Wilfried Schumacher

Pfarrer & Stadtdechant

 

 

Gott spricht die Sprache der Menschen

 

Es war ein jämmerliches Bild, das sich hier vorne am 4. Adventssonntag dem Besucher der Kirche bot: ein Winzer, der vor einem dürren Weinstock sitzt. Kein Blatt, keine Rebe, keine Frucht. Alle Mühen umsonst. Der Winzer hatte sich um seinen Weinstock gemüht, er hatte auf Fruchtbarkeit gehofft, stattdessen saß er da mit leeren Händen.

Es gibt viele Situationen, auf die dieses Bild passt.

 

 

 

 

Mir scheint, dass es auch ein Bild ist, das für unsere Kirche am Anfang dieses Jahrtausend stehen kann.

Legionen von Religionslehrern, Katecheten und Pfarrer haben sich bemüht, die christliche Botschaft verkünden. Trotzdem erklären allein in Westdeutschland 36% in einer Umfrage, sie wüssten nicht, was an Weihnachten gefeiert wird. „Der Todestag vom Weihnachtsmann“ – war nur eine der abstrusen Antworten.

 

Bei einer Fernsehumfrage wurden Passanten angesichts einer Krippe nach den Personen dieses Geschehens gefragt. Die Antworten waren noch schockierender: das Kind heißt wohl Josef, die Könige Pontius und Pilatus und Kaspar, da ist man sich ganz sicher, das Ganze war irgendwann „1400 vor Christus . vielleicht?“ und ereignete sich in Afghanistan – wo denn sonst?

 

Wir sind jetzt viele Wochen lang mit weihnachtlichen Motiven und Musik konfrontiert worden, so dass einem schon fast übel werden konnte, und trotzdem die Botschaft „kommt nicht rüber“.

Der Stall von Bethlehem verkommt zur Dekoration, die Weihnachtslieder werden zur Hintergrundmusik unserer Einkäufe.

 

Parallel dazu überrascht nicht, dass nach einer Gallup-Umfrage die Kirche nur noch an 16. Stelle der Institutionen steht, die sich einer großen Wertschätzung erfreuen.

 

Was ist passiert? Mit einem Finanzaufkommen, wie es der Kirche in keinem Land der Erde zur Verfügung steht, mit hauptamtlichen Personal wie es die Kirche sonst nirgendwo hat, mühen wir uns ab und trotzdem sitzen wir da wie der Winzer vor dem dürren Weinstock.

 

Jeder und jede kann das für sich schnell selbst realisieren: wo und in welchen Bereichen des Lebens hat mir der Glaube noch etwas zu sagen, bestimmt er mein Leben, mein Verhalten.

Die Ursache ist nie eindeutig; aber gewiss können wir sie beschreiben als Sprachlosigkeit:

·       Einmal beherrscht die Kirche anscheinend nicht mehr die Sprache der Menschen, sonst würde sie sie mit ihrer Botschaft erreichen,

·       zum anderen sind wir selbst sprachlos geworden.

 

Über die Dinge der Seele spricht man nicht. Psychologen sagen, dass der Glaube inzwischen zum intimsten des Menschen geworden ist. Das was mich im innersten umtreibt, das, was meinem Leben Sinn gibt oder was mich in Frage stellt, dringt kaum noch außen.

 

Wenn die Einzelhändler in diesen  Tagen klagen, dass sie die Umsatzzahlen des vergangenen Jahres nicht erreicht haben, mag das daran liegen, dass vieles teurer und das Geld knapper geworden ist. Vielleicht stimmt aber auch, was der zeitgenössische französische Philosoph Luc Ferry etwas ironisch auf den Punkt bringt: Der Mensch spürt, „ dass er nicht ausschließlich deshalb auf der Welt ist, um ständig immer leistungsfähigere Autos oder Videogeräte zu kaufen“.

Vielleicht bricht sich im Konsumverhalten die Sprachlosigkeit eine Bahn, die wir gar nicht dahinter vermuten.

 

Sprechen wir noch einen Augenblick nicht nur von den anderen, sondern von uns – die Sprachlosigkeit ist nicht selten auch unser Thema im Umgang mit Gott. Wie sollen wir beten, wie können wir beten? Wie sollen wir Liturgie feiern?

Unser Leben verläuft oft nicht so eindeutig, dass die Worte von gestern heute noch passen würden. 

Unsere Biografien entsprechen schon lange nicht mehr dem Entwurf, den wir einmal von ihnen hatten – manches ist Bastelei, manches Flickwerk, manches geht zu Bruch. Oft gleicht das Leben einer Achterbahn, wir werden hin- und hergeworfen zwischen oben und unten, rechts und links – da bleibt nur Raum für einen Schrei, kaum für ein richtiges Wort. Wir suchen nach Sinn, nach einer Mitte, von der aus sich leben lässt, doch die Worte dafür fehlen uns.

 

Wie geht das ? – angesichts einer solchen Analyse Weihnachten feiern?

 

Der Evangelist Johannes, der in seinem Evangelium weder Krippe noch Stall kennt, keine Engelchöre und keine Hirten, beschreibt das Geschehen mit einem Satz: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Gott selbst hat die Sprachlosigkeit überwunden – Gott spricht die Sprache der Menschen – das ist die Botschaft dieses Festes.

 

 

Gott spricht meine Sprache – es gibt keine menschliche Situation, die ihm fremd ist. Lesen Sie nach im Neuen Testament: allen ist er begegnet, den Frommen wie den Zweifelnden, den Gescheiterten, den Verwundeten, den Heillosen, den Kranken, den Lahmen, den Blinden, den Sündern, den Toten.

Niemand, der hier ist muss einen Umweg um die Krippe machen, in der Meinung, er/sie sei nicht betroffen von dem Geschehen, seine/ihre Biografie sei vielleicht unwürdig, um angesichts des göttlichen Kindes zur Sprache zu kommen.

 

Die Botschaft von Weihnachten ist nicht ausschließend – sondern eine einladend. Jeder/jede ist willkommen.

Die Engel sortieren nicht, wenn sie sagen: Euch ist heute der Heiland geboren. Ihr werdet ein Kind finden.

 

 

Gott spricht die Sprache des Erbarmens – Martin Walser erzählt in seinem autobiografischen Roman „Ein springender Brunnen“ von seiner Kindheit und Jugendzeit, die auch geprägt ist von geistlichen Horrorszenarien. Die Bedrohung durch die Todsünde und die Verwerfung in die Hölle belastet nicht nur den jungen Menschen, sie gehören bis ins Alter hinein zu den Dingen, die Walser bewusst im Gepäck seines Lebens mitschleppt.

Sündenangst und Höllenfurcht haben sich bei vielen Menschen tief eingeprägt. Was ist da nicht alles falsch gemacht worden? Wer hat sich je bei den Betroffenen dafür entschuldigt, dass er ihnen diese Angst gemacht hat?

Angst ist kein Wort aus dem Vokabular Gottes. Dieser Gott, der die Sprache der Menschen spricht, verniedlicht die Sünde nicht – seine Worte dazu sind klar und prägnant – und doch ist sein Verhalten geprägt von übergroßem Erbarmen, das wir nachahmen, aber nie erreichen werden.

 

Gott spricht die Sprache des Lebens – im vergangen Jahr gab es zwei Ereignisse, denen wir teils sprachlos gegenüberstehen.

·       Das Gesetz für die aktive Sterbehilfe, das in den Niederlanden verabschiedet wurde,

·       und die Genehmigung der Einführung von embryonalen Stammzellen, die der Bonner Wissenschaftler Brüstle gestern erhielt.

 

Das eine ist ein Bruch mit einer kulturellen Tradition, in der der Arzt fast eine als sakral geltende Berufung hat, nämlich Leben zu erhalten. Stattdessen macht man ihn zum Herrn über Leben und Tod. 70% in der Gesellschaft sprechen sich für eine aktive Sterbehilfe aus, allerdings nur 3% der Betroffenen, der Schwerkranken.

Jeder hat einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Sterben, aber nicht auf Tötung. Eine Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, muss sich diesem Thema stellen, und darf es nicht durch aktive Sterbehilfe abwickeln. Es ist schon mühsam, über das Sterben zu reden, wenn man schon mit dem Leben nicht mehr klarkommt.

 

Sehr ambivalent ist das andere Problem: kann sich der Mensch aus ethischen Gründen in der Gentechnik selbst beschränken?

Ist nicht die Versuchung gross: wenn ihm schon nicht die Unsterblichkeit geschenkt ist, dann vielleicht doch die immense Verlängerung des Lebens bei körperlicher Gesundheit dank Genmanipulation?

Wie nie zuvor versucht der Mensch die Herrschaft über die Schöpfung an sich zu reißen.

Ehrlich müssen wir dabei sagen, dass es nicht nur um höchst soziale Motive geht, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Interessen.

Gott spricht die Sprache des Lebens – was tun wir um sie hörbar zu machen?

 

Gott spricht die Sprache des Friedens – das Säbelrasseln in der Welt ist unüberhörbar. Am Golf werden die Truppen zusammengezogen. In Bethlehem sind Weihnachtsfeierlichkeiten nur eingeschränkt möglich.

Es gibt der Pulverfässer auf dieser Welt genug! Das Schnellste, was der Mensch vergisst, sind die Leiden des Krieges.

Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind“, sind die ersten Worte der Weihnachtsbotschaft. Sie verhallen auf den Schlachtfeldern, gehen unter im Kanonenlärm. Gott spricht die Sprache der Menschen – und er hat keine andere Sprache als die Sprache der Menschen. Deshalb beten wir an diesem Weihnachten um den Frieden und wir sagen es ganz deutlich: egal wie er heissen mag, ob Bush, oder Saddam, ob Sharon order Arafat, wer den Namen Gottes im Mund führt und von Krieg spricht, der lügt!

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

aus dem dürren Weinstock ist ein blühendes und fruchtbares Gewächs geworden. Nicht weil wir uns angestrengt hätten, sondern weil Gott selbst eine letzte Anstrengung unternommen hat und Mensch geworden ist.

 

In unsere Sprachlosigkeit, in unsere Stummheit hat Gott selbst sein Wort gelegt.

Vielleicht gelingt es uns nur hilflos, vielleicht stammelnd daraus selbst ein Wort zu formen – aber jedes, das wir finden, ist ein Grund zu feiern. Amen