Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt zu Weihnachten 2001
Harry Potter und "Der Herr der Ringe" erfreuen zur Zeit die Kinobesitzer. Kleine
und Große Kinder strömen in Scharen vor die Leinwände, um ihre Sehnsucht nach
bezaubernden Wundern zu stillen. Heute abend können wir es mit den Kinobesitzern
aufnehmen. Wir alle sind gekommen, weil es irgendwo in unserem Herzen - vielleicht
ganz versteckt, vielleicht in der hintersten Ecke - eine Sehnsucht gibt nach
dem Wunder der Weihnacht. Und das ist gut so!
Sie alle werden in dieser Nacht zuerst einmal angeschaut von einem Menschen hinter Gittern. Sein Bild ist hier vorne in unserer Krippe schon seit dem 1.Advent aufgestellt. Schaut er heraus oder herein? Ist er neugierig, ist er gefangen, ausgeschlossen? Was hat er gesehen in diesen Wochen des Advents und in dieser Heiligen Nacht? Vor allem aber: Wen hat er gesehen?
1.) Das erste Bild war Abraham, der in den Himmel schaute und eine Verheissung empfing. Die Sterne am Himmel werden für ihn zu einer Vision seiner Zukunft. Diese Aussichten lassen ihn leben. Wenn ich mir unsere Gesellschaft anschaue, dann stelle ich erschütternd fest, dass wir ein Volk ohne Visionen sind; unsere Politiker sind Pragmatiker, dass müssen sie natürlich auch sein. Aber wo sind ihre Vorstellungen von der Welt, von der Zukunft, wo sind ihre Werte an denen sie ihr Handeln ausrichten? Wir können nicht nur von der Hand in der Mund leben und die Aussichten auf irgendwelche Rentenprogramme geben allein noch keine Zukunft. Unsere Bio-Wissenschaftler scheinen Visionen zu haben. Für sie ist ein Leben ohne lebensbedrohende Krankheiten wohl ein Traum, den sie auch auf Kosten anderer verwirklichen wollen. Trügerische Aussichten! Und wir selbst? Blicken wir über den Tag hinaus oder schauen wir nur auf uns selbst und den Augenblick. Wer nur auf sich selbst starrt und den Blick nicht mehr erhebt, kann genauso ins Stolpern geraten, wie jene Menschen, die nur noch nach den Sternen schauen und zu "Traumtänzern" werden. Der Mann hinter Gittern hat viele gesehen, sieht viele, denen die Zukunft abhanden gekommen ist.
2.) "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen", so beginnt Gottes Rede aus dem brennenden Dornbusch. Unser 2. Bild zeigte Moses in dieser Szene. Wir müssen nur die Abendnachrichten im Fernsehen anschauen, um das Elend der Menschen heute zu erleben, wenigstens das, was Schlagzeilen macht. Vielleicht hätten wir früher über das Wort "Elend" gelächelt, es als veraltetete biblische Sprache abgetan, aber seit dem 11.September wissen wir wohl alle wieder was Elend ist. Unsere scheinbaren Sicherheiten sind plötzlich dahin, nicht nur die Türme des World-Trade-Center sind zusammen-gebrochen. Heute erleben wir die Not in Afghanistan und schauen enttäuscht auf die Friedlosigkeit im Nahen Osten. Aber das Elend in der grossen Welt ist nicht allein das Thema Gottes - auch unsere ganz persönliche Not sieht er - auch wenn wir manchmal glauben, er sei abwesend. "Vernimm doch mein Flehen; denn ich bin arm und elend.", betet der Psalmist im Alten Testament. Im gleichen Psalm 142 heisst es: "Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not." Unser Mann hinter Gittern hat viele in diesem Advent gesehen, die so vor Gott hingetreten sind, manchmal ganz und gar sprachlos. Und wahrscheinlich sind unter ihnen auch jene, denen eher nach Weinen zumute ist als nach weihnachtlichen Gesängen.
3.) Das 3. Bild des Krippenweges zeigte den Propheten Elija, der sich mit aller Kraft für Gott eingesetzt hatte, aber schließlich um sein Leben fürchten mußte, weil man ihn umbrin-gen wollte. "Es ist genug", sagt er und legt sich in der Wüste unter einen Ginsterstrauch, um zu sterben. Dort macht er die Erfahrung, dass Gott ihn nicht aufgibt, ein Engel reicht ihm Brot und Wasser und macht ihm Mut, weiterzugehen. Unser Mann hinter Gittern hat viele gesehen, die in ähnlicher Situation wie Elija waren. · Die Eltern, die alles den Kindern gegeben hatten, was sie konnten, und die nun erleben, wie sie sich entfremden. · Der Manager, der sich mit viele Zeit und Kraft für sein Firma eingesetzt hat, und der nun arbeitslos ist; · Der Liebhaber, der seine Liebe auf jede nur mögliche Weise gezeigt hat, und der schließlich abgewiesen wird - Drei Beispiele für alle die viele, die hier saßen und sitzen und sagen - "Basta, Gott, es reicht mir".
Liebe Schwestern und Brüder, realistisch betrachtet gleicht unser Weltenhaus, das der grossen wie auch unserer kleinen Welt, eher einer Bruchbude, denn einer feinen Unterkunft. Das Dach ist undicht und auch die Wände geben keine Sicherheit, notdürftige abgestürzt, keine heimelige Behausung. Wie jenes Haus auf dem Krippenbild von Hieronymus Bosch. In diesem Weltenhaus, in unserem Weltenhaus geschieht Menschwerdung. Gott schickt aber in unsere Bruchbude keinen Handwerker, der gleich Hand anlegen könnte. Gott schickt in die Armseligkeit ein armseliges Kind.
Das Weltenhaus bleibt voll gepackt mit Friedlosigkeit und Waffenarsenalen,
mit Ängsten und Zweifeln, mit Unsicherheit und tödlichen Abgründen. Weihnachten
schafft keine heile Welt, aber es verändert die Perspektive. Es gilt, die Welt
aus der Perspektive dieses Kind zu betrachten: · nicht mit entschlossenen Fortbewegungen,
sondern nur Schritt für Schritt, · nicht mit der ungeduldigen Geste, sondern
im geduldigen Wachsen, · nicht mit großen Worten, sondern gleich dem kindlichen
Aneinanderreihen von Lauten verändert sich diese Welt.
Wir kennen dies alle aus unserer Lebenserfahrung: · Wenn es galt, einen Menschen
zu lieben, · wenn wir trauernd einen Abschied, eine Trennung überwinden mussten,
· wenn eine berufliche oder örtliche Neu-Orientierung anstand, · wenn wir uns
anfreunden sollten mit unseren Schatten, · wenn wir ernst machen wollten mit
Versöhnung und Frieden, dann ging es nur langsam Schritt für Schritt, geduldig
heranwachsend, langsam Gestalt annehmend.
Mit dieser Lebenserfahrung verstehen wir: in der Krippe wird das Wort aus dem
Buch des Propheten Jeremia(Jer 29,11) lebendig: "Ich will euch Zukunft und Hoffnung
geben".
Alles, was wir uns ersehnen,
lacht uns aus der Krippe
entgegen. Es wird uns bleiben, wenn wir es nicht mit unserer Ungeduld, mit
unserer Sucht, in Windeseile alles selber machen und schaffen zu können, selbst
zunichte machen. Wer genau hinschaut, wird auch unseren Mann "hinter Gittern"
wiederfinden. Er schaut jetzt auf das neugeborene Kind. Die Wüste hier vorne
ist geblieben, aber die Wüste blüht.
Weihnachten schafft keine heile Welt, aber es verändert die Perspektive - das
gilt nicht nur für den Blick auf unser Leben, auf unsere Welt. Wer wie die Hirten
in Bethlehem den Himmel offen sieht, kann auf Erden nicht alles beim alten belassen.
So nimmt uns das Fest auch in die Pflicht. Wir sind eingeladen aus der Beobachterrolle
herauszutreten und auch mit Hand anzulegen, damit aus dem brüchigen Weltenhaus
eine Wohnung für alle Menschen wird - denn der Friede der Weihnacht ist allen
verkündet. Amen