Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt am 16.10.2001
Gottesdienst für die Opfer des Terroranschlags in den USA
„Wir sind sprachlos „, so haben wir diesen Gottesdienst überschrieben und ich glaube dieser Titel fängt ein, was wir alle in diesen Tagen empfunden haben und empfinden. Die Worte reichen nicht aus, um die Bewegung unserer Herzen zu beschreiben. Die Worte fehlen uns, um das Grauen fassbar zu machen.
„Der Tod ist das einzige Ereignis, das ich nicht kommentieren werde“, hat der französische Publizist Francois Mauriac einmal gesagt. Seine Kommentare in den französischen Zeitungen wurden von einem grossen Publikum gelesen; doch vor dem Tod verstummten auch seine Worte.
Es ist jetzt die Zeit zum Nach-Denken, hat jemand in das Buch neben dem Kreuz geschrieben. Und er hat recht: wir wollen nach-denken, noch nicht sehr strukturiert und geordnet, so wie uns in diesen Tagen halt vieles durch den Kopf geht.
1.)
Wenn ich mit Menschen in den vergangenen Tagen über die
furchtbaren Ereignisse in den USA sprach, sagten die meisten fassungslos: „ Es
war wie im Film!“ Und sie hatten recht – die Bilder kannten wir alle – aus dem
Film, aus dem Kino und dem Fernsehen. Wir haben solche furchtbaren
Bildsequenzen jahrelang zu unserer Unterhaltung angeschaut. Doch plötzlich wird
aus den Bildern Realität – wahrscheinlich nur für die Menschen überhaupt im
Tiefsten nachvollziehbar, die in New York oder Washington die Verwüstungen mit
eigenen Augen sehen. Zur Spaß-Gesellschaft gehörte das Grauen auf der Leinwand
dazu! Und wenn nicht alles täuscht, haben sich die Terroristen genau dies zu
nutze gemacht – konnten sie doch damit rechnen das 20 Minuten nach der ersten
Flugzeugattacke alle Kameras auf das
Gebäude gerichtet waren, um die zweite einzufangen. Die Texte der erste Lesung,
vom Propheten Jesaja vor mehr als 2500 Jahren geschrieben, klingen teilweise
wie eine Beschreibung der vergangenen Woche. Von ihm war dieser apokalyptische
Text gedacht als ein Aufruf zur Besinnung – Ihr dürft so nicht weitermachen!
Die Bilder des Grauens sollten nachdenklich machen – wir haben die Bilder des
Grauens jahrelang konsumiert, bis sie von der Realität eingeholt wurden. Reicht
es jetzt zum Nach-Denken?
2.)
Wer schon einmal in einem palästinensischen Flüchtlingslager
war, wer die Favellas in Lateinamerika mit eigenen Augen gesehen hat, wer
weiss, wie es in den Hungercamps in Afrika zugeht, der mag ahnen, wo der Terror
seine Wurzeln hat. Menschen, die ohnmächtig ausgeliefert sind an ihre
Situation, greifen zu Mitteln, die nicht zu rechtfertigen sind, aber die ihnen
als die einzig möglichen erscheinen, um Macht zu haben, etwas machen zu können.
Wenn sie dann auch noch bei religiösen Eiferern Widerhall und Unterstützung
finden, dann ist schnell eine hochexplosive, tödliche Mixtur entstanden. Das
kennen wir mit allen religiösen Hintergründen, mit christlichen, jüdischen und
muslimischen – in der Geschichte wie in der Gegenwart. Da kann keine Religion
voll Arroganz oder gar Hass auf die andere herabschauen. Verständlich ist, dass
man jetzt danach trachtet, dem Terrorismus Einhalt zu gebieten. Verständlich
ist, dass man jetzt eine internationale Allianz gegen die Verbrecher schmieden
will, denen das Leben Tausender gleichgültig ist. Jedoch: wer an der Schraube
der Gewalt dreht, muss wissen, dass sie schnell überdreht ist und neue Gewalt
hervorruft. Deshalb gilt unser Gebet auch denen, die Verantwortung tragen für
die politischen Entscheidungen.
„Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“,
heisst in der 2.Lesung. Daran liegt für mich auch ein Auftrag. Es gilt alles zu
tun, dass auf dieser Erde Zustände herrschen, die der Gewalt und Aggression den
Nährboden entziehen. Vielleicht könnte ein Teil der 40Milliarden Dollar, die
dem amerikanischen Präsidenten zur Verfügung stehen, auch hierfür verwandt werden?
3.)
Die quälende Frage, die die unmittelbar Betroffenen noch mehr
bewegt als uns in der Ferne ist das „Warum?“ Wie konnte das geschehen? Warum
hat Gott das zugelassen? Warum gerade meine Frau, mein Mann, mein Kind, meine
Eltern, mein Freund? Fragen, die wir alle kennen, aus unserer eigenen
Biografie. Im Evangelium bringt Martha diese Frage ins Wort: „Herr, wärest du
hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“
Der anschliessende Dialog ist gewiss nur die Zusammenfassung eines langen
Prozesses des Zweifels und der Trauer, an dessen Ende das glaubende Bekenntnis
steht: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in
die Welt kommen soll“.
Ich bin gewiss viele Menschen, die in dieser Woche hier und anderswo gebetet
haben, haben die Fragen nach dem Warum in ihrem Herzen gehabt; haben geklagt
und Gott angeklagt.
Die Tatsache, dass der Herr sich auf das Gespräch mit Martha einlässt, zeigt
mir, dass die Frage, ja auch der zweifelnde Vorwurf vor ihm sein darf. Wir
müssen dies nicht übergehen und
verdecken, sondern wir können es aushalten – in der Hoffnung, dass am Ende das
glaubende Bekenntnis und die Zuversicht steht. „Ich möchte glauben, komm mir
doch entgegen“, heisst es in einem Lied.
Wir sind sprachlos, liebe Schwestern und Brüder.
Ingeborg Bachmann schreibt in einem ihrer Gedichte „in meine Stummheit leg ein Wort“. Vielleicht ist das die einzig angebrachte Bitte in diesen Tagen. Vor allen Worten, die wir selbst zu machen in der Lage sind, lassen wir uns jetzt Gottes Wort sagen.
Herr, in meine Stummheit leg Dein Wort. Amen