noch bevor ein Mensch mir gesagt hat, daß er mich liebt.

Wir sind Kinder Gottes - d.h. von unserem Ursprung her sind wir zur Gemeinschaft mit Gott berufen - darin liegt unsere Würde begründet. Eine Würde, die uns niemand rauben kann.

Eine der meist verbreitetsten seelischen Krankheiten unserer Zeit ist der Mangel an Selbstwert! Menschen glauben nicht mehr an sich selbst!

Heilige sind Menschen, die sich als Kinder Gottes verstehen und von daher ihre Würde und ihren Wert haben.

2.) Wer bin ich?

Wenn wir uns selbst beschreiben, dann definieren wir uns meistens von anderen her:

Wir sind die Kinder von Eltern -

Die Partner eines Partners -

Die Bürger eines Staates -

Der Angestellte eines Unternehmens -

Der 1. Johannesbrief tut dies nicht anders, wenn er sagt: wir sind Kinder Gottes -

Aber dann fügt der Verfasser ganz selbtbewußt hinzu: Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt.

Das ist die Antwort der Heiligen: wir sind in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.

Wilhelm Bruners beschreibt dies sehr anschaulich in einem Gedicht:

Terese,

die von Avila

konnte fluchen

wie ein Fuhrknecht

und lieben wie die von Magdala

wenn sie den

Freund traf

schwebte sie

und bei Rebhuhn

lief ihr das Wasser

im Mund zusammen

aber:
solo Dio basta

Gott allein genügt

Christsein - das ist nicht ein Accessoire des Lebens. Etwas, das zu meinem Menschsein noch dazukommt, sondern etwas das zu meinem Wesen dazugehört,

Teilhard de Chardin schreibt: "Du mußt Dir Gott entscheiden zu eigen machen als Gott deines Lebens, der allein Deiner Tätigkeit unbedingtes Leben geben kann."

Dann werden ganze andere Menschen für uns wichtig, die die in der Bergpredigt genannt werden: die Kleinen die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Hungernden, die Barmherzigen, jene, die ihre Ellenbogen nicht gebrauchen, die inmitten aller Verführungen treu bleiben, die Friedfertigen, die die keine Angst vor dem Widerspruch haben -

Heilige sind Menschen, die sich von Gott her definieren und entsrpechend leben.

3.) Wohin gehe ich?

Was ist meine Zukunft?

Vielleicht die bedrängendste Frage - denn wir spüren unsere Vergänglichkeit und gleichzeitig die Sehnsucht nach einen dauernden Leben, nach bleibendem Glück, nach nie endender Liebe -

Die Menschen tun alles, um sich diese Sehnsucht schon hier auf dieser Erde zu erfüllen, weil sie Angst haben , keine Zukunft zu haben!

Die Heiligen antworten auf die Fragen, wie es heute im 1.,Johannesbrief hieß:

Wir werden ihm ähnlich sein, wenn er offenbar wird.

Wir werden ihn sehen, wie er ist.

Ein großartiges Wort, denn meine Zukunft liegt nicht im Dunkeln -

Ich werde ihn sehen -

Meine Fragen und meine Sehnsüchte, meine Unvollkommenheiten, meine Grenzen, alles das wird ein Ende haben, wenn ich ihn sehen werde -

Mehr noch ich werde ihm ähnlich sein, das heißt teilhaben an seiner Herrlichkeit.

Ich erschrecke manchmal, wie ich in den Tag hineinlebe, ohne mir dieses Ziels bewußt zu sein.

Heilige sind Menschen die ihr Leben von dieser Zukunft her verstehen und bewußt darauf hinleben.

Schwestern und Brüder,

unser Fest heute gibt einen Antwort auf die Frage des Menschen - nicht nur theoretisch, sondern in der Praxis des Lebens der Heiligen.

Allerheiligen feiern wir: es gibt Menschen, die diese Antwort gelebt haben -

Nicht nur die in den Heiligen-Verzeichnissen stehen - sondern auch jene, die in unserem Herzen einen Platz der Verehrung haben und deren Gräber wir heute besuchen werden.. Amen